Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Journal
- Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen
- Volume
- 1928. Bestand LBI
- Issue
- März 1928
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir entnehmen einem uns im Sommer 1927 zur Veröffentlichung zugegangenen Berichte des Pariser Komitees von Hias- [ca-Emigdirecl (Hicem) folgendes: .... Nach den bestehenden und mit größler Strenge durchgeführten Bestimmungen haben das Recht, sich in Frankreich aufzuhalten, nur diejenigen Personen, denen das Einreise- \ isum ohne einschränkende Bemerkung bezüglich der Aufenthaltsdauer erteilt worden ist. Andererseits übt das Arbeitsministerium eine strenge Kontrolle darüber aus, daß die ohne besonderen Arbeitskontrakt eingewanderten Ausländer keine bezahlte Stellung annehmen. Der 1 nternehmer, der einen Ausländer beschäftigt, welcher keine besondere Erlaubnis zur Arbeit hat, setzt sich strengen Ahndungen seitens der Behörden aus. Unter diesen Bedingungen ist es selbst denjenigen Avisländern, die zwar eine regelrechte Aufenthaltserlaubnis, aber keine Arbeitsberechtigung haben, unmöglich, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. . . . Desgleichen erweist es sich als notwendig, die Emigranten darauf aufmerksam zu machen, daß sie auf keinerlei pekuniäre Hilfe von Seiten der lokalen Komitees rechnen dürfen, und daß sie unbedingt selbst über die ihnen nötigen Mittel verfügen müssen. — Da Verstöße gegen die Bestimmungen bezüglich der Anstellung ausländischer Arbeiter und Angestellter zunehmen, o t n 3 hat das französische Arbeitsmmisterium in der französischen Presse besondere Warnungen ergehen lassen und auf die Folgen von l ebertretungen für die Arbeitgeber wie Arbeitnehmer hingewiesen. Landwirtschaftliche Verhältnisse. Als Immigrationsland kommt Frankreich, wenn sich die wirtschaftlichen Verhältnisse konsolidiert haben, für landwirtschaftliche Arbeit stark in Betracht, für Lohnarbeiter, die «Aussicht haben auf den Uebergang zur Farmerei, zur Pacht. Es ist schon mit der landwirtschaftlichen Tätigkeit ausländischer .luden in Frankreich ein Anfang gemacht worden unter Heranziehung von Kräften aus der Reserve Arbeitsloser, die sich in Frankreich infolge der allgemeinen Krisis angesammelt haben. I eher die französische Landwirtschaft und über die Arbeiternot in Frankreich bietet ein Artikel in der „Grünen Post" vom i5. Januar 1928 „Tote Dörfer in Frankreich" Material. Es mul') dazu gesagt werden, daß, wie überall in der Welt bei landwirtschaftlicher Ansiedelung, auch in Frankreich außer den physischen Erfordernissen für die Arbeit der Wille und die Fähigkeit, sich an Landes- und Lebensverhältnisse, Wohnung usw. und Umgebung zu gewöhnen, von ausschlaggebender Bedeutung sind. Es heißt in dem Artikel u. a. : Im Jahre 1911 belief sich die Zahl der in der Landwirtschaft Tätigen in Frankreich auf 5 3oo 000, im Jahre 1923 nur noch 3 900 000 und nach der neuesten Volkszählung vom Jahre 1925 fiel diese Zahl, trotz der massenhaften Zuwanderung landwirlscha[tlicher Elemente, Arbeiter und Kolonisten aus allen Ländern Europas, um weitere Hunderttausende . . . Schon im Jahre 1912 setzte eine großzügige Aktion ein, der Not an Arbeitskräften durch die Organisierung einer Massencinwanderung entgegenzutreten. Eine eigens zu diesem Zwecke geschaffene Organi° sation, die Société Nationale de Protection de la Main-d'Oeuvre Agricole, führte bis 1914 20000 landwirtschaftliche Arbeiter aus Polen ein, auf Grund von Kontrakten, in denen sich die Arbeiter verpflichtet haben, eine Mindeslzabl von Jahren sich in der Landwirtschaft zu betätigen. Im und nach dem Kriege wurde die Aktion großzügiger und nunmehr amtlich weilergeführt. In der weit überwiegenden Zahl der Fälle haben aber die Arbeiter diese Verpflichtung, auf dem Lande zu bleiben, nicht eingebalten . . . Diese Tendenzen wurden nur noch verstärkt durch den allgemeinen Bedarf an Arbeitskräften auch in der Industrie Frankreichs, die in den Inflationsjahren 1924—1926 einen künstlichen Aufschwung erlebt bat. Alle diese ausländischen Arbeitermassen, die der Scholle auch in Frankreich untreu wurden, gerieten mit dem Ende der Inflation, Anfang 1927, aufs Pflaster. Und nur, wer die ganze Erbarmungslosigkcit des Pariser Pflasters kennt, seine Grausamkeil, die alles, was selbst New York auf solchem Gebiete produziert, bei weitem übertrifft, nur der kann wissen, was die Stabilisierungskri.se für die entwurzelten landwirtschaftlichen Emigranten in Frankreich bedeutet hat. Nicht, als ob sie auf dem Lande nicht mit offenen Armen empfangen worden wären. Im Gegenteil: