Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Journal
- Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Volume
- 1935. Bestand LBI
- Issue
- September 1935
- Date
- 1935-09-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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der. Das Zielland gewinnt Produzenten, Hebung der Lebenshaltung, Kapitalzuwachs und Erleichterung von Kapitallasten. England verwandelt unproduktive Kräfte in produktive oder in produktivere und schafft Platz für Unproduktive in seinen eigenen Grenzen. Gewisse Werte, die es durch Auswanderung verliert, können durch die Vorteile ausgeglichen werden. Zur Auswanderung soll nur dann ermutigt werden, wenn eine befriedigende Ansiedlung erzielt werden kann, d. h. wenn die ungeeignetsten Leute in einer angemessenen Zeit soweit kommen, daß sie sich und ihre Angehörigen erhalten können, ohne einen Menschen im Ziellande zu verdrängen, und wenn die geeignetsten einen derartigen Ueberschuß produzieren, daß hierdurch ein weiter Arbeitsmarkt für andere geschaffen wird. Die Mindestforderung bleibt, daß der Siedler sich und seine Familie ernähren und kleiden kann. In jedem anderen Falle muß gefordert werden, daß ein in verständigen Grenzen sicherer und nutzenbringender Markt für eine beachtliche Menge der Produkte der Auswanderer vorhanden ist oder geschaffen werden kann. Dies ist der erste Gesichtspunkt für die Bewertung von Auswanderungsplänen, von den bewußt auf Selbstversorgung abgestellten abgesehen. Dieser Gesichtspunkt gilt für Einzelwanderer wie für Gruppen und für industrielle wie für landwirtschaftliche Kräfte. Es gibt keine größere und keine unmittelbarere Förderung der Auswanderung, als in England oder sonst wo die Absatzmärkte für die Erzeugnisse der Dominions zu erweitern. Eine vermehrte Aufnahmefähigkeit der überseeischen Teile des britischen Reiches für Einwanderei aus England ist nicht die geringste unter den Folgen all der Maßnahmen, die hier im Lande getroffen werden könnten, um die Einfuhr aus den Dominions zu vergrößern. Es darf nicht vergessen werden, daß eine erfolgreiche Auswanderung nicht künstlich nur durch Gewährung von Erleichterungen finanzieller oder anderer Art für Auswanderer geschaffen werden kann, weder in Zeiten der Prosperität noch in einer Periode wirtschaftlichen Niederganges. Sie wird geschaffen durch Sicherstellung der wirtschaftlichen Grundlagen, die ihr Aussicht auf Erfolg geben. Die Gewährung von Erleichterungen ist eine rein zusätzliche Maßnahme und ist entschieden schädlich, wenn sie die Auswanderung dort fördert, wo die Voraussetzungen für den Erfolg nicht gegeben sind, in Sonderheit, wenn ein Markt fehlt. Eine Einwanderung kann nur dann Fuß fassen, wenn ihr die Bildung oder die Einfuhr neuen Kapitals vorangeht oder sie wenigstens begleitet. Das Wachsen blühender Bergbau-Gemeinden ist eine höchst schätzenswerte Anregung für die landwirtschaftliche Entwicklung; es ist beweisfähig, daß unter den gegenwärtigen Bedingungen einer der besten Dienste, die die Regierung der Wanderung leisten könnte, in der Unterstützung wissenschaftlicher Untersuchungen bestehen könnte, zum Zweck, neue Fundorte von Mineralien zu entdecken. Jede Auswanderung, ob mit oder ohne Förderung, vollzieht sich durch Gruppensicdlung oder durch Infiltration. Unter Gruppensiedlung wird die Siedlung einer gewissen Anzahl von Auswanderern verstanden, die in einer Gruppe organisiert sind und ein bis dahin nicht kultiviertes Stück Land