Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 51. (16.12.1886)
- Date
- 1886-12-16
- Page
- Seite 414 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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414 Oesterreich-Ungarn. Prag, im Dezember. Wenn zur Feier des siebzigsten Geburtstages des sogenannten „Einsiedlers von Emmersdorf" deS hochverdienten Or. A. Fisch Hof. sich selbst in jüdischen Kreisen, denen dieser Mann zur hohen Ehre gereicht, doch nicht jene allgemeine Theilnahme zeigt, die man vorauszusetzen berechtigt war, so kann uitd muß dies dach nur auf Rechnung jener Schwenkung ins föderalistische Lager, die der ehemalige Volkstribun in jüngster Zeit gemacht, gesetzt werden, eine politische Richtung, die im Herzen des allergrößten Theiles politisch reifer und freiheitlich gesinnter Juden nur sehr wenig Sympathie gefunden; während jedoch dem Menschen Fischhof, ob seines edlen, selbstlosen, makellosen Charakters die allerbesten, innigsten Glückwünsche, wenn auch unausgesprochen, über die Schwelle des Greisenalters, iit das der wackere Freiheitskämpfer nun eilttritt, aus allen Herzen entgegengebracht werden. — Da tritt nun auch eine andere Erscheinung, eine zweite Silhouette auf die Bildfläche in der Revüe dieses Monates; es ist der edle, mildherzige Direktor des sogenannten Rothschildspitales, eigentlich jüdischen Krankenhauses, Or. Wülster in Wien, den wir als rüstigen, woylconservirten, thatkrästigen „Siebziger" hiermit begrüßen und beglückwünschen, und sicher sind, daß' aus allen Kreisen seiner Glaubensgenossen, welcher politischen Richtung sie auch angehören mögen. Ovationen dargcbracht werden, die der nimmermüde, gemüthvolle Arbeiter im Dienste der Wissenschaft und der Humanität in vollem Maaße verdient. — Man sage nicht die Medizin als Heilkunde ist interconfessionell, man habe den Jubilar daher bloß als tüchtigen Arzt und edlen Menschen zu feiern, um seinen Verdiensten vollkommen gerecht zu werden, — vergessen wir nicht, daß der Jubelgreis Director einer jüdischen Heilanstalt ist, die zumeist von armen, ihren Trost noch in der Religion suchenden uitd flndenden Juden und Jüdinnen in Anspruch genommen wird, und daß der gute Or. Wchlfler es zu allen Zeiten verstand, dem Spitale den Stempel jüdischen Geistes und jüdischen Lebens, soweit dies mit der Bestimmung des Hauses in Einklang gebracht werden konnte, aufzudrücken. — In der Woche, in der in Wien am Gedenktage der Ringtheater-Brandopfer unser humanes, hochsinniges Kronprinzenpaar einen Kranz auf das Massengrab niederlegen ließ, in welchem auch so viele jüdische Leichen schlummern, hat anderswo ein im Grabe der Verschollenheit Eingesargter, der P. Rohling. sich selbst eine Art „Erinnerung" bereitet, indem er öffentlich erkläre, daß er im Gegensätze zu den illustren Universitatsprofessoren, die Monstre- Adresse an den verdienstvollen Deutschenführer Dr. Schmeykal nicht mitunterzeichnet hat, und bei dieser Gelegenheit, obwohl er so wie alle Well weiß, daß der Gefeierte kein Jude sei, urdi eb orde ei klärt, daß er ein deutscher Antisemit sei. — Nun wissen wir's! — Europa ist ruhig, und wenn die Rente ein wenig zurückgegangen, so ist diese Declaration Rohlings am allerwenigsten Schuld daran. P ravdecky. Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Der Antisemitenbund in Berlin verkauft jetzt in den Markthallen ein Flugblatt, überschrieben „Deutsche Frauen, deutsche Männer!" schließt es mit dem Aufruf: „Kauft nicht bei Juden!" Der Inhalt ist in hohem Maße aufreizend gegen die „geldgierigen Fremdlinge/' Damit inauguriren diese Leute, die nur den Namen Christen tragen, ihr hohes jFest, das doch den „Frieden auf Erden" bringen wollte und den „Menschen ein Wohlgefallen" sein sollte. Ob das wohl im Geiste des Stifters des Christenthums ist, der die herrlichen Worte gesprochen: Liebet einander. Merlin, 13. Dezember. Einer unserer ältesten und namsaftesten Aerzte, der Geh. Sanitütsrath Or. H. Oe