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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-12-23 · N° 52. (23.12.1886) · p. Seite 422

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 52. (23.12.1886)
Date
1886-12-23
Page
Seite 422 (sequence 6)
Language
German
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— 422 — $ vseinc t)cierobojc Behauptung aufrecht zu H.AtenEwagen wird, bleibt dahingestellt. — — Uebrigens macht Herr vr. Bloch jetzt wieder durch einen sehr unvo sichtigen ausfälligen Artikel gegen die protestantische Mission in sehr unliebsamer hier von sich reden. Man giebt sich von jüd. Seite Mühe, die Angelegenheit gütlich beizulegen, sollte cö jedoch nicht gelingen, so dürfte sie vor dem Richter zum Austrag gelangen: Solche sensvtienelle Religionsprozesse mögen dem Federhelden, der gern von sich reden macht, willkommen sein, der jnd. Gesammtheit sind derartige Provokationen, besonders in gegenwärtiger Zeit von großem Nachtheil, sie stören d. n confissioncllen und sozialen Frieden, dessen wir so sehr bedürfen. Frankreich. Waris Am 17. November fand in der Kathedrale von Notre-Dame durch den Bischof Perraud ans Antun eine Gedächtiußfeier für den verstorbenen Cardinal-Erzbischof CH. Ouibert statt. In der Gedächtnißrede sindet sich folgender bemerkenswerther Passus: „Aber nicht allein in seinem Palaste, sondern auch an seinem eigenen Tische gewährte der Erzbischof mehreren Ministern mit ihren Familien gastliche Aufnahme. Der berühmte israelitische Advokat Cremienx. damals Justizminister, und dessen Frau nahmen in Gemeinschaft mit dem Kirchenfürsten und seinem Priester zur großen Verwunderung der erzbischöflichen Bedienung ihren Mittagstisch daselbst ein. Man sprach bei Tisch nicht immer von Krieg und Frieden, sondern auch über Kunst und Litteraiur und hier entwickelte der Cardinal die Weisheit seiner Intelligenz in höchst tokt- und würdevoller W ise. Ohne jemals in der Würde eines Bischofs sich das Mindeste zn vergeben, zeigte er sich immer als ein Mann erleuchteten Geistes, und so kam cs, daß er sich leicht die Herzen seiner improvisirten Gäste gewann. Kaum war Cremienx in Bordeaux, wohin der Sitz der Regierung verlegt worden, angekommen, als er an den Cardinal am 12. Dezember 1870 ein Dankschreiben richtete, in welchem er für die sanfte und aufopfernde Gastsreundschafl dankte, daran er sich, seine Familie und seine Mitarbeiter erfreuten und er gedenkt mit tiefer Rührung des innigen Friedens und der schönen Einigkeit, in welcher während der Dauer seines Aufenthaltes das alte und neue Testament sich besinden. Durch diese biblische Anspielung ausgeiordert, erwiderte der Cardinal in seiner Antwort: Die Tugend der Gastfreundschaft wird in der heiligen Schrift sehr oft empfohlen, wenn dieselbe nicht etwa in den Herzen der Cultnsdiener sein sollte. Sie drücken mir, Herr Siegelbewahrer, Ihre Genugthuung über die Einigkeit des alten und neuen Testamentes aus. Nichts ist einfacher und natürlicher als dieses, da beide Testamente ein Ganzes bilden. In Mitten eines unwisfend.il und stupiden Skepticismus, deiii man überall begegnet, war ich sehr erbaut, mich in der Gesellschaft und in der Verbindung eines Mannes zu finden, der an Etwas glaubt. Auch bitte ich 0)ott, in meinem inbrünstigen Gebete, daß das Licht sich bald völlig ergieße über einen so ausgezeichneten Geist wie den Ihrigen." Bei dieser Gelegenheit sei der Antwort gedacht, die Bischof Dupanlourp aus Orleans dem Cremienx bei seinem Abschiede gegeben, als Crcmieux den Kirchenfürsten mit den Worten geküßt: „Jetzt stehen beide Testamente auf gleicher Höhe", worauf der kluge Bischof erwiederte: „als guter Adrokat wissen Sie ja nur zu gut, daß das letzte Testament immer das vorhergehende aufhelte. (Crsmieux hätte unseres Erachtens darauf erwiedern können: „Aber niemals hat ein Sohn das Recht, des Vaters altes Testament durch ein neues zu ersetzen." Red.) Wordeaur. Die Leichenfeierlichkeiten am 1. Dezember für den verstorbenen Oberrabbiner Simon Le vH Hierselbst gestaltete sich zu