Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 50. (9.12.1886)
- Date
- 1886-12-09
- Page
- Seite 404 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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enthielten beinahe dieselben Namen, ja noch mehr, sie sollen von einem Comits aufgestellt sein! Die Agitation mar viel schwächer, als sie den Anlauf nahm; die Bctheiligung Vormittags sehr rege, Nachmittags matt, im Ganzen wie immer; — das Resultat, wie gesagt, wohl dasselbe. Am rührigsten war die conservative Partei, der es wohl auch gelungen sein dürfte, einige ihrer Candi-- daten durchzubringen. Es verlautet, daß gegen die Wahl wegen eines Formfehlers bei den Einladungen Protest erhoben worden sei. Wenn im nächsten Rechenschaftsbericht vom Jahre 1889 6 neue Religionsschulen und einige neue Synagogen aufgeführt sind, so hat Berlin trotzdem eine gute Wahl getroffen. Doch nun zu etwas Anderem. Die Amsterdamer Hyperorthodoxie wirft ihre Schatten mitunter nach der deutschen Reichshauptstadt. War dort in Amsterdam eine vermögende, schon zweimalige Wittwe, nahe den sechziger Jahren, die a tout prix noch einen „Dritten" wollte. Als zu der Dame mit den 5 Häusern ein passender Candidat gefunden war, da wollte der Amsterdamer Raw nicht trauen, wegen N22O (Gefahr) wie es hieß.*) — Da war nun guter Rath theuer. Einen Mann wollte die nicht mehr ganz junge Wittib partout haben und sie lenkte ihre Schritte nach — Berlin, dort vermittelt ja schnell und diskret ein ganzes Heer von Schadchonim Passende Partieen. — Zehn von diesen Herren und Damen führten der lebens- und liebenslvstigen Holländerin etwa 30 hciraths-—,wollte sagen Häuserlustigen — Candidaten vor, mit denen sie sich zum Theil verlobte, die aber alle wieder abfielen. Endlich findet sich ein 70jähriger Privatlehrer, der die „Gefahr" nicht zu fürchten braucht und das Risiko eingeht; nun ist die ältliche Wittwe wieder glückliche junge Frau. Soweit hat die Sache Stoff genug zur Heiterkeit gegeben. — Das Nachspiel aber ist tragikomisch. Der Schadchen, dem sie die versprochenen Prozente nicht bezahlt, hat sie verklagt, und es erscheinen demnächst vor Gericht: das „junge" Ehepaar und circa 12 frühere Anbeter. Diesen Chillul haschem hätten wir Amsterdam lieber gegönnt. Man sieht aber, daß dieses Mal der Amsterdamer Raw in seinem dunklen Drange sich des rechten Weges wohl bewußt war. (Wir müsseu gestehen, daß das Treiben mancher Schadchonim, die Art ihres Annoncirens in den politischen Blättern schon läitgst als ein Chillul haschem betrachtet worden, dem gesteuert werden müßte. Red.) Kamburg, 3. Decbr. (Or.-Corr.) Schon seit einigen Wochen wurde in jüdischen Kreisen davon gesprochen, daß es dem Oberrabbiner gelungen sei, im Widerspruche mit dem Willen unserer staatlichen Behörden und fast der Gesammtheit der Mitglieder unserer Gemeinde, mit Ausnahme einiger wenigen Zeloten, den seit Jahren verfolgten Plan, einen Friedhof auf benachbartem preußischen Gebiete zu erlangen, endlich durchzusetzen und zwar mit Hülfe keines Geringeren als des Reichskanzlers selbst. Durch dessen Vermittelung soll die Regierung in „Schleswig veranlaßt worden sein, die im August 1885 der alten und neuen Klaus", welche den Deckmantel lieh) verweigerte Erlaubniß, zur Erwerbung eines Platzes in Stelling zur Anlegung eines Friedhofs, nunmehr zu ertheilten. In welcher Weise die Verhandlungen geführt - worden und welche Kräfte dabei mitgewirkt haben, darüber lauten die Berichte verschieden. Während von einer Seite erzählt wird, daß der Schwiegersohn des Oberrabbiners, Dr. Cahn in Fulda, die Fürsprache des dortigen Bischofs erlangt habe, behaupten Andere, daß des Reichskanzlers ältester Sohn die Vermittler-Rolle übernommen hätte und durch Dr. Koref, (den Rabbiner in Hanau) dazu bestimmt worden sei. Noch *) Die Gefahr ist nicht etwa für den Rabbiner, sondern nach einer superstitiösen Ansicht im Talmud für den dritten Ehemann,der sich der Gefahr aussetzt, daß ihn das traurige Loos seiner beiden Vorgänger treffen könnte. Andere lassen den Grafen Herbert Bismarck und Dr. Adler in Lodon dabei mitgewirkt haben. Alle diese Erklärungen klingen so abenteuerlich und die Zusage des Reichskanzlers ohne vorherige Anfrage bei den Hamburger Staatsbehörden scheint so unwahrscheinlich, daß man Anfangs der Sache keinen rechten Glauben schenkte und dennoch scheint etwas Wahres daran zu sein. Die nachträgliche Genehmigung von Seiten der Schleswigschen Regierung muß jedenfalls erfolgt fein, trotzdem diese bei früheren, ähnlichen Veranlassungen ausdrücklich hervorhob, (selbst als die Deutsch-Israelitische Gemeinde darum nachsuchte), daß sie ohne das Einverständniß der Hamburger Behörden, die Erlaubniß nicht ertheilen würde; denn der Oberrabbiner ist bereits eifrig bemüht, durch Collectiren bei Gemeindemitgliedern die nöthigen Gelder herbeizuschaffen, ist aber bei Vielen auf einen unerwarteten Widerstand gestoßen. Indessen soll von Seiten eines Verstorbenen (I.g) ein Legat von 25 000 Mark dafür vorhanden sein. Wir wollen nicht unterlassen bei dieser Gelegenheit nochmals hervorzuheben, daß der bereits mit 600 Leichen fast bedeckte Friedhof in Ohlsdorf nicht nur auf „Friedhofsdauer" der Gemeinde überlassen worden ist; vielmehr lautete die Bestimmuug: daß, wenn selbst das übrige Terrain aufgehört haben würde, als Friedhof zu dienen, der von der Israelitischen Gemeinde (für baares Geld, M. 6000 pr. Hektar) erworbene Theil nur in dringend nothwendigem Falle und auch oann nur auf dem Wege des Gesetzes, durch Beschluß von Rath und Bürgerschaft, wieder genommen werden könne, während bekanntlich ein Kauf, selbst für ewige Zeiten, durch Expropriation wieder entzogen werden kann, wie das mehr'als einmal in Preußen, selbst bei Begräbnißplützen, vorgekommen ist. Auch dürfen wir wohl darauf Hinweisen, daß der im schönsten Theile der Stadt belegene Friedhof „am Grindel" nur gegen eine jährlche Recognition überlassen, vom Oberrabbiuer niemals beanstandet worden ist, trotzdem wird es unseren Behörden niemals in den Sinn kommen, den Platz der Gemeinde zu entziehen. Es ist die ganze Angelegenheit, wie das in der „Israelitischen Wochenschrift" bereits früher hervorgehoben worden, von Seiten des Oberrabbiners zu weit aufgebauscht worden, indem religiöse Bedenken durchaus nicht vorliegen und es sich lediglich um eine Formel handelt; allein es galt eben seinen Willen durchzusetzen und zu zeigen, was man zu erreichen im Stande sei.*) Dieser starre Wille ist es auch, der bis jetzt jede, auch die bescheideuste Reform zu verhindern wußte und kein Wunder ist es. daß die Zahl der Mitglieder des Synogogen-Verbandes, wenn wir nicht irren, von 1600 auf 500 etwa gesunken ist. *) Einem hiesigen vielgelcsenen Blatte giebt die ganze Affaire Veranlassung zur folgenden Bespöttelung: „Der jüd. Friedhof ist schon seit langer Zeit zum S treit Hof unter den Juden geworden, und der Oberrabbiuer und Stern des hiesigen Judenthums, hat, da Senat und Bürgerschaft nun einmal vernünftigerweise nichts von einer Ewigkeit wissen tvollen, sich direkt an Fürst Bismarck gewendet und dieser hat denn auch die Erlaubniß gegeben, daß die orthodoxen Juden sich einen Privatsriedhos in Stellingen einrichten dürfen. Darob großer Jubel im Lager der Orthodoxen. Sie haben den Reichskanzler extra „gebenscht" und rufen aus: „Unser Bismarck ist doch ein großer Judcnfreind!" O, über diese blöden, kurzsichtigen Thoren, die nicht einschen, daß durch , diese ertheilte Erlaubniß Fürst Bismarck auf das Entschiedenste seinem Antisemitismus Ausdruck gegeben hat, denn er hat durch diese Erlaubniß dokumentirt, daß er sehr damit einverstanden ist, wenn die Juden sich auf ewig — begraben lassen. Ein reicher jüdischer Privatier soll sogar Mk. 50 000 für die Herstellung des jüdischen Friedhofs in Stellingen hergcgeben haben, denn da der Mann zur mosaischen Religion gehört, hat er auch viel Moos. Jeder Mensch kann nun allerdings mit seinem Gelde machen, >vas er will; wenn man aber, und namciltlich bei der herannahenden Winterszeit, daran denkt, wie viele Menschen hungern, darben und frieren, dann denke ich, hätte der Herr Privatier seine Mk. 50 000 besser dazu angewcndet, die Thränen der Lebenden zu trocknen, als einem abertvitzigen Vorurtheil Vorschub zu leisten. Wer sein Geld nicht zum Wohlthun anwendet, der, nun, der kann sich eben damit begraben lassen, und wenn es ihm besoxdercs Vergnügen macht, meinetwegen in Stellingen."