die Agrarverbände forderten sogar die Regierung auf, die Bodenflüchtigen abzufassen und sie dem Dorfe durch Zwangsmittel zurückzuführen. Die betroffenen Arbeiter sträuben sich aber gerade dagegen mit einer merkwürdigen Hartnäckigkeit. Viele von ihnen sind bereit, eher zu hungern, zu betteln, und sich auf diese Weise der Gefahr, abgeschoben zu werden, auszusetzen, als zum „Patron" auf dem Lande zurückzukehren. Bei vielen spielt dabei allerdings der Umstand eine wichtige Rolle, daß sie seinerzeit, als sie nach Frankreich kamen, als Beschäftigung fälschlich die landwirtschaftliche angaben. In Wirklichkeit waren es Industriearbeiter, Handwerker oder ungelernte kleinstädtische Hilfskräfte, deren Lehen auf dem Lande demgemäß denn auch kein Vergnügen wäre . . . Die Folgen des Arbeitermangels sind mannigfaltige. Manche „ferme" Besitzer verlieren die Lust am Wirtschaften und kehren dem Lande den Rücken. Sie vorkaufen — zu immer sinkenden Preisen — ihr Bauerngut an Ausländer und lassen sich in den größeren .Städten als Gastwirte, Schankwirte, Kleinhändler nieder. Eine andere Folge ist der stetige Rückgang der Anbauflächen. Einige krasse Daten aus dem Vosges-Departement : Anbaufläche in Hektar Rückgang i865 1892 1924 Weizen 51 000 2 5 000 5o o/0 Mengkorn 10 3g3 1876 80 o;0 Hafer 02000 3o 000 4o °,'o Auch die Kartoffelkulturen zeigen einen starken Rückgang auf. Im Jahre 1882 wurden sie auf 38 000 Hektar gepflanzt, l\2 Jahre später nur noch auf 18 000. Die Leinen- und Flachskultur, einst von großer Bedeutung, ist vollständig verschwunden. Und die Weiden —^ vor allem die natürlichen — breiten sich demgemäß immer mehr aus. Gegen 85 000 Hektar im Jahre i852 gibt es gegenwärtig solche in einer Fläche von 14o 000! Die dritte und wichtigste Folge ist die rapide Verbreitung der Maschinenkultur! Seit einigen Jahren macht die französische Industrie landwirtschaftlicher Maschinen einen beispiellosen Aufschwung durch. Und es muß schon gesagt werden, daß es dieser Industrie geglückt ist, eine Reihe von sowohl technisch wie auch praktisch tadellosen, wertvollen Modellen auf den Markt zu werfen. Dio landwirtschaftlich führenden Departements Frankreichs haben sich denn auch mit großem Elan und auch mit großem Erfolge auf die maschinelle Wirtschaft umgestellt. So, daß zum Beispiel die Bretagne auf dem besten Wege ist, den Arbeitsmangel — innerhalb der Grenzen des Möglichen — zu überwinden. Türkei. Die Auswanderung nach der Türkei ist dringend zu widerraten. Die kulturelle Entwicklung der Juden ist durch staatliche Eingriff e in die Gestaltung ihres Schulwesens aufs schwerste gehemmt. Nach Ermordung des jüdischen jungen Mädchens Elsa Niego im August 1927 haben terroristische Ausschreitungen gegen sie stattgefunden. Die Freizügigkeit ist aufgehoben: es ist behördliche Erlaubnis für Reisen innerhalb der Türkei einzuholen. Infolge des politischen Kurses der Regierung zugunsten des riationaltürkischen Elements sind die .luden vielfach disqualifiziert und von wichtigen Betätigungsmöglichkeilen ausgeschlossen. Canada. Klima, Ausdehnung und Bewirtschaftung des Landes. Klima*). Der Winter variiert erheblich in den verschiedenen Teilen des Landes zwischen dem Atlantischen und Stillen Ozean. Er dauert von Milte November oder Dezember his März oder April je nach der Gegend und ist sehr kalt. Das Thermometer fällt zeitweise beträchtlich unter Null. Er ist jedoch hell und trocken, und die Trockenheit der Luft macht die Kälte weniger fühlbar. Der Winter setzt in den Küstenprovinzen und den südlichen Distrikten von Ontario später ein als in Quebec oder in Manitoba, Saskatchewan, Alberta. Westlich und südlich von Calgary in Alberta ist der Winter milder, an der Küste von British Columbia ist der Winter mild, aber im nördlichen Innern ist der Winter ähnlich wie im östlichen Canada. Canada hat nach Angabe des sehr interessanten Werkes „Population Problems in the United States and Canada", herausgegeben von Louis J. Dublin, Boston und New York, 1926, an kulturfähigem Land mindestens 3oo Millionen acres, von denen Millionen acres Farmen in sich fassen mit nur 71 Millionen kultiviertem Terrain. Das freie Fand isl zurückgegangen, außer in Nord-Ontario und Quebec, aber es gibt große unbesetzte Flächen bei den Eisenbahnen in Privatbesitz im Westen; die gegenwärtige Politik geht darauf hinaus, diese erst in Gebrauch zu nehmen vor der Eröffnung von Oertlichkeiten, die neuen Eisenbahnbau erfordern. *) Wir führen Angaben teilweise früher einmal gebrac einzelnen Ländern erneut an, klimatische Verhältnisse, die wir dien, aus praktischen Gründen bei 5