Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 48. (25.11.1886)
- Date
- 1886-11-25
- Page
- Seite 388 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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3 SS — Micthe, zahlen noch spärlichere Gehälter, — gewöhnlich für einen Cantor pro Jahr 2—600 Mark, pro Predigt 15 Mk. (das ist hier die übliche Taxe) und nehmen folgende Beträge ein: Jahresbeitrrg 15—18 M.. Schulgeld pro Kind 20 bis 24 M., und für eine Synagoge mit 150— 200 Plätze ca. 8—1200 M. allein für Rosch haschono und Jom Kippur. Trotz alledem petitiouiren sie von Jabr zn Jahr bei der groben Gemeinde um höhere Subventionen und meistentheils werden diese bewilligt, l'appetit vient en mangeant! je mehr sie bekommen, desto mehr wollen sie. Dabei ist es ihnen weniger um die Höhe der Summe, als um die Reclaine zu thun. „Wir werden von der großen Gemeinoe subventionirt" — „der Gemeinderabbiner inspizirt unsere Schule", — ja eine solche Gemeinde führt im Berliner Adreßbuch mit dem Vorstände auch einen der Herren Rabbiner als „Subinspektor" auf. Durch diese Reklame werden viele Eltern bewogeu, ihre Kinder solchen Schulen anzuvertranen. Will nun die Verwaltung. — und den guten Willen wird ihr Niemand absprechen, — für ihre 70 000 jüd. Seelen Gutes schaffen, so errichte sie in allen Stadtheileu g ulgeleitete Re li gio n s sch u l e n, damit ist Allen gedient, und die so berechtigten Beschwerden werden bald aufhören. Mögen die Privatminjanim weiter existiren, mögen die Vorsteher — Vorsteher spielen; sie schaden damit keinem Menschen. Aber die Privat-Religwnsschulen müssen unter allen Umständen aufhören; diese untergraben die religiöse Gesinnung, — weil durch schlecht bezahlte und öfters wechselnde Elemente nichts Tüchtiges erreicht werden kann, — sie schädigen das Ansehen des Judenthums nach außen, weil der Nichtjude nicht unterscheidet zwischen einer pädagogisch gebildeten Schulkommission und den geschilderten Mitgliedern >emcr solchen Privat-Schulcommission. — Hier steckt die Wurzel alles Uebels und hier muß die bessernde Hand angelegt werden. Ob's die alten wiedergewählten oder, wie zu wünschen, einige neue, frische Kräfte sind, ist im Grunde gleich, uns ist es um die Sache, nicht um Personen zu thuu, wir brauchen Männer am grünen Tisch, die die Mängel erkennen, und mit der Liebe für das Judenthum auchdensteteu Willen verbinden,für unser heiligstes Erbe, den jüdischen Religionsunterricht, warm einzutreten, die nicht nur nach der Ehre Haschen, Vertreter der größten jüd. Gemeinde Deutschlands zu sein, sondern die mit Uebernahme eines solchen Amtes verbundene Pfl ichten auch treu erfüllen, unter denen in oberster Reihe steht: die Fürsorge für das Heranwachsende Geschlecht durch Errichtung gutgeleiteter Religionsunterrichtsanstalten iu allen von Juden bewohnten Theilen der Stadt. Werlin. (Or.-C.) Der Haushalt der jüdischen Gemeinde zu Berlin ist so splendid, daß er manchem Fürstenhause zur Ehre gereichen könnte. Nach dem soeben erschienenen Rechenschaftsbericht über die abgelaufene dreijährige Etatsperiode 1883/85 beziffert sich die Einnahme für den gedachten Zeitraum auf M. 2,793,011.99, in welchen diverse Rückzahlungen Don Spezialverwaltungen und Restguthaben bei demselben mitbegriffen sind. Davon wurden M. 2,514,479.93 aufgebraucht. — Die Haupt-Einnahmeposten setzen sich zusammen aus den Gemeindebeiträgen in Höhe von M. 1,501,122.50, aus dem Erlös von Synagogenplätzen und einem veräußerten Gemeindegrundstück M. 270,103.29, aus Kapitalien und Zinsen von Stiftungen M. 575,862.78, die wiederum ungefähr in gleicher Höhe in den Ausgang eingebracht sind, aus M. 30,000 eines gekündigten Hypotheken-Antheils, aus M. 45,645.20 Reservat auf uneingelöste Coupons, aus diversen Ueberschüssen, Verkäufen u. s. w. — In dem Ausgang sind folgende Posten bemerkenswerth: An Zinsen für Gemeindeschulden, Amortisationen und rückständigen Coupons gingen über M. 400,000 aus. Es wäre interessant, die ganze Gemeindcschuld kennen zu lernen, um einen vollständigen Einblick in diesen fast fürstlichen