besetzen. Unter „Infiltration" wird das Ansetzen einzelner Leute oder Familien, auf Land oder anderswie, in bestehenden Gemeinden verstanden, wo sie Raum finden oder wo für sie Raum gefunden werden kann. Verschiedene Formen von Gruppensiedlung haben immer in der öffentlichen Erörterung über Wanderungsfragen einen hervorragenden Platz eingenommen, und gegenwärtig scheinen sie das Feld bis zum Ausschluß irgend welcher anderen Pläne zu behaupten. Indessen hat in der Vergangenheit die Infiltration 96 bis 99 Prozent der jährlichen Gesamtauswanderung ausgemacht, die Gruppensiedlung aber durchschnittlich nur ungefähr 3 Prozent. Die Zahl der Leute, die sich dauernd auf dem Lande niedergelassen haben, ist vergleichsweise gering; ein verhältnismäßig gioßer Teil der Siedler hat mit der Zeit das Land verlassen und eine andere Beschäftigung aufgenommen. Obwohl dauernd mit Emphase die Ansiedlung als das eigentliche Ziel der Auswanderung bezeichnet wurde, ist in den letzten 10 Jahren nicht mehr als ein Drittel, möglicherweise sogar beträchtlich weniger als ein Drittel der Auswanderer aufs Land gegangen, von denen nach kurzer Zeit viele wieder abgewandert sind. Es muß bezweifelt werden, daß es sich aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen rechtfertigen läßt, eine Politik der Ansetzung von Siedlern unter Ausschluß anderer Beschäftigungen zu verfolgen. Es läßt sich nicht rechtfertigen, eine Politik zu empfehlen, die vorsieht, Auswanderer mit dem Geld zu versehen, das sie in den Stand setzt, sich anzusiedeln. Versuche in Australien und Canada weisen beträchtliche Verluslziffern auf. Trotz schärfster Auswahl locken solche Unternehmungen zahlreiche Leute an, die deshalb bereit zum Siedeln sind, weil sie wissen, daß sie im Falle des Mißerfolges kein eigenes Kapital investiert haben. Es ist eine absolute Bedingung, daß die Regierung den Vertrag über Hergabe von Geld mit dem Siedlungsträger schließt und nicht mit dem einzelnen Siedler. Pläne für Gruppensiedlung haben bisher eine Aufmerksamkeit erregt, deren Größe in keinem Verhältnis zu ihrer Bedeutung steht. Die Pläne, die in letzter Zeit verfolgt wurden, sehen die Gründung von öffentlichen Körperschaften oder ,,chartered Companies" vor, die jungfräuliches Land nach dem Gruppenprinzip erschließen wollen. Jede Gruppe soll aus derselben Gegend sorgfältig ausgesucht und in England angelernt werden, während am Ziel das für sie bestimmte Land teilweise vorbereitet wird. Die Bewirtschaftung soll unter der Aufsieht von Sachverständigen erfolgen, eine Kontrollorganisation soll den Absatz für ihre Produkte schaffen. Einheimische Leute sind aber besser imstande, die Schwierigkeiten der Erschließung neuer Gegenden zu überwinden als Neueinwanderer. Außerdem gibt es genügend landsuchende Leute im Ziellande. Aus beiden Gründen ist es vorzuziehen, Einwanderer in schon bestehenden Gemeinden anzusiedeln. Wie schon früher gesagt, ist der vorhandene Absatz oder die Möglichkeit, ihn zu schaffen, das Wichtigste. Der Einzeleinwanderer kann normalerweise sich der bereits vorhandenen Absatzwege bedienen. Wenn, wie es heute der Fall ist, der Markt für Kolonistenprodukte gesättigt ist, ist es für ihn weit schwieriger, in einer Gemeinde auf neuem Lande seine Produkte zu verwerten als inmitten einer gleichen Zahl von Siedlern innerhalb einer schon bestehenden Gemeinde. In letzerem Falle werden sie mit geringeren Schwierigkeiten auf den vorhandenen Wegen abgesetzt werden können, als wenn bei einer