Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-12-16 · N° 51. (16.12.1886) · p. Seite 412

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 51. (16.12.1886)
Date
1886-12-16
Page
Seite 412 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9585330-9585766--6468-9585770
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Thema fort Die Krankenhäuser und namentlich die Waisenhäuser Berlins sind weit über ihre Berhälknisse hinaus eingerichtet und votirt. Wozu dieser fast an Verschwendung grenzende Aufwand von Mitteln jin allen diesen Asylen der Armuth? Arme, elternlose Kinder finden da eine Verpflegung und Unterhaltung, um die sie Kinder aus dem Mittelstände beneideil müssen. Wie manchem ehrlichen Hausvater, dem cs im Leben so sauer wird, die Scinigen zu erhalten, muß das Herz brechen, wenn er Gelegenheit hat, diese großartigen Stätten der Humanität zu besichtigen und Vergleiche anstellt mit dem glücklichen Loose der kleinen Insassen und dem seiner eigenen Kinder, denen es an Allem gebricht und denen er beim besten Willen nicht solche Speise, solche Kleidung, solche geistige und körperliche Pflege angedeihen lassen kann! Welche Wünsche sich da in seiner Brust regen, überlasse, ich der Phantasie des Lesers. — Und dann werden nicht die armen Waisen selbst, indem sie über ihre Sphäre hinaus eryalten werden, für das eigentliche Leben des schweren Ernstes geradezu untüchtig gemacht? zu völlig verkehrten Lebensanschauungen hingelenkt? Behandelt die armen Waisen gut und liebevoll, aber verwöhnt sie nicht und laßt nicht ihr Loos in beit Augen von Kindern, denen noch Eltern zur Seite stehen, begehrenswerth erscheinen! Ich könnte Ihnen da noch Manches aus meinen persönlichen Beobachtungen in hiesigen jüdischen Waisenhäusern mittheileu, doch — sapienti sat. Es erübrigt mir noch, Ihnen die traurige Wahrnehmung zu übermitteln, daß jüdische Waisenkinder wegen mangelnder Wartung in christliche Waisenhäuser untergebracht werden müssen. Diese Fälle mehren sich in erschrecklicher Weise und gereichen den betreffenden Gemeinden keineswegs zur Ehre. Sie könnten vermieden werden. Haltet euere Mittel wohl zu Rathc, vermeidet jeden Nepotismus und benutzet die Gemeindeämter zur Anstellung der würdigsten Personen, die im Leben Schiffbruch gelitten haben! Ihr nrehret sonst nur das Heer der Unzufriedenen und drängt sie hinüber in's feindliche Lager, die das Feldgeschrei von der Kapitalherrschaft unserer Tage auch in unsere Gemeindeverwaltungen hinzutragen drohen. Magdeburg. Zu den Ausweisungen wird der „Voss. Ztg." aus Petersburg geschrieben, es solle im Zusammenhang mit den Arbeiten der Plehwe'schen Kommission eine Konvention zwischen Deutschland und Rußland vereinbart werden. Fürst Bismarck habe sich durch den Grafen Schuwaloff bestimmen lassen, russischen Unterthanen, falls sie nicht jüdischer und polnischer Nationalität sind, den Aufenthalt auf preußischem Territorium ohne die bisherigen Beschränkungen zu gestatten. Die erwähnte Kommission ihrerseits* beantragt, die Ansländerfrage vom Standpunkt der Gegenseitigkeit zu regeln, d. h. die Rechte des Bürgers eines fremden Staates in Rußland genau nach den Rechten zu bemessen, welche Russen in dem in Frage kommenden Staat genießen. Die Zulassung von Ausländern zum Dienst in der russischen Armee wird zweifellos untersagt werden. So war also doch — was bekanntlich bei Gelegenheit der Interpellation im Reichstage regierungsseitig bestritten wurde — die Spitze der Ausweisungsmaßregel zumeist gegen Juden und Polen gerichtet. Aertirr, 13. December. (Or.