Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 50. (9.12.1886)
- Date
- 1886-12-09
- Page
- Seite 402 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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■\*r y ", — 402 Pflicht — so schreibt das gen. Blatt „Hazewi" — zu erklären, daß diese ganze Nachricht fast Wort für Wort eine Lüge ist! Noch nicht das geringste Stückchen Land hat der „Edle"') gekauft, und das, was ihm zum Ankauf zur Verfügung steht, ist noch lange nicht 500 Hektare groß. Der „Edle" hat für die neuen Familien auch nicht einen einzigen Weinstock gespendet; die Fabrik für das Pressen der Oliven ist noch nicht eröffnet, geschweige daß die Oelfabrikation und Raffinade bereits begonnen hätte. Herr Nimzowitz ist vor kurzem nach Marseille gereist, um Pressen zu bestellen, und für Keltern fehlt vorläufig noch das Bedürfniß auf „Rischon lezion". — So schreibt wörtlich das in Jerusalem erscheinende Blatt und es ist kein Zweifel, daß dies der Wahrheit entspricht. Aber wie viele Menschen können in die Schlinge fallen im Laufe der Wochen, die vergehen, bis „Hameliz" von Petersburg nach Jerusalem und „Hazewi" von Jerusalem nach den Städten Rußlands kommt? — Man glaube aber nicht, dies gelte nur von dlesem einzelnen Falle, und nicht im Allgemeinen. Das ganze Project der Colonisation Palästinas ist ein gefährlicher Schwindel! Der beste Beweis für diese Behauptung ist die Antwort, welche die Direktoren der Colonie „Peßach Tikwa" und der Oberrabbiner von Jerusalem unfern Glaubensgenossen in Tscherikow (Rußland) ertheilten, als diese daselbst anfragten, ob der Rath: „Machet hinaus nach Zion"! gut und zu befolgen sei? — Nach dem Berichte, den die Fragesteller selber im „Hameliz" veröffentlichen, lautete die Antwort von Peßach- Tikwah so: „Umsonst gründet ihr einen Verein; euer Plan hinsichtlich des Ackerbaues kann sich nicht erfüllen; die Cvlomen basiren auf Lüge; achtbare Männer, die uns besuchen, sehen bei uns den Rachen der Hölle sie angähnen; außerdem ist eine Verfügung von der Regierung erlassen worden: kein fremder Jude darf sich länger als 5 Tage in Palästina aufhalten". — Der Oberrabbiner von Jerusalem, Moses Nehemias.Kohanin, antwortete ihnen: „In Betreff des Colonisationsplanes findet sich die Antwort in dem Schreiben der Colonie, und man kann nicht genug davor warnen, doch all den Lügen nicht zu glauben, die hierüber verbreitet werden rc. .. . es giebt in den Kolonien keinen Ackerboden und keine Häuser, nur wer sein Gebd begraben will, der hat Gelegenheit dazu." — Wir glauben, hiermit zur Genüge den Beweis erbracht zu haben, für jeden der Augen hat, zu sehen, daß es für keinen Israeliten, welchen Landes immer, jetzt gerathen ist, sein Land, seinen Geburtsort und sein Haus zu verlassen > um in das heilige Land zu gehen, wo es an Allem fehlt, j selbst an der Erlaubniß, sich dort uiederzulassen. Und dennoch verstummen auch jetzt noch die Stimmen nicht, und noch immer schwärmen einzelne Journalisten in Rußland und Rumänien*) für Colonisation des heiligen Landes! Wie lange soll das so andauern? Wie viel Lebensglück haben die „Nationalisten" in diesem Bau, der kein Bau ist, begraben, und noch immer wollen sie ihre verderblichen Hände nicht davon lassen? Wie viel Geld unglücklicher Israeliten ist dabei zu Grunde gegangen? Wie viele Tausende von Silberrubeln sind unfern armen Brüdern entlockt worden für Abbildungen, Mazza schmura, Kom-Kippur-Schüsseln und allerlei sonstige Kunstgriffe, welche diejenigen ersonnen haben, die für deren Glück (?) Jahr aus Jahr ein thätig sind, — was ist mit diesen ungeheuren Summen geschehen?