Gruppensiedlung auf Neuland für eine große Menge von Produkten neue Absatzwege gesucht werden müssen und vielleicht nicht gefunden werden. Schon die bloße Existenz neuer Vorräte kann in diesem Falle einen ernsten Preisdruck bewirken. Die Erfahrung der letzten Zeit hat gezeigt, daß die organisierte Gruppensiedlung von der Leitung ein besonderes Maß von Fähigkeiten und von den Siedlern von Kameradschaft und Zusammenhalten verlangt. Ein Versagen wirkt sich auf die ganze Gruppe aus, bei der Einzelsiedlung wird die Gemeinschaft davon nicht berührt. Das Erschließen neuer Flächen erfordert große Anfangsausgaben für Wege, Bahnen, Schulen usw. und darüber hinaus vergleichsweise große Kapitalanlagen für Land. Gebäude, Vieh, Inventar usw. Auch wenn der Landpreis niedrig ist, ist das Kapital sehr hoch, was gebraucht wird, um das Land in Produktion zu bringen. Im Fall der Einzelauswanderung sind Wege, Bahnen, Schulen schon vorhanden und werden im Zuge des Anwachsens der Gemeinden schrittweise neu geschaffen. Bei Gruppensiedlung auf bereits erschlossenem Lande wachsen aber noch die Anlagekosten für den Boden. Mit Rücksicht auf die beträchtliche Steigerung der Produktivität bebauter Flächen scheint es nicht wahrscheinlich zu sein, daß in nächster Zukunft sich ein wesentliches Bedürfnis nach Ausdehnung der Flächen für die Urproduktion entwickelt. Sollte dies aber eintreten, so wird es leichter durch eine Vergrößerung bestehender Gemeinden befriedigt werden können, als durch Besiedlung neuer Flächen großer Ausdehnung. Selbst wenn die Gruppensiedlung in anderen Beziehungen erfolgreich wäre, so könnten durch sie aus administrativen, wenn nicht schon aus anderen Gründen, nicht mehr als etwa 10 000 Personen jährlich untergebracht werden. Diese Zahl kann aber nicht als ein ernstlicher Beilrag zur Lösung des Bevölkerungsproblems im Britischen Reich angesehen werden. Man kommt unwiderstehlich zum Schluß, daß die finanziellen und anderen Risiken in gar keinem Verhältnis zu den bisher erzielten Ergebnissen stehen, und daß andere Methoden weit größere Ergebnisse bei weit geringeren Kosten und Schwierigkeiten liefern. Deswegen wird empfohlen, daß die Regierung zukünftig Gruppensiedlungsplänen keine Unterstützung leihen soll. Besondere Verhältnisse können in einigen Teilen des Britischen Reiches heute eine Ausnahme rechtfertigen; dann aber mögen es andere als wirtschaftliche Gründe sein. Aus allem muß geschlossen werden, daß, wenn die Umstände günstig sind, die Siedlung durch Infiltration die besten Aussichten für eine erfolgreiche Wanderung in großem Umfange zu vernünftigen Kosten bietet. Es ist wünschenswert, ausschließlich bei Rufpassagen eine Unterstützung zu gewähren. Die Vorteile des Rufsystems sind so groß, daß keine Mühe gescheut werden sollte, es zu fördern und auf alle Arten von Auswanderern auszudehnen. Irgend eine Maßnahme, an die die Regierung denken könnte, um selbst ein Kolonisationsprojekt anzufangen und durchzuführen, und um den einzelnen Auswanderer zu fördern, sollte so unaufdringlich wie möglich sein. Unmittelbare Ermutigung und Förderung wecken den Glauben, die Regierung gewährleiste den Erfolg und könne deswegen in jedem Notfalle zu Hilfe gerufen werden. Dies muß als ein ernstes Hemmnis für den Erfolg einer Auswanderung angesehen werden. Die ideale Organisation muß darin bestehen, die erfolgreichen freiwilligen Organisationen, die sich mit Auswanderung befassen, zu fördern, damit sie in ihrem Werk fortfahren und es ausdehnen. 12