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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-11-25 · N° 48. (25.11.1886) · p. Seite 387

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 48. (25.11.1886)
Date
1886-11-25
Page
Seite 387 (sequence 3)
Language
German
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387 gegen dessen strengste Rechtschaffenheit und gerechtetste Hand, i habung, würde in der ganzen Gemeinde die größte Entrüstung wachgerufen und dem, der ihn geäußert, verderblich geworden sein. Und doch hegte Jemand diesen Verdacht, und als er nach langem, mühsamem, geräusch- und ahnungslosem Spioniren und Nachrechnen die Beweise von der leider nur zu großen Berechtigung seines Argwohns in Händen hatte, rief seine Behauptung, die er m einer geheimen Sitzung des Gemeinde-Vorstandes vorbrachte, eine Entrüstung lervor, die gar kein Ende und keine Grenze finden konnte, bis er mit den unwiderleglichsten Beweisen hervortrat, so daß jener dunkle Ehrenmann, der auch im Vorstande der Gemeinde saß, trotz seines weißen Hauptes sofort alle seine Ehrenämter niederlegen und froh sein mußte, daß man ihm weiteren Schimpf und Schande ersparte. Er war von da ab natürlich ein von allen gemiedener moralisch todter Mann. Ich würde es mit großer Genugthuung begrüßen, wenn meinem in b.'ster Absicht im Namen Vieler geäußerten Wunsche auch von anderer Seite die Berechtigung zugestanden und demselben baldigst entsprochen würde. W. Berichte und Corresporrdenzen. Deutschland. Aerliuer Mrlefe. IV. (Die Privatgemein den.) Wir haben die Privatgcmeindeu im letzten Briefe einen Krebsschaden am Gemeindekörper genannt uni) werden in unserem heutigen beweisen, daß sie dies wirklich sind. Wie bilden sich diese Gemeinden? Wovon existiren sie? Und wie werden sie geleilet? In der Beantwortung dieser Fragen liegt die Geschichte dieser ganz abnormen Institutionen. — Bis eine Gemeinde in der Provinz lebensfähig wird, vergehen Jahrzehnte; hier entstehen sie über Nacht. Hat irgend ein obskurer Mensch, der in der kleinsten Provinzialgemeinde auch picht des geringsten Ehrenamtes für würdig gehalten wird, das Bedürfniß, eine Rolle, sagen wir als Parneß, zu spielen, so sucht er sich 2—4 Gleichgesinnte in der Straße oder in dem Viertel auf. Diese fünf Personen constituiren sich, vertheilen die Rollen und — die Gemeinde ist fertig. Herr A. oder B. kann seinen Verwandten in Posemuckel schreiben: ich bin Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Berlin, also ein großer Mann, geworden. Es werden jetzt an sämmtliche jüd. Einwohner, die außerhalb der Peripherie, in den Vorstädten, wohnen, Eirkuläre gesandt, und darin die gar dringende Nothwendigkeit betont, in der Gegend eine Synagoge und Religionsschule zu errichten, und bald sindet sich eine Zahl von Gläubigen, die in der That das Bedürfniß fühlen, eine Betstube in der Nähe ihrer Wohnung zu finden. Diese bilden jedoch nur das kleinste und schwächste Contingent, denn zahlungsfähig sind die! kleinen Kaufleute und Handwerker, die in den Vorstädten wohnen, bekanntlich nicht. Es finden sich aber in Berlin eine große Zahl wohlthätigcr Glaubensgenossen, die stets bereitwillig derartige Unternehmungen mit jährlich 6—10 Mk. unterstützen. Wenn der Jahresbericht eines solchen Vereines veröffentlicht wird, glänzen darauf die Namen von Geheimräthen, Aerzten, Professoren, die meistens keine Ahnung haben, daß sie Mitglieder einer solchen Genossenschaft sind Md nicht allein dazu dienen, das Budget zu heben, sondern auch nach außen hin dem Verein als Relief dienen. Soweit wäre das Vorgehen dieser Privatvorstände ein erlaubtes und zum Theil auch nützliches, denn sie sorgen für ein Minjan in den entlegenen Straßen Berlins, und soweit sie nur solche Betstuben erhalten wollen, sollten sie darin nicht