streich, ist im Alter von 83 Jahren verstorben und heute beerdigt worden. Der Heimgegangene gehörte trotz seines hohen Alters zu den werkthätigsten Mitgliedern der jüdischen Gemeinde. Er war 3 Dezennien Vorstandsmitglied der Synagoge, Mitglied der jüdischen Armen-Kommission und der Waisen-Kommission. Merlin „Der heilige Gral" der Antisemiten, so wurde ein silberner Becher genannt, den der deutsche Atisemitenbund einstnwls seinem Vorsitzenden, dem früheren Stadtv. Pickcnbach, verehrte und der bei besonders feierlichen Gelegenheiten benutzt wurde. „Der heilige Gral" ist nun, wie das „Reichsblatt" meldet neulich durch einen Gerichtsvollzieher abgepfändet und zur gerichtlichen Auktion gebracht worden. Christliche wie jüdische Trödler boten daraus. Eine Trödlerin aus der Mauerstraße erstand ihn für 50 Mk. Perlin. Ein antisemitischer Straßeuskaud ft beschäftigte jüngst das hiesige Schöffengericht. Eine Gesellschaft junger Handlungsbeflissenec jüdischer Konfession traf vor einiger Zeit nur die Mitternachtszeit aus dem Alexanderplatz auf eine Gruppe anderer junger Leute, welche mit ihnen Handel suchten, indem sie ihnen die Worte zurieseu: „Seht doch die Judeufuugen! Kommt her, Judenjungen, wenn Ihr etwas wollt!" Es kam darauf zu einem heftigen Wortwechsel und zu einer Prügelei. Mitten in der Schlägerei rief der Handlungscommis Samter plötzlich aus: „Man hat mich gestochen!" und in der That strömte ihm das Blut aus einer Wunde am Halse und einer solchen an der Hand herunter. Der Verletzte packte den Angeklagten, welcher zweifellos der Messerstecher sein mußte, sofort am Arme und hielt ihn krampfhaft so lange fest, bis ein Schutzmann zur Stelle war, der die ganze Gesellschaft mit zur Wache nahm. DerMcsferheld, ein Kommis Ernst Walter, giebt zu, gestochen zu haben, doch will er angetrunken gewesen sein. Der Gerichtshof schenkte ihm hierin Glauben und verurtheilte ihn blos zu 70 Mk. Geldbuße. Dresden. (Or.-Corr.) Das an dieser Stelle bereits erwähnte, den neuzeitlichen Anforderungen nach jeder Richtung hin entsprechende Koscher-Restaurant in der gr. Brüdergasse Nr. 24 ist am 1. d. Mts. mit einem einweihenden Festmahle eröffnet worden uitd dürfte den vielen unsere Stadt besuchenden Fremden die Mittheilung nicht unwillkommen sein. — Demnächst sollen hier tim dem Wunsche eines großen Theiles des Gemeinde Rechnung zu tragen, einige Rabbiner, die auf das hiesige vakante Oberrabbinat reflectiren, zuProbe- resp. Festpredigten eingeladen werden. Dessau, 12. Dezember. Heute beging die hiesige Chewra kadischa die Feier ihres 200jährigen Stiftungsfestes. (Ausführlichen Bericht in der nächsten Nummer). Graudenz (Or. - Corr.) Die Reihe der Rabbiner- Jubiläen, welche mehrere aus dem Breslauer Seminar im Jahre 1862 hervorgegangene Rabbiner im kommenden Jahre begehen, eröffnet unser Rabbiner Herr Or. R o s e n st e i n am 1. Januar. Die Gemeinde und städtische Vereine bereiten eine festliche Begehung dieses Tages vor. Lnremönrg. Die belgischen Blätter berichten von der Ernennung des Herrn Obersten Ticks, eines Israeliten aus Luxemburg, zum Commandanten der in der belgischen Provinz Luxembueg gelegenen Truppen mit den Sitze in Arlon die „Opinio", ein freisinniges Journal von Antwerpen, berichtet von der ergreifenden Abschiedsfeiec des Obersten Ticks aus seiner bisherigen Garnison Haßelt; Die Offiziere, die Unteroffiziere und die Biirgerschaft der Stadt vereinigten sich zum Abschiedsbankett und überreichten den beliebten und allverehrtesten Mann zu achtvolle Geschenke. Diese Auszeichnung ist in jetziger Zeit bemerkenswertst, besonders wenn man bedenkt, daß in Belgien gegenwärtig ein clericales Ministerium ist. Wien. Bon Or. K. Lippe in Jassy ist in der Buchdruckerei von I. Schloßberg eine Entgegnung auf Hartmanns antisemitische Schriften erschienen, jedoch von der Staatsanwaltschaft konfiscirt. Wien. Der verewigte Kompcrt hat in seinem Testament feme Frau zur Universal Erbin eingesetzt, uud es ihrem