**) Beruht es auf Wahrheit, was die Männer der Synagoge ,>Ohel Mo- *) Dieser „Edle" ist Baron Edm. v. Rotschild in Paris, der Sohn Willys v. R. in Frankfurt. *) Leider fehlt es auch in Deutschland nicht an solchen Schwärmern und es giebt Rabbiner, die um orthodox in den Augen gewisser Zeitungsredacteure zu scheinen, in ihren Gemeinden ihre Schäfchen — sagen wir getrost: Schafe — rupfen, und zu Colonisationszwecken Gelder sammeln und nach Dürckheim oder Mainz, Berlin/' öder Würzburg einsenden. motrck. m **)?.TT)pB DV't? wsn HÜ — Diese Frage gilt allen großen und kleinen Geldsammlern; auch den „Spendenlisten", die zum großen Theil mit glänzenden Schilderungen der paläst. Colonien gefüllt waren, scheh“ für die „Chowawe Zion“ iit Warschau itt ihren der Oeffentlichkeit übergegebeueu Briefen mitgetheilt haben von den Schändlichkeiten in der Leitung des Vereins „Chowawe Zion“ in dieser Stadt? Tiefer Schmerz zerriß unsere Seele und die jedes Redlichen bei dieser Kunde. Darum können wir es nicht unterlassen, den nationalistischen Schriftstellern zuzurufen: „Höret auf, euren Brüdern den Rath zu geben, nach Palästina einzuwandern! Höret auf, deren Vermögen zu ruiniren und sie ins Unglück zu stürzen!" Soweit der „Jbri". Die „Wochenschrift" hat sich durch ihre nüchterne Opposition gegen den Colonisations-Schwindel in Palästina den Haß der Schwärmer und Spekulanten, sowie der aus beiden Gemischten in vollstem Maße zugezogen. Wir sahen es voraus, daß dieser Schwindel Tausende unserer unglücklichen Brüder noch tiefer in's Unglück stürzen wird O hätten wir doch falsch gesehen! Wäre uns doch die traurige Genugthuung erspart geblieben, unsere Befürchtungen bestätigt zu sehen! Welche Früchte können aber auch aufaehen in den Saaten, welche nationalistische Schwärmerei Hand in Hand mit gewissenloser Scheinheiligkeit ausstreuen? — Mögen diese Thatsachen endlich wenigstens den — betrogenen Betrügern die Augen öffnen! — Mögen namentlich die Leser des „Serubabel" diesen Leitartikel des „Jbri" beherzigen! Berlin will . . . Jerusalemitischer sein als — Jerusalem? Soeben erhalten wir die neueste Nr. der Wiener „Neuzeit" und ersehen aus derselben, daß daselbst der ebenfalls palästinensische Colonisationszwecke verfolgende Verein „Ahawas Zijon" durch Erlaß der k. k. niederöst. Statthalterei vom 31. Oktober aufgelöst worden sei. Der restliche Kassenbestand von 68 fl. wird nach Jerusalem abgesührt. „Diese Auflösung — schreibt das im Geiste Or. Jellineks redigirte Blatt — dürfte für einen bestimmten Kreis der hiesigen, jüdischen Bevölkerung sehr lehrreich sein. Der Kern der Wiener Cultusgemeinde ist wohlthätig, hochherzig, friedlich gesinnt, ein Feind aller Agitationen und Wühlereien, auch etwas aristokratisch angehaucht, hat Pietät vor Zion, Jerusalem und dem heiligen Lande, sieht eS gern, wenn die Glaubensbrüder dort Handwerke und Ackerbau treiben und nicht der frömmelnden Beschaulichkeit fröhnen und dem Fanatismus eine Brutstätte bereiten, lehnt es aber aufs Entschiedenste ab, eine jüdische nationale Politik, welche die Colonisation Palästina'S zu jüdisch-nationalen Phantastereien mißbraucht, zu unterstützen. Diese schädlichen Spielereien mit einer nationalen Fahne des Judenthums, diese gedankenlosen Wortmachereien für die Creirung eines neuen jüdischen Reiches in Palästina, finden in^Wien keinen Boden, werden hier als irreleitend und die Stellung der Juden schädigend betrachtet. In Rußland und in Rumänien mögen solche .Vereine wie „Ahawas Zion“ zahlreiche und begeisterte Anhänger finden und die journalistische Förderung derselben sich auch renti ren; in Wien aber nicht. Wir sind Wiener Bürger und österreichische Staatsbürger mit ganzem Herzen, lieben das Judenthum, sind bereit ihm die größten Opfer zu brigen rc. Heilig das Andenken Zions, heilig aber auch Vernunft und Besonnenheit!" Das ist auch unser Standpunkt, so wie der eines jeden vernünftigen und besonnenen deutschen Staatsbürgers.! w; die wie Löürufe klangen und gar Viele bethörten. Uns waren Ijiutj andere Berichte von dort zugegangen, noch liegt ein/ganzes Cöuvölut von Manuscripten eines Augenzeugen über das Treiben, besonders in Peßach-Tikwah, in unserem Pulte, wie man dort Lügenberichte fabrizirt, und Jeden, der nicht mitlügt, — bedroht. Wir ließen es trotz Verketzerung und Drohungen an Warnungen nicht fehlen.