Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 52. (23.12.1886)
- Date
- 1886-12-23
- Page
- Seite 418 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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I (I 418 — Das Chanuka-Licht, oder^ Glaubens- und Gewissensfreiheit. Bon Dr. I. Goldschmidt - Weilburg. i^,Jm Talmud wird die Frage aufgeworfen: Ist das Au zünden der Chanuka-Lichter Gegenstand der Vorschrift, die eigentliche Mizwah, oder das Hinstellen derselben?*) Und es wird entschieden, das An zünden ist's, denn so lautet unser Segensspruch: „Gelobt seist du. Ewiger unser Gott, König der Welt, der uns geheiligt durch seine Gebote und iins befühlen, das C h a n u k a - L i ch t a n z u z ü n d e n — lehadlik ner schel Chanuka". — Licht anzünden, welch' erhabener Menschenberuf! Alle Lehrer der Menschheit, alle jene erhabenen Geister, durch welche die Geschichte in neue Bahnen getreten, deren Namen in ewig grünem Kranze strahlen, — was hat ihnen den Dank errungen? Sie haben neues Licht an gezündet im Tempel der Menschheit. — Licht verbreiten, es von einem Orte aus den andern hin stellen — ist schon eine That von zweifelhaftem Werth. Denn welchen Werth hat das Licht, das der Mensch aus fremder Hand empfängt? Auch die höchste Wahrheit, das erhabene Wissen, muß im Herzen eines jeden sich auf's Neue anzüuden, sonst kann es wohl einen Preis, aber keinen Werth, keinen ethischen, erziehenden Werth haben: en hanacha osse mizwa! Und wie gefährlich kann das Licht in der Hand derer werden, die ihren Beruf bloß darin erblicken, das Licht von einem Olt auf den andern hinzntragen! Meistens sind dies selber mechanische Köpfe und Herzen, die Fuhrknechte der Civilisation, die ihren Speditions-Lohn je nach den Quantitäten empfangen und selber vom eigentlichen Gehalte der von ihnen spedirten Massen keine Ahnung haben. O unter der Hand dieser Maschineu-Seeleu hat der Leib der Menschheit sich Jahrtausende lang gekrümmt, alle Folterqualen des Fanatismus sind von diesen Maschinen-Seelen ausgegangen! Sie wollten das Licht, das sie als ein Licht empfangen hatten, vielleicht auch dafür ansahen, verbreiten, eintrichtern, aller Orten und in Aller Herzen — Herzen? nein! aus Aller Lippen! — aufpflanzen; ob das eine Flamme war, die, wie das Licht auf dem siebenarmigeu Leuchter des israe-! litischen Tempels, „von selber**) und nicht durch fremdes Gestocher" emporstieg — was kümmerte sie das? Die; Fahnenträger des „Lichtverbreitens" sind immer in Gefahr, die Henkersknechte des Fanatismus zu werden; die Fahnen«; träger des „LichtanzündenS" sind immer auch die Herolde : der Duldung und der Liebe. — Israels Beruf war es, das Licht wahrer Gotteserkennt-; niß aller Orten und Zeiten anzuzünden, nicht zu ver-! breiten. Darum 'ist dem Judenthum die Mission durch! Feuer und Schwert und-Bestechung fremd. „Wer! Für Gewissensfreiheit hat Israel stets gekämpft und gesiegt — und auch die Heldensiege der Makkabäer sind ein Sieg der Gewissensfreiheit. Bei den Syrern sieg das Heidenthum an intolerant zu werden, das impotirtc griechische Heidenthum, welches in dem großen Alexander noch im Sieges-Jubel zu stolz war, um sich aufzudrängen. Alexander wollte Licht anzünden, die Syrer wollten ihr impoelirtes Licht weiter cxporlirren. Das war der erste Kampf Israels