Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-12-09 · N° 50. (9.12.1886) · p. Seite 403

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 50. (9.12.1886)
Date
1886-12-09
Page
Seite 403 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9585330-9585757--6458-9585760
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

K \ r Noch einige Aeutzerungen über den Gottesdienst. Von L. Cohen, Cantor und Lehrer in Rees a. Rhein. Wer die Leitartikel in Nr. 43, 44 und 47 d. Blts' gelesen, wird gewiß in die berechtigten Klagen des hochverehrten Herrn Verfassers über die Andachts- und Anstandslosigkeit beim Gottesdienste, wie sie leider in manchen Gemeinden sich zeigen dürften, mit einstimmen, aber auch den Wunsch in sich nicht verschließen, daß diesem Uebelstande bald abgeholfen werden möge. Wer aber die vorgeschlagenen Mittel, von welchen eine Heilung des Nebels erwartet wird, genauer prüft, wird unfehlbar zu der Ueberzeugung gelangen, daß sie, wie alle noch so berechtigten Reformversuche wohl für eine kurze Zeit als Palliativmittel ihre Wirkung nicht verfehlen, eine radicale Heilung aber schwerlich bringen werden. Wie alles Neue, so lange es neu ist, eine Anziehungskraft auf die Sinne übt, deren Slärkegrad mit jeder Wiederholung abnimmt, so werden auch die vorgeschlagenen Reformen nicht im Stande sein, den Geist des Jndifferentismus und der Nonchalance auf die Dauer zu bannen. Wer das Gotteshaus in der Absicht besucht, Belehrung und Erbauung in demselben zu finden, für den genügt schon allein das Bewußtsein, sich an gottgeweihter Stätte zu befinden, die Hülle der Alltäglichkeit für die Dauer seines Aufenthalts an geweihter Stätte abzustreifen, um ihn vor Ausschreitungen zu bewahren. Wer dagegen in dem Gotteshanse nur Unterhaltung und Befriedigung des Sinnenreizes sucht, wird nur zu oft Veranlassung haben, sich über Mangel an solche beklagen zu müssen. Muß ja die Langeweile, die Tochter des Müßigganges, sogar an heiliger Stätte ihn die Schranken der Hochachtung und Ehrerbietung vor dem Angesichte der göttlichen Majestät überschreiten lassen. Der öffentliche Gottesdienst ist nicht eine Vorstellung, zu welcher die Besucher als stumme Zuschauer oder Zuhörer sich einfinden, nein, er ist ein Act, bei welchem die Mitwirkung jedes Einzelnen unerläßlich ist, soll er seinen heiligen Zweck nicht verfehlen. Mit seinen eigenen Herzensangelegenheiten hat sich der Einzelne zu beschäftigen, und worin könnte er eher Befriedigung finden, als in unfern heiligen, altehrwürdigen und erhebenden Gebeten? Die Ansicht des Herrn Verfassers, es wird zu viel gesagt und zu wenig gethan, werden daher auch wenige der Leser theilen. Ich selbst finde gerade im G eg ent heil den Grund zu den gerügten Mängeln; es wird nämlich zu wenig gesagt und zu viel gethan. Würde man Jeden seine Zeit mit Beten ausfüllen lassen,*) seien es lange oder kurze, verstandene oder unverstandene, hebräische oder in einer lebenden Sprache abgefaßte Piutim oder sonstige Liturgien, ich garantire dafür,**) daß an eine profane Unterhaltung nicht gedacht werden würde. Ich kenne manchen Am-Hoorez, dem das Verständniß der hebräischen Sprache durchaus mangelt, der aber während der ganzen Dauer des Gottesdienstes nicht den Blick von dem allein ihm verständlichen Machsor-Folianten mit echtem Jwri-Deutsch wendet, aber in Bezug aus Andacht, Anstand und Wohlverhalten ein ganzes Minjan sogenannter gebildeter Synagogengänger beschämen würde. — Und worin besieht die Zauberkraft, welche solche Wirkung hervorzubringen vermag? Nur in dem Gedanken: Ich befinde mich an heiliger Gottesstätte. — Wisse, vor wen: du stehest! — Der Mensch sieht auf's Aeußere, Gott aber schaut in's Herz. — *) Wer wehrt es denn Jemandem leise zu beten, was er will! (Red.) **) Wir nicht! — Wir haben vielmehr die Beobachtung gewacht, daß es gerade die langen Pijutim-Stiicked sind, welche Viele zur Unterhaltung mit dem Nachbar veranlassen; ebenso die oft wiederkehrenden Wiederholungen, selbst der Schmone essreh, gegen deren Wiederholung stch aus diesem Grunde schon Maimonides ausgesprochen hat. Wo bleibt das 2D N2122 tOSttl (Red.) Unbestritten ist aber auch ferner, daß der größte Theil der Zeit, welche wir im Gotteshause zubringen, mit Beten — Sagen — ausgefüllt werden muß.