einer erhebenden Manifestation. Die Läden der Israeliten in den Straßen, in welchen der Leichenzug vorbei kam, hatten geschlossen. Die Rabbiner Zadoc Kahn aus Paris, Alfred Levy aus Lyon, Oury aus Toulouse und Korb aus Nantes wohnten den Feierlichkeiten an. die drei ersten hielten ergreifende Leichenred n. Die Sargschnüre wurde von dem Präsidenten des Apellhofes, dem Generalstaatsanwalt, dem Präfecten der Gironde, dem Maire von Bordeaux, dem Staatsanwalt, dem Präsidenten des Civilgerichtes und den Präsidenten und Bicepräsidenten der Consistorien von Bahonne und Bordeaux gehalten. Als Ritter der Ehrenlegion wurde der Verstorbene mit inilitärischen Ehren begraben, welche vom 37. Linienregimente ausgeführt wurden. Auch in den Synagogen von Paris fand an dem letzten Sabbath ein Seelendienst für den Verstorbenen statt. Avignon. Gegenüber dem berechtigten Aufsehen, welches Trumont's gehässige Schmähschrift „La France Juive“ in den weitesten Kreisen Frankreichs und wohl noch darüber hinaus hervorgerufen hat, beabsichtigt unser gelehrter Oberrabbiner, Herr Benjamin Blosse, der Redacteur der periodischen Zeitschrift La Familie de Jacob, als geeignetste Widerlegung eine größere Zeitschrift zu ediren uutec dem Titel: Ls ladaisrne orr 1' expose historique est loyal de la doctrine, de la morale, des moeurs israelites. Das Werk, ruhig, würdig, rein object'v gehalten, soll jeden Freund der Wahrheit über den geistigen Gehalt wie über den praktischen und ethischen Werth des Judenthums orientiren. In 15 Kapiteln wird sich diese Schrift verbreiten über: Die doppelte gesichtliche Weihe der Sendung Jsrael's den Mosaismus, keine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, den Dekalog, das ytiW, den geistigen Gehalt des von Mosel) gestifteten Werkes, den Lehrinhalt und die Ethik des Judenthums, über das Judenthum im Gegensätze zu deu modernen Anschauungen, über die jüdische Ehrerbietung gegen die Eltern, über die Pietät gegen die Hingeschiedenen u. a. m. Schon diese gedrängte Inhaltsangabe ist geeignet, auf dieses zeitgemäße Buch aufmerksam zu machen. Auch der deutsche Leser, der die antisemitische Bewegung nicht unterschätzt, wird dem Erscheinen dieses Buches mit Interesse entgegensetzen dürfen. Kernnschle und neueste Nachrichten. Wertin. Der jüngst verstorbene Geh. San.-Rath vr. Oestreich hat der Lehrerbildungsanstalt der Berliner israelitischen Gemeinde 30 000 Mk und der Altersversorgungsanstalt 21000 Mk. letziwillig vermacht. Mainz. Von dem Ertrage des Wohlthätigkeits-Bazars, der auch vom Großherzog und dein Fürsten von Battenberg besucht war, wurden auch 1000 M. an jüd. Arme vertheilt. Die Gesammteinnahme belief sich ans 27 000 M. Metz. Em. Hannaux, einem jungen, vielfach gefeierten Bildhauer unserer Stadt, ist die Ausführung der Büste der verstorbenen Wittwe des Barons Rothschild übertragen worden. Krakau. Unsere Gemeinde hat einen großen Verlust erlitten: unser sowohl als Mensch, wie ourch Bildung und unermüdlichen Gemeinsinn gleich ausgezeichnete Vorsteher Israel Feintuch ist aus dem Leben geschieden. Er stand im Alter von 71 Jahren, doch ist er nicht nur für seine Familie unö unsere Gemeinde, sondern auch für die Armen zu früh dahingeqangen. Der große Leichenzug legte Beweis von der hohen Achtung ab, die der Verewigte genossen. — Waris Die Restaurationsarbeiten in der hiesigen Kathedrale werden unter der Leitung deS Pariser Stadtarchitecten, Herrn Adolphe, eines Israeliten, ausgeführt. — — Der Oberstlieutenant Emil Herz, Director des Genies (Stabsoffizier) in Reines, ist zunr Obersten ernannt. Henris. Nach langer Unterbrechung wird nun endlich wieder am Sabbath der öffentliche Minhagottesdienst eingeführt. Aarts. Zwei unserer Glaubensgenossen, H inrich Karl Kaiser und Andreas Ge'dalge. haben durch iher musikalische Schöpfung „die Vision Sauls" die großen Preise, welche von Rom für musikalische Composition gesetzt waren, erhalten. — Die Frage der Trennung der Kirche vom Staate kommt nächstens zur Verhandlung. —

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