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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-12-09 · N° 50. (9.12.1886) · p. Seite 405

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 50. (9.12.1886)
Date
1886-12-09
Page
Seite 405 (sequence 5)
Language
German
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405 r b Naturgemäß wirkt diese Schroffheit zu Gunsten dee Reformpariei und die Zahl derselben ist stets im Wachsen, während die Synagogen sich immer mehr leeren. — Wie unsere Zeloten selbst rein wohlthätiges Streben vom Partheistandpnnkte auffasscn, mag folgendes Beispiel erläutern. In Veranlassung des vom Tempelprediger Or. Jonas, zur Förderung der Gründung einer B. B.-Loge in Hamburg gehalteuen Vortrags war vom Vorsitzenden einem Herrn eine Karte zugeschickt worden; derselbe brachte sie aber zurück, indem er die Bemerkung daran knüpfte, wie man erwarten könne, daß er sich einem Vereine anschließen würde, für den Or. I. wirke. Aus dem Karrnöverscher». Der Werth der Lehrerversammlungen ist ein allgemein anerkannter, aber es läßt sich auch nicht bestreiten, daß auf denselben oft recht wunderliche Blüthen zum Vorschein kommen. Unter diese „Blütheu" rechne ich die Forderung eines Referenten auf der diesjährigen Lehrerversammlung des Landrabbinates Emden. Sie lautet: „Bei der Aufnahme ins Seminar muß auf musikalische und stimmliche Begabung ein Hauptgewicht gelegt werden....- Es ist daher die Aufnahme ins Seminar möglichst auf stimmbegabte junge Leute zu beschränken." Der Herr Referent macht den Seminardirektoren im Anschluß an seine Forderungen den Vorwurf, daß sie bei der Aufnahme nur eine Steigerung der Frequenz ihrer Anstalt, nicht aber das Kriterium der Stiminbegabung im Auge hätten. — Wie kann der Herr Verf. von Theologen und Pädagogen — das sind doch unsere Seminardirektoren — verlangen, daß sie das Cyasonußgebiet als das wichtigste Unterrichtsfach behandeln sollen! Ich muß aber bekennen, mir gefallen unsere Lehrerseminare in ihrem Zustande, trotz mancher Mängel, doch noch besser, als in der „Zukunftsmusik" des Herrn Referenten. — Die Aufgabe des Seminars wird es für alle Zeiten bleiben, Jugendbildner, und nichts weiter als dies, auszub'ldeu, die befähigt sind, Herz und Geist der Jugend für unsere heilige Religion zu gewinnen und zu erhalten. Das vermögen alle Liturgien und die besten Kantoren der Welt nicht, das vermag nur ein Herz und Geist erwärmender Unterricht. Diese E.kenntuiß wird den Herren Seminardirekten immer die Richtung, in der sich ihre Thätigkell bewegen muß, anzeigen! — Schön und nützlich ist cs allerdings, wenn das seminar seinen Schülern, die ja meistens neben ihrem Lehramte auch dasjenige des Vorbeters zu versehen haben werden, genügende Gelegenheit bietet, sich für letzteren Fall vorzubereiten. Es wird genügen, wenn der angehende Vorbeter die traditionellen Melodiennute hat, die bei dem Publikum immer noch inehr Geltung besitzen, als vielleicht manche Chasonußwerke, mit ihrem häufig nach der Oper schmeckenden Inhalte. Wer sich zum Sänger, zuni Chasonusvlrtuosen ausbilden will, der mag sieh dazu andere Stätten auser sehen. Das Lehrerseminar hat idealere Ziele zu verfolgen, und so lange es dieselben nicht verkennt, so lange es im Streben nach Vervollkommnung verharrt, wird auch die Zeit wiederkehren, in welcher der Lehrer das wieder gewinnt, was er durch eigenes Verschulden verloren, das Amt als-Lehrer! GSer-Ingelheim. (Or.-Corr. Schluß.) Ob der angeführte religiö-.'-fittliche und staatsgesetztich begründete Satz auch den Orthodoxen in allen Fällen als unumstößlich gilt'? Ja, ob nicht sogar fiUpn (Statuten), welche die Rabbiner geschaffen, umgangen werden und unbeachtet bleibeit, wenn es die „herrliche Entfaltung der orthodoxen Anschauungen" zu beweisen gilt; wenn es gilt, einem freisinnigen Rabbiner ein Bein zu stellen, ihn zu kränken und zu schädigen'? Setzen wir den Fall: Ein Brautpaar wünscht dritten Orts seine Hochzeit zu feiern../Der Rabbiner der Gemeinde ist zur Trauung" bereit, wünscht aber, wie herkömmlich, eine Erklärung vom Rabbiner aus der Heimathgemeinde des Bräutigams. Nach Lage unserer Gesetzgebung ist es unklug, eine solche Forderung zu stellen; insbesondere dürste der Rabbiner der Heimathsgemeinde, wenn er seine Leute kennt, aus collegialen Gründen mindestens eine solche nicht erzwingen wollen. Für die orthodoxen Rabbiner müßte es jedoch unverbrüchliches Gesetz sein, weil ja religiöse Hindernisse der Verehlichung entgegenstehen könnten! Und wer soll diese kennen, wenn nicht der Rabbiner der Heimathgemeinde? Und es gehört zu den anerkannten mapn, die den orthodoxen Rabbinern gleich heilig sein müssen. Aber hier handelt es sich um — zwei Reform- Rabbiner, in der Heimathsgemeinde ists sogar Einer der Haupthelden der Reform, der in der Stadtgemeinde ist aber noch gefährlicher; denn er ist ein vorzüglicher Redner und die Mitglieder der orthodoxen Religionsgesellschaften besuchen gern heimlich dessen Predigten, wenn sie einmal etwas Anständiges ohne zugedrückte Angen und „Himmelssprüche" hören wollen! Also — der Hotelier, der fromme Wirth, weiß Rath; er will sich die große Hochzeit nicht entgehen lassen. Und — ^.Wir gehen zu dem frommen Or.!" Den beiden Reformrabbinern müssen die Gebühren entzogen werden; sie haben beide das Nachsehen: Wie aber verhält es sich mit — Billigkeit und Anstand? Ei, das sind ja auch Dinge, von denen orthodoxe Rabbiner nichts wissen! Nein, davon reden wir nicht, denn es handelt sich um einem orthodoxen Rabbiner gegen Reformer! Aber um KniaSlSl iW’T da dem Prediger der Religionsgesellschaft wiederholt streng verboten wurde, nur innerhalb dieser Gesellschaft d. h. bei den Gliedern derselben in Casualfällen fungiren zu dürfen? Was würde die Regierung sagen, wenn man ihr sagen würde, daß der fromme Herr ihre Befehle mißachtet? Wir werden über die schließliche Entscheidung in diesen Blättern berichten. W. Kattingen a. b. Ruhr. (Or.-Corr.) Der Verein „für jüd. Litteratur" zu B o ch um. der im vergangenen Jahr gegründet wurde, nahm am 17. November seine diesjährige Thätigkeit wieder auf. Den Reigen der Vorträge eröffnete Herr Lehrer und Prediger Laub he im. Das Thema lautete: „Oie Entstehung der Parteien im Judenthum." Es sei mir gestattet, einzelne Punkte aus dem außerordentlich interessanten Vortrag wieder zu geben. „Kein denkender Mensch" — so etwa sagte der Redner — „könne die Rothwendigkeit verschiedener Partheien in Abrede stellen, denn o.)ne dieselben würde alles Geistesleben erschlaffen; jeder Aufschwung in Kunst und Wissenschaft lahm gelegt werden. Das Judenthum verdanke den Geisteskämpfen seine nie versiegende Lebenskraft." Nachdem der Redner der beiden zur Zeit des ersten Tempels bestehenden Parteien Erwähnung gethan, ging er auf die Zeit nach den Makkabüerkämpfen näher ein. „Nach jedem glücklich überstandenen Kriege, trete ein Umschwung in allen Verhältnissen ein. Das Volk fange an, sich seiner großeil Aufgaben zu erinnern. Nachdem das Schwert in der Scheide ruhe, würden die Werke des Friedens mit doppelten Selbstgefühl wieder begonnen, die lange Zeit brach liegenden Kulturgebiete von neuem bevaut und mit frischen Saaten bestreut. Dieses Bild zeigte nicht allein Palästina nach dem Makkabäerkriege, sondern auch Deutschland nach den Freiheitskriegen und na h seinem letzten ruhmreichen Krieg." Der Redner kam sodann zu den Parteien der Hellenisten, Pharisäer, Sadduzäer und Essäer, voit denen er em farbenreiches Bild entwarf. Schön ist, was der Redner von den Hellenisten sagte, weil es so haarklein auf die Hellenisten unserer Zelt — wenn wir die Apostaten so nennen dürfen — paßt. „Gegen die Aneignung griechischer Sitte und Gewohnheiten, soweit diese den äußeren gesellschaftlichen Verkehr betrafen, wäre nichts einzuwenden, wenn diese Hellenisten nicht feige und charakterlos genug wären, ihren religiösen Standpunkt zu verleugnen, entweder aus uiedriger Gesiiinuug sag neufluchtig zu werden, oder wie es viele^thaten, in der größten Bedrangniß ihre Stammesbrüder im Stich zu lassen. „Dle pyarrjärschen Gelehrten". — so etwa schloß der Redner — „waren Handwerker und Acbe.ter und haven dadurch eine schöne Harmonie zwischen realem und idealem Streben zu Stande gebracht. Auch m dem

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