für Glaubens- und Gewissensfreiheit, und darum blieb dieser Sieg zum festlichen Gedächtniß aller Zeiten. — Ach, seitdem hat Israel tausend und aber tausend Mal für Glaubens- und Gewissensfreiheit uns 1000 und aber 1000 Mal auf diesem ehrenvollsten aller Schlachtfelder gesiegt; aber wenn wir zur Erinnerung all der Siege für Glaubens- und Gewissensfreiheit Feste feiern wollten, wir müßten das ganze Jahr Chanuka-Lichter anzünden! — Auch in unserer Zett, der Zeit der Gedanken- und Bekenntniß-Freiheit hat der Kampf Israels für Glaubens- und Gewissensfreiheit noch nicht aufgehört. Alle die Zurücksetzungen des jüdischen Bekenners gegen Angehörige anderer Bekenntnisse in den verschiedenen staatlichen Karrieren; die verschiedene Stellung, die der Staat gegenüber dem Judenthum als Religion und anderen Religionen einnimmt: die Berweigeruiig jeder Rücksicht in den Schulen auf die israelitischen Sabbath- und Festtage in der Vertheilung der Stunden, in welchen geschrieben werden muß, in der Ansetzung der Prüfungen rc. ... alles das ist indirecter Glaubens- und Gewissens-Zwang. — Unsere unmittelbare Gegenwart erstrebt aber etiu* ganz moderne Fayon des Gewissenszwanges gegeir das Judeuthurn: im Namen der Thierschutz-Jdee soll der Schlachtritus der Juden gesetzlich verboten werden. Der Fanatismus hat sich eine pariser Tournüre aufgesteckt, seine alten Runzeln mit humanitärer Schminke verkleistert, und nun als gefühlvolle Kokette denkt sie, den Giganten „Gesetzgebung" zu einem Schlag aus den-Magen zu verführen und auf dem Wege des nsrvus sympathicus die Gewissen zu betäuben. O es wäre wirklich ergötzlich, wenn es nicht so betrübenwäre, zu sehen, wie diese kaum aus den Eiern gekrochenen Nestlinge, diese Thierschützler des 19. Jahrhunderts, mit ihren Hetzjagden und Krebssuppen rc., der alten Mutter des ThierschntzeS, dem Judenthume, den Text lesen! Das Judenthum, das vor Jahrtausenden schon die Thiere geschützt, indem es am Sabbath ebenso Ruhe der Thiere wie der Menschen vorschrieb; das jede Brutalität gegen die Thiere dadurch unmöglich machte, daß es — — jedes schwerer beschädigte Schlachtthier für den Genuß verbot, dessen weisester König auf stolzem Throne ein freundlich Wort für die Thiere übrig hatte: jodea zaddik nephesch. behemto — — das Judenthum, das jdie Thierschutz-Jdee schon 3000 Jahre früher realisirt hatte, ehe die Menschden Gott des Judenthums erkannt hat. der komme zu mir" . . spricht mit seinem Lehrer Moses***) das Israel aller! heit eine Idee von dieser v5öee hatte:^das ^znden thum muß nw hPH ßWf hfnh bekennen will, der bleibe sich nun von dem modernisirten Fanatismus der Grausamkeit Zeiten; wer den Gott Israels bloß bekennen will, der bleibe in Gottes Namen, wo er ist. Besser das fremde Licht, das aus dem Innern aufsteigt, als das unsrige, das nur von außen hineinkam: das Judenthum ist die Religion der Gewissensfreiheit! — nron ik nwz rm npSin **) v':? «bi nbw narrewi ***) rn ',2 sich gegen die Thiere zeihen lassen! — O, nicht die Thiere sollen geschützt, die Menschen sollen des Schutzes beraubt werden I Den Thieren soll im besten Falle eine gewisses Quantität Qualen erspart werden, aber dieMewissensqualen einer halben Million Staatsbürger, die fallen nicht in's Gewicht! —] Nun, es ist Hoffnung vorhanden, daß diese Scheinheiligi