Haushalt zu gewinnen. Die auf dem Begräbnißplatz in Weißensee lastende Hypothekenschuld von M. 60,000 wurde gelöscht. Für Kultuszwecke, als Gehälter, Remunerationen und Pensionen für Kultus- und Büreaubeamte (M. 276,669), Gottesdienst in den 4 Synagogen und Prioatvereinen (M. 214 759 04) sonstige Ritual- und Beerdigungskosten hat die Gemeinde die erkleckliche Summe von M. 528,571.66 aufgebrancht. Außerdem sind für Bureau- und Druckkosten M. 22,704.79 für den Umbau zweier Synagogen und die Umfassungsmauer für den neuen Begräbnißplatz über M. 40.000 verausgabt worben. Vier Gemeindeschulen haben Zuschüsse im Betrage von M. 271,397 erhalten, excl. einer Turnhalle, deren Bau ca. M. 20,000 gekostet hat. Einen hervorragenden Platz nimmt die Armen-, Kranken- und Waisenpflege ein. die nchst anderen für diverse humanitäre Zwecke anfgewandten Summen mehr als M. 463,000 erforderte. —' Das Gesammt- Kultus-Budget der vier Synagogen beträgt nach den im Anfang mitgethcilten Spezial-Rechenschaftsberichten über M. 400,000, wovon mehr als die Hälfte auf die neue, ca. M. 109.000 auf die alte, ca. M. 60,000 auf die Kaiserstcaße-Synagoge und ca. M. 16,000 auf „Philharmonie" entfallen. Uns fehlen die Rechenschaftsberichte der anderen Berliner jüdischen Gemeinden, wie der Reform-Gemeinde, der Synagoge an der Potsdamer Brücke, der Synagoge des Israelitischen Religionsvereins N. Chausseestraße 23, der „Adaß Jisroel" unter Rabbiner Herrn Dr. Hildesheimer, der „Adaß Jeschurnn", Finckenstraße 50, der „Ahawas Röim". der „Schochare Hattow" u. s. w. Wir kämen da noch zu ganz anderen Resultaten. Rechnete man hierzu noch die unzähligen Stiftungen und Vereine, die großartig dotirten Privat-Waisenhäuser. so würde sich unfern Augen das Bild einer staunenswerthen Gemeindethätigkcit entrollen, die ihres Gleichen sucht. Zu dem Gemeinde-Haushalt steuern nur 9951 Censiten bei, während die jüdische Bevölkerung auf 70,000 angewachsen ist. Kassel. Wie der Hofprediger Stöcker verfährt, um Thalsachen auf den Kopf zu stellen, hat er wieder in seinem jüngst hier gehaltenen Vortrag bewiesen. Nach dem Berichte des Organs seiner Partei sagte er u. A.: „Man habe von gegnerischer Seite höhnisch geschrieben, er werde in der Brüderkirche in Kassel über das Gebot: „Du sollst kein falsches Zeugniß reden wider deinen Nächsten" und im Saal über die Heiligkeit des Eides reden. Das seien ja allerdings recht schöne Themata, über die er auch sehr gut reden könne, denn er habe persönlich viel unter falsch wider ihn gegebenem Zeugniß zu leiden gehabt bei den im vorigen Jrhre stattgehabten bekannten Prozessen, die von Inden eingefädelt, ausgebildet und bezahlt worden seien". — Bekanntlich handelte es sich um Prozesse, die von Herrn Stöcker gegen Andere angestrengt waren und allerdings einen für ihn recht unangenehmen Ausgang nahmen. Mille», 19. November. Ueber „die Judenfrage" hielt Stöcker gestern Abend hier den angekündigten Vortrag. In der Einleitung seiner Rede erklärte er es für eine große Anerkennung, daß in Witten eine Anzahl Bürger ihn den „Hauptagitator des Antisemitismus" genannt habe. Mit Stolz acceptire er diesen Titel. Die Juden hätten in ganz Europa keinen Freund. Es sei kaum begreiflich, daß eine so kleine Zahl von Menschen eine so drückende Herrschaft ausüben könne. Wer sich noch als Semit fühle, könne unmöglich voll und ganz ein Deutscher sein. Alsdann ging es in der bekannten Weise weiter. Die Wohlthätigkeit der Juden bestehe nur darin, große Summen auszugeben, um Titöt und Orden zu bekommen. Stöcker sprach dann von der Selbstüberhebung, von dem Verwechseln von Mein und Dein unter den Juden. Es giebt keine Arbeiter unter denselben. Ganze Bauernschaften werden durch sie ausgeschlachtet, kleine Handwerker ruinirt, so daß man vor einer solchen Tiefe des Verderbens staunend und entsetzt dastehe. Das deutsche Volk sei nicht 1871 aus den heimischen Boden zurückgekehrt, um den Sklavenmarkt für die Juden zu bevölkern. (Anhaltender stürmischer Beifall.) Wenn an Stelle Moltke's 1870 ein Cohn oder Moffe gewesen wäre, so würden wir die Siege