gehindert werden. Zum Synagogen-Parneß eignet sich schließlich jeder Baalboos, der nothdürftig Hebräisches lesen kann, wenngleich wir damit durchaus nicht behaupten wollen, daß dieses bei Allen der Fall ist. Schlimmer ist es und gefährlich, daß beinahe sämmtliche Privakgcmeivden zugleich aucf) Rcli gio ns schulen besitzen, Lehrer und Prediger austellen und mit einem Worte — Chiliul haschem machen! — Man denke sich einen „alten und neuen Kleiderhändler" oder einen „kleingehackten Holzhändler" (man kennt diese Bezeichnung hier) als Schulvorstcher oder gar Vorsitzender der isr. Schulkommission, wie sie sieb nennen. Soweit sie mit ihren untergebenen Lehrern verhandeln, mag das noch gehen; diese kennen ihre Leutchen und sind es würdige, wenn auch immer unglückliche Beamten, so lassen sie sich entweder ihre Schrullen gefallen, oder streuen ihnen Sand in die Augen. Aber diese Herren verkehren auch mit den Rektoren der verschiedenen Volksschulen, welche die Communalbehörden in höchst freigiebiger Weise für den Religionsunterricht einräumen, und diese bekommen einen ganz merkwürdigen Begriff von der jüd. Schule, die ihnen in diesen Fällen ganz das Bild der alten verrufenen „Judenschule" wieder in das Gedächtniß führt. Diese Vorsteher haben eine wahre Manie, mit den Behörden zu correspondiren. Sie machen die ganz unnöthigen Anzeigen von der Anstellung neuer Lehrer — die mitunter alle Quartale wechseln — und haben dadurch, freilich ohne Absicht, veranlaßt, daß mehrere tüchtige Lehrer, geborene Russen, die bisher unbeanstandet hier gelebt halten, — ausgcwiesen wurden *) Die Rektoren schlagen die Hände über den Kops über solche Wirtschaft, denn die Herren nehmen ihr Amt ernst, sie inspiziren die Schulen fleißig und, dabei kommt es oft zu recht lauten Auseinandersetzungen mit Lehrern, die sich eine Einmischung in die Internen des Unterrichts nicht gefallen lassen. — Welche Scenen es, in Gegenwart der Schüler, bei derartigen außerordentlichen Prüfungen schon gegeben, wollen wir nicht, einmal andeuten. In Berlin giebt es ja eine große Zahl Lehrer und Lehramtsaspiranten, die gerne für 20—30 Mk. monatlich — das ist das Durchschnittsgehalt für einen 9 —12 stündigen Unterricht pro Woche — eine solche Stelle annehmen. Daß diese, unter solchen Verhältnissen beinahe mit jedem Semester wechseln, mag noch hingehen, wenngleich der Erfolg eines solchen Unterrichts illusorisch ist, — aber viel schlimmer ist es. wenn von Zeit zu Zeit in den Zeitungen Concurrenzausschreibungen erscheinen, daß ein Prediger, Cantor und Lehrer bei der Gemeinde N. N. in Berlin gesucht wird. — Die Höhe des Gehalts resp. Einkommens, wird niemals angegeben, einstweilen werden nur Bewerbungen angenommen und über die Bedingungen correspondirt; in den meisten Fällen kommt dann ein Engagement von außerhalb zu Stande, nachdem beinahe sämmtliche Bewerber zur Probe berufen waren, wodurch man sich, mitunter ein ganzes Quartal lang, einen wechselreichen Gottesdienst verschafft, der der Gemeinde keinen Pfennig kostet, da niemals Reiseentschädigung gewährt wird. Wer kennt nicht die Sucht der jüd. Beamten, in der großen Stadt eine Stellung zu bekommen. Man sagt ihnen in den meisten Fällen über das ihrer hier erwartende Einkommen die Wahrheit, aber es wird ihnen auseinandergesetzt, wie viel freie Zeit ihnen bleibt, und wie viele Gelegenheiten zu glänzendem Nebenverdienst in der Residenz sich darbietet. Die Meisten, die das Glück (?) haben, auf diese Weise in Berlin engagirt zu werden, bringen einiges Ersparte mit, aber nach 1—2 Jahren ist dies verloren, und sie gehen entweder ohne Subsistenzmitteln wieder aus Berlin, oder sie vermehren hier das Beamtenproletariat. Nirgends giebt es mehr arme und Almosenbedürflige und -fordernde jüd. Beamte als in Berlin und alle diese kommen auf das Conto