-Corr.) Der Herr Correspondent „Aus dem Hannoverschen" in vor. Nr. hat so unrecht nicht, wenn er sich über seinen College» von der Emder Conferenz ein wenig moguirt. Es ist nicht meine Aufgabe den apostrophirten Referenten, den ich nicht kenne, zu vertheidigen, Pflicht aber ist es, falsche Anschauungen, die im Stande sind, Existenzen zu vernichten, mit aller Macht zu bekämpfen. Der Referent von Emden hat allerdings seine These unvollständig aufgestellt: er hätte sagen müssen: Jeder Prüparand, der keine oder ungenügende Stimmmittel besitzt, ist von der Aufnahme in ein Seminar auszuschließen! Und diese Worte, die von allen Lehrern, die keine Cantoren sind, durchaus gebilligt worden, sollten an der Spitze der Aufnahmebedingung stehen. Wo dieses leider bis heute nicht beobachtet wurde, da hat man ein Lehrerproletariat herangezogen, wofür nur die unpraktischen, von falschen Idealen geleiteten Seminardirektoren verantwortlich gemacht werden können. Schreibe sich der Herr Correspondent folgende Thatsachen, die ich ganz und voll vertrete, in sein Tagebuch und dann wird er einsehen, daß genau das Gegentheil seines Rathes beachtet iverden muß. Von sämmtlichen Lehrern, die in den letzten zwei Jahren aus dem Berliner Seminar entlassen wurden, haben Alle, die zu gleicher Zeit Cantorer waren, sofort nach der Entlassung, zum Theil brillante Stellen bekommen, von den übrigen aber, es sind circa 15—20. haben nur 2 zufällig in Waisenhäusern Engagement gefunden, die anderen haben ihre Carriere, bevor sie sie überhaupt angefangen, aufgegeben, oder sie fristen ein kümmerliches Dasein als Privailehrer und Stundengeber in Berlin. Wenn der Herr Corresp. nicht weiß, daß die Zeit der jüd. Elementarlehrer vorbei ist. so lese ec den Anoncenthei l der jüd. Blätter. Er findet \ Stellenvacanzen für Reli - gionslehrer und Cantoren und *|s für Elementar - lehrer, aber ebenfalls stets mit der Bedingung, zugleich das Cantorat zu übernehmen. Kommt nun ein Lehrer, der nach den Idealen des Herrn „Hannoveraners" ausgebildet ist, aber kein Chasonus kennt, zur Probe nach einer Gemeinde, so wird er, sammt seinem pädagogischen Ballast, abgewiesen und ein minder tüchtiger Lehrer, aber guter Sänger, wird ihm vorgezogen. Dieser Fall bildet die Regel und ist — wie die Dinge in den Gemeinden einmal liegen — auch berechtigt. Eine große Gemeinde mit einer gutbesuchten Elementarschule gebraucht tüchtige Lehrer und engagirt sich einen separaten Eantor. Wie viele solcher Schulen giebt es aber noch in Preußen? Keine 3 0. Die jüd. Elementarschulen in den kleinen Gemeinden Hannovers, Westfalens, Rheinprovinz und Hessen sind zum Theil Armenschulen, d. h. sie werden nur von den Kindern der ärmeren Mitglieder besucht, oder, im günstigsten Falle, Kleinkinderschulcn, von wo die Schüler im 9. Jahre nach dem Gymnasium oder der höheren Töchterschulen abgehen. Diese Gemeinden verlangen in erster Reihe, daß der Lehrer — Eantor sein muß und legen aus die Leistungen in der Elementarschule weniger Werth, weil sie ihre Kinder doch nur kurze Zeit darin verweilen. Die Zukunft des jüd. Lehrerstandes liegt in der Religionsschule. Die jüdischen Elementar-Schulen werden immer weniger, und jüd. Elementarlehren immer überflüssiger; tüchtige Religions lehrer, aber die zugleich brauchbare Cha - sonim sind, werden stets gesucht werden. Dieses ist nicht nur meine und die Ansicht zahlreicher Collegen; auch das hiesige Seminar beginnt bereits einen andern Weg einzuschlagen. Schon die Pcäparanden werden in den hebräischen Fächern und im Gesang sorgfältig vorbereitet. Gewissenhafte Direktoren, die ihre eigenen Erfahrungen praktisch verwerthen, werben sicherlich auch Jedem, der nicht viel Fleiß auch auf seine musikalische Ausbildung anwenden kann, oder dem es gar an jeder cantoralen Begabung fehlt, den freundschaftlichen Rath ertheilen, im eigenen Interesse lieber eine andere Carriere einzuschlagen. L. W, fßettin, 12. December. Eine Briefkastennotiz in Nr. 26 des „Reichsfreund", welche sich mit dem Realschullehrer Hofmann am Realgymnasium zu Reichenbach in Schlesien beschäftigte führte gestern den Redakteur des genannten Blattes, Emil Barth vor die II. Strafkammer hiesigen Landgerichtes. In jener Briefkastennotiz war einem Abonnenten in Reichenbach der Rath ertheilt worden, über angebliches antisemitisches Gebaren und und Ungehörigkeiten des Lehrers Hofmann Beschwerde zu führen. Letzterer hat sich dadurch beleidigt gefühlt und den Strafantrag gestellt. Theils durch das Zugestündniß des Beleidigten, theils durch commiffarische Vernehmung mehrerer Schüler des Gymnasiums in Reichen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.