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Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen · 1928-03-01 · März 1928 · p. Seite 9

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Journal
Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
Volume
1928. Bestand LBI
Issue
März 1928
Date
1928-03-01
Page
Seite 9 (sequence 11)
Language
German
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Emigran Ion und ihren Drang, unerträglichen Verhältnissen zu entrinnen oder sich mit nahen Familienangehörigen zu vereinigen, in gewissenloser Weise ausnutzen. Aber immer und Immer wieder treiben Schwindler ihr Unwesen und fallen Emigranten Schwindlern, die einzeln arbeiten oder organsiertc Banden bilden, zum Opfer. Es sind kürzlich wiederum Mitglieder einer internationalen Paßfälscherbande in Berlin verhaftet worden. U. a. hatten sie in Berlin mil gefälschten Führungszeugnissen von Berliner und auswärtigen deutschen Behörden gearbeitet. Es wurde versucht, Angestellte eines Generalkonsulats zu Fälschungen zu bewegen. Die Mitglieder der Bande sollen in dauernder Verbindung mit auswärtigen Fälschern geslanden und einen lukrativen Handel mit gefälschten Pässen getrieben haben, namentlich zum Zwecke der Einwanderung nach den Vereinigten Staaten. Durchschnittlich sollen sie aoo Dollar für den gefälschten Paß verlangt haben. Zu Anfang des Jahres 1928 wurde in Berlin gegen einen Paßfälscher verbandelt, der in größtem Umfange Schwindeleien betrieben hat, Er hat Hunderten, die nach Amerika auswandern wollten, gegen ein Honorar von einigen hundert Dollars falsche Papiere und Pässe besorgt, damit sie als deutsche Staatsangehörige nach den Vereinigten Staaten U. S. A. auswandern konnten. \.uch davor muß gewarnt werden. A ersuche zu machen, fiber die Fandgrenze von Canada oder Mexiko aus illegal nach den Vereinigten Staaten zu gelangen. Es wird jetzt auch der Luftweg zum illegalen Ueherschreiten der Grenze benutzt. Immer neue Tricks werden ersonnen, um Einwanderungswillige ins Garn zu locken, die aber fast immer aufgedeckt wei'den, denn es werden in Amerika selbst Nachfor<chungen nach Uebertretern der Gesetze gehalten. Welche Manöver zur Umgehung der Gesetze und zur Täuschung der Behörden gemacht werden, zeigt u. a. die Tatsache, daß es amerikanische Bürger gibt, die es übernommen haben, Sogenannte Ouola-Ehen einzugehen. Ein unverheirateter amerikanischer Bürger, der den Nachweis seiner Bürgerschaft erbringen kann, schließt eine Ehe mit einer Immigrantin z.'B. in Mexiko. Nachdem die Frau auf Grund der Eheschließung nach den Vereinigten Staaten gelangt ist, erfolgt eine Scheidung der fiktiven Ehe. Es isl außerordentlich zu wünschen, daß Verzweiflungsschritten von Auswanderungswilligen und dem Treiben gewissenloser Elemente, die Unerfahrene ins tiefste Elend stürzen — der Weg in das Land ihrer Sehnsucht kann ihnen dadurch unter Umständen für immer verschlossen werden — durch eine Humanisierung der amerikanischen Einwanderungsgesetze der Boden entzogen wird. Kein Staat, und sei es auch der größte, und gerade nicht ein großer Staat von der Bedeutung der Vereinigten Staaten, darf seine Machtmittel gebrauchen, heiligste menschliche Bande zu zerreißen, und wie der Kampf gegen inhumane Bestimmungen in Amerika selbst nicht zum Stillstand kommt, so wird auch der Kampf außerhalb der Vereinigten Staaten dagegen nicht aufhören. Es wird nicht nur den Eingewanderten und ihren Angehörigen im Ausland tiefstes Leid zugefügt, es werden auch dem Staate selbst, je länger die Bestriktion dauert um so mehr, tiefste Wunden geschlagen — sowohl was moralische wie wirtschaftliche Konsequenzen betrifft. Mexiko. Das Nachriehlonblall der Beiehsslolle für das Auswanderungswesen vom i. Januar 1928 gibt aus dem Wochenbericht des österreichischen Wanderungsamles vom 12. November 1927 nachstehendes wieder: Bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von i5o Pesos (1 mex. Peso — etwa 2,o4 M.) entfallen etwa 80 Pesos auf Wohnung und Lebenshaltung, etwa 3o Pesos auf Kleider usw.. so daß für die sonstigen Lebensbedürfnisse nur mehr 4o Pesos übrigbleiben. Bei Arbeitern und Tagelöhnern reebriet man mit einem Durchschnittslohn von 1,5 Pesos je Tag. Unter Berücksichtigung dieser Durchschnittszahlen ist der Schluß gerechtfertigt, daß die Angestellten keine hinreichende Entlohnung bekommen und daß die Arbeiter nicht einmal das Lebensminimum erreichen. Nur sehr geschulten Handwerkern kann es gelingen, nach großen Anstrengungen auch /(—6 Pesos im Tage zu erhalten; besondere Spezialisten können es auch bis zu ro Pesos im Tag bringen. Den auswärtigen Arbeitskräften machen die Einheimischen (Indianer) schwere Konkurrenz, weil sie nur äußerst geringe Lebensansprücbe stellen. Außerdem müssen sich ausländische Arbeiter in eine mexikanische Arbeitergewerkscbaft einschreiben lassen. Eine obligatorische Versieherungspflicht existiert nicht, doch gibt es eine Spezialkommission im Ministerium des Innern, des Handels und der Arbeit, an die im Bedarfsfalle bei Arbeitsunfällen ein Ansuchen um Entschädigung gerichtet werden kann. Diese Kommission stellt dann für jeden einzelnen Fall die Höhe der zu gewährenden Entschädigung fest. Der größte Teil der Arbeiter ist gewerkschaftlich organisiert, und zwar ist die Gewerkschaft „Crom" von ausschlaggebendem Einfluß. Alle Arbeiter, die eine Arbeit finden wollen, müssen sich ihr anschließen. Brasilien. Ausdehnung. Klima. Die Vereinigten Staaten von Brasilien haben einen Umfang von '8Ö2i 117 qkm und rund 3o 000 000 Einwohner, was eine Bevölkerungsdichtigkeit von 3,6 auf einen Quadratkilometer ausmacht. Die jüdische Bevölkerung wird auf 21000 geschätzt. Es ist weitaus der größte Staat Südamerikas. Das Klima in Nord- und Mittelbrasilien ist für Europäer nicht geeignet, für die jüdische Einwanderung kommt hauptsächlich Südbrasilien in Betracht, das ein für Europäer erträgliches Klima hat. Es sind die Staaten Parana, Santa Katharina, Bio Grande do Sul, Bio de Janeiro, Sao Paulo. Die Kolonien der Ica. Nachstehend einige Angaben diu- Verwaltung der Jewish Colonization Association (Ica) über die Entwicklung ihrer Kolonien in Brasilien. „Die Ergebnisse in Brasilien sind noch nicht so glanzvoll wie bei dem Wrerk in Argentinien. Sie sind jedoch talsächlich vorhanden, und die Lage hat sich im Laufe des letzten Jahres sichtlich gebessert. Nichts zeugt mehr von dem Vertrauen, das die Kolonien einflößen, als der Zuwachs von i3oi Seelen. Die Gesanitbevölkerung in den Kolonien beträgt 2118 Personen. Die durch die brasilianische Judenheit erzielten Forlschritte sind übrigens bemerkenswert. Infolge der Wirksamkeit unseres speziellen Delegierten, den wir im Jahre 192/i entsandt hatten, um unsere erzieherische und moralische Arbeit in diesem Lande zu organisieren, haben sich viele jüdische Gemeinden gebildet, die bald lausende Immigranten werden aufnehmen können. Es exi-liercn schon 19 Schulen in dem Lande. Wir haben das Becht, auf diese Schöpfungen stolz zu sein, die schon der jüdischen Immigration ausgezeichnete Dienste leisten. 090Ö Juden sind im letzten Jahre in Brasilien, allein in den Häfen von Bio de Janeiro und Santos, anstatt 262/i im Jahre 1925, gelandet. 273 von ihnen haben sich in unsere Kolonien begeben. Die anderen haben sich mit Hilfe verschiedener Komitees im Lande zerstreut. Es ist interessant, zu bemerken, daß in allen Oertlichkeiten von irgendwelcher Bedeutung, wo sich jüdische Immigranten festgesetzt haben, heule dank der Ica eröffnete und von ihr unterstützte jüdische Schulen bestehen: 800 Kinder ungefähr besuchten sie schon im letzten Jahre." Wirtschaftliche Verhältnisse. Nachstehende Angaben aus dem neu herausgegebenen Merkblatt der Beichsstelle für das Auswanderungswesen sind von großer praktischer Bedeutung. Brasilien macht zurzeit eine wirtschaftliche Krise durch, von der der Handel und besonders auch die Industrie betroffen wird. Das im Lande selbst vorhandene überreichliche Angebot von kaufmännischen und technischen Kräften genügt vollauf, um einen zukünftig etwa auftretenden Bedarf zu decken. Die Gehälter der kaufmännischen und technischen Angestellten richten sich nach den Fach- und speziellen Landeskenntnissen. Letztere haben in einem so weiten und in seinen einzelnen Teilen so verschiedenartige Verhältnisse aufweisenden Lande wie Brasilien ganz besonderen Wert und entscheidende Bedeutung für den geschäftlichen Nutzen. An Sprachkenntnissen wird gefordert: Beherrschung der portugiesischen Sprache (fließende Unterhaltung, Schreiben von Geschäftsbriefen), bei brasilianischen Firmen Kenntnisse auch des Französischen, bei englischen und amerikanischen des Englischen, von Technikern, außer Fach- und allgemeinen Kenntnissen, vorzugsweise Kenntnisse des Französischen. Eine neue Veröffentlichung über Brasilien. Interessantes Material über Brasilien bietet die Broschüre von Dr. J. Raffalo witsch — Vertreter der Jewish Colonization Association (Ica) in Brasilien — „Brasilien ein Zukunftsland für jüdische Immigration". Die folgenden Angaben bieten ein ganz kurzes Résumé, 9

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