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Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen · 1928-03-01 · März 1928 · p. Seite 10

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Journal
Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
Volume
1928. Bestand LBI
Issue
März 1928
Date
1928-03-01
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
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In der Erzeugung von Kaffee nimmt Brasilien in der Weltproduktion den ersten Platz ein, von Kakao und Mais den zweiten, Tabak und Zucker den dritten, Baumwolle den vierten, Reis den achten, in Weizen den letzten Platz. In der Zucht von Eseln und Mauleseln steht es an dritter Stelle, von Bindern an zweiter, von Ziegen an vierter, Pferden an fünfter und Schafen an letzter. Brasilien ist erst verhältnismäßig spät als Einwanderungs- Land in Bei rächt gekommen. Vor 3g Jahren hat dort noch Sklaverei geherrscht, hingefahren sind meistens Portugiesen, die gewisse verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Lande hallen und Abenteurer aus anderen Ländern. Die Landessprache ist portugiesisch. Solange Amerika, Canada, Südafrika und Australien als Einwanderungsländer uneingeschränkt offen waren, lohnte es sich nicht, nach Brasilien zu emigrieren. Die Regierung tat wenig, um Einwanderer heranzuziehen und das Land populär zu machen. Erst nach dem Weltkriege, als die wirtschaftlichen Verhältnisse in Europa sich verschlechterten und andere Länder ihre Tore für Einwanderung zu schließen begannen, wurde die Aufmerksamkeit auf Brasilien als ein mögliches Einlanderungsland gelenkt. "Non 1820 bis 191g sind nach Brasilien im ganzen 3i ß ^Millionen eingewandert, von denen je 1 Million Italiener und Portugiesen, i/2 Million Spanier, je 100000 Deutsche und Russen und 73000 Oeslerreiehcr waren. Eine Million dieser Gesamtziffer von 31/2 Millionen ist erst in den letzten 12 Jahren des genannten Zeitraumes eingewandert. Nach dem Weltkriege trafen ein: 1920: 71027; 1921: genaue Angaben fehlen, die Zahl der Eingewanderten war jedoch gering; 1922: 67000; ig23: über 86000; 192/1: 98120; 1920: 67 171. Wegen politischer Meinungsverschiedenheiten zwischen Mussolini und der brasilianischen Regierung hat. die italienische Einwanderung zurzeit fast ganz aufgehört. Infolge der Revolution in Sao Paulo ist an die brasilianischen Konsulate in Europa eine Anweisung ergangen, keine Visen für Masseneinwanderungen zu erteilen, dagegen sind jetzt Verhandlungen mit Japan wegen einer großen reguliertem Einwanderung von Japanern beendigt worden, und erst vor kurzem hat Herr Gavronski, der polnische Vertreter, mit der brasilianischen Regierung ein Abkommen wegen Hereinbringung von 2000 polnischen Familien nach Brasilien getroffen. Auch in Oesterreich bereitet man sich vor, eine große Zahl von Auswanderern nach Brasilien zu bringen. Die meisten jüdischen Familien, die in früheren Jahren nach Brasilien gekommen sind, waren aus Deutschland, Elsaß- Lothringen, Holland und Marokko. Die Deutschen, Elsaß-Lothringer und Holländer haben sich als Kaufleute gut eingeordnet und stehen jetzt an der Spitze großer Geschäfte und Fabriken Brasiliens. Die Marokkaner haben sich in Parana angesiedelt, und sogar in Amazonas sollen sie eine gut organisierte Gemeinde haben. Die Einwanderung von Juden aus dem ehemaligen Rußland ist etwa 20 Jahre alt, aber es waren nur einzelne Personen, die einwanderten. Der Grund zu der modernen jüdischen Niederlassung in Brasilien wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelegt, als die Ica die Kolonien Philippson und Quatro Irmaos begründete. Fachleute finden ihr Fortkommen. Einem sehr großen Teil geht es sehr gut. Diejenigen aber, die kein Handwerk beherrschen oder die nicht bei ihrem Fach bleiben wollen, vergrößern die ohnehin schon große Zahl von Abenteurern und Hausierern, die ein trauriges Leben haben. Soweit die Ausführungen von Dr. Raffalowitsch. Die Gesamteinwanderung nach Brasilien über Seehäfen betrug nach einer brasilianischen Statistik im Jahre ig26 121 56g. Die überseeische Einwanderung von 1820 bij ig2 6 wird auf /i 16743g Personen geschätzt, davon 1 6o5 go7 seit igoS. An erster Stelle steht die portugiesische Einwanderung, die deutsche ist ständig seit dem Weltkriege gestiegen. Schutzkomitee in Rio de Janeiro. In Rio de Janeiro besteht ein der Hicem (llias-lca- Emigdirect) angeschlossenes jüdisches Schulzkomitee: Sociedad Beneficente Israelita, Rua Marguez de Sapucaty 171. Weitere Komitees in Brasilien sollen demnächst in Sao Paulo, Gurityba und Porto A legre in Tätigkeit treten. Es ist Einwanderern anzuempfehlen, sich mit den Schutzkomitees in Verbindung zu setzen, um Informationen über Land- und Arbeitsverhältnisse zu erlangen. Insbesondere ist es alleinstehenden Frauen und Mädchen, die nach Südamerika reisen, dringend anzuraten, ihre Ankunft den Komitees anzuzeigen und sich ihres Haies und Schutzes zu bedienen, um der Gefahr zu entgehen, unlauteren Elementen in die Hände zu fällen. Argentinien. Klima. Argentinien, das 2 987 5go t|km umfaßt, und eine Einwohnerzahl von rund 10000000 hat, S/i auf 1 ([km, ist der zweitgrößte südamerikanische Staat. In Argentinien beginnt der Frühling im August, der Sommer im November, der Herbst im März, die kühlsten Monate sind Juni und Juli. Einwanderung. Ueber die Einwanderung nach Argentinien geben folgende Zahlen eine Uebersicht. Die Gesamteinwanderung igi3 bis ig^6 betrug i8i3/i45 Personen, wovon 6/1757 Juden waren (3,6 °/o). Die jüdische Einwanderung im Vorkriegsjahre 1913 belief sich auf 10860 Personen. In den letzten Jahren wanderten ein 1921: /iog5 Juden — ig22: 7ig8 — iga3: 13701, 192/i: 779g „ — ig25: 6g20 — ig26: 753/1. Die Gesamtzahl der Juden in Argentinien wird auf 2000ÖO geschätzt. Die Kolonien der Ica. Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnen sich in den Kolonion der Ica, wo landwirtschaftlich geschulten Familien, die im Besitz eines gewissen Kapitals sind, auch zur Ansiedhing Gelegenheit gegeben wird. Ein Bild von dem Kolonisationswerk der Ica gehen die nachfolgenden Ausführungen des Präsidenten der Jewish Colonization Association in der Generalversammlung vom i5. Oktober ig27. „Unser landwirtschaftliches Kolonisationswerk in Argentinien hat im Laufe des Jahres 1926 noch Fortschritte gemacht. Es nimmt von Jahr zu Jahr eine neue Gestalt an. Die Ergebnisse, die durch unsere Arbeit vorbereitet wurden, kommen oft sogar außerhalb unserer unmittelbaren Aklionssphäre zur Geltung. Unsere Gruppen bilden mehr und mehr eine ackerbautreibende, starke und zahlreiche, mit der Scholle verbundene Bevölkerung. Die Terrains erstrecken sich über die Provinzen von Entre llios, Santa Fé, Buenos Aires, Santiago de Fslero und Pampa; Mehr als 371 000 ha sind besiedeil. Es befinden sich dort 2902 Kolonisten, repräsentiert durch 35j)7 Familien von Ackerbauern, bei denen noch als Arbeiter, Handwerker oder Handeltreibende 22Öi andere jüdische Familien leben. Die jüdische Bevölkerung der Kolonien besteht also aus 5848 Familien, die 33 12/t Personen in sich schließen. Diese Bevölkerung, die sich nach und nach seit fast vierzig Jahren auf dem Lande installiert hat und unter der sich 759 selbständige Kolonisten befinden, die 120000 ha besitzen, wächst jedes Jahr um eine erhebliche Zahl neuer Arbeiter: Söhne oder Verwandte der schon installierten Kolonisten, Arbeiter oder Handwerker, die sieh in den Zentren und in den Dörfern niederlassen. Allein die Société de Protection aux Immigrants Israélites hat 5g6 neue Ankömmlinge zu diesen Gruppen dirigiert. Viele andere haben sich mit eigenen Miltein dörthin begeben. Die lokalen Komitees haben ihnen Wohnung und Nahrung gesichert, bis sie Arbeit gefunden haben. Aber nicht alle in den Kolonien geborenen Kinder noch alle die 7Ö3/| jüdischen Immigranten, die im Jahre 1926 in Argentinien gelandet sind, können hoffen, in einigen Jahren einen blühenden Landwirtschaftsbetrieb zu bekommen. Die Immigranten im besonderen sind in ihrer großen Mehrzahl nicht Ackerbauer, sie sind häufig nicht einmal fähig, es zu werden. Sie haben sich trotzdem ein Heim schaffen können; dieses Land, wo man vor vierzig Jahren etwa 1000 Israeliten zählte, besitzt heule über 200000. Buenos Aires ist ein Zentrum der Judenheil in den argentinischen Provinzen geworden, wo sich beträchtliche jüdische Gruppen gebildet haben. Wir haben, glaube ich, das Bccht, zu sagen, daß diese Blüte zum großen Teil dem fruchtbaren Werk unseres Begründers, Baron Hirsch, zu verdanken ist. Die Existenz der Ackerbaukolonien hat die jüdischen Immigranten nach Argentinien gezogen. Eine gute Anzahl der letzteren hat sich dort festsetzen 10

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