*) Die Vorlcsung aus der Thora, welche hauptsächlich nur beim Morgengottcsdienste stattfindet, nimmt schon weniger Zeit in Anspruch; die Predigt, welche eben nicht als obligater Theil des Gottesdienstes gelten kann, weil sie nur zu beliebigen Zeiten und 'am Orte eines Predigers stattfindet, erfordert noch weniger Zeit. Schofar, Lulaw, Duchnen u. dgl., welche Verrichtungen zusammengenommen kaum mehr^ als zwei Stunden während der Dauer eines ganzen Jahres ausfüllen, sind gewiß nicht im Stande, das Uebel für diese ganze Zeitdauer zu heilen. Aber der vierstimmige K it n st - gesang vom liefen E bis zum hohen 0, von einem gemischten oder einem Männerchor exekutirt? Sollte auch der es nicht vermögen? Dieser erst recht nicht, wie Herr Rabbiner Er. Caro treffend bemerkt und wie die Praxis zur Genüge bewiesen hat. Exsvaxla sunt odio8a! Er beschäftigt nur den geringsten Theil der Synagogenbesucher, während die weitaus größte Menge zur Unthätigkeit verurtheilt ist. aber auch etwas zu thun haben will. Kanu oder darf sie selbst am Gesänge sich nicht betheiligen,**) des Rechtes, ihn während der Ausführung wenigstens in nicht zu discreter Weise zu kritisiren, will sie sich so ohne Weiteres nicht begeben. Was ist die Folge? Am bloßen Anhören findet ein Theil der Gemeinde kein Gefallen und muß sich, um nicht der Langeweile zu verfallen — unterh alten. Es ist gewiß nicht meine Absicht, den guten Willen des Herrn Er. Caro zu verkennen. Ich räume deshalb dem Herrn Rabbiner gern das Vorrecht ein, die Thora ein- und auszuhebeu, wie dies ja auch in vielen Gemeinden schon Gebrauch ist. In den wechselseitigen Vortrag der Psalmen dagegen, muß, wo ein solcher üblich ist, sich die Gemeinde mit dem Cantor theilen. Oder soll auch hier der ersteren wieder eine entsprechende Pause zum Plaudern, oder, wenn es gut geht, zum Gähnen bewilligt werden? Das unruhige Naturell der meisten will nun einmal etwas zu thun haben, und zuin Schlafen bleibt schließlich Zeit genug, wie wir dies z. B. an den hohen Feiertagen zu bemerken Gelegenheit haben. — Auf das Gebet „Unsanne taukef“ kann ich als Chasen dem Rabbiner nicht gutwillig abtreten, — ohne ihn aber wegen seines Anspruches auf dasselbe „h ier - archischer Gelüste" bezichtigen zu wollen. Wen bei diesem Gebete nicht der Vortrag des Cantors — uird sei dieser auch nicht auf einem Couservatorium der Musik ausgebildet — oder das eigene stille Gebet zu fesseln vermag, über dessen starren Sinn wird auch der Rabbiner nichts vermögen. Im besten Falle wären aber auch auf diese Weise nur wieder höchstens 10 Minuten im Jahre für die Andacht gerettet. Mein Rath ist daher: Jedem bleibe bas Seine! Jeder thue aber auch das Seine! Dann ist lins Allen geholfen! _ (Schluß folgt:) Berichte und Corresponbenzen. Deutschland. Aerlin, 1. Dccember. (Or.-Corr.) Berlin ruht von der Anstrengung der Repräsentanteu-Wahl aus. Wie das Ergebuiß sein wird, können wir nicht wissen. Das Geschick verschiedener Candidaten ruht noch in beit Wahllisten und wird erst in einigen Tagen bekannt gemacht. Für uns und alle Kenner der hiesigen Verhältnisse ist das Resultat schon längst bekannt: „es bleibt beim alten und beim Alreu"! Ls wurde zwar eine Candidateuliste mit der Ueberschnft: „Das liberale Comils" veröffentlicht und daneben figurirtc' eine andere Liste ohne Parteibezeichnung, aber — und das ist das Bezeichnende der ganzen Bewegung — beide Listen *) Hiernach wäre ja ein großer* Theil der Gebete nur Zeitausfüllung'. Das ist wahrlich kein Motiv zur Erhöhung der Andacht. **) Darum betonen wir stets den Gemeind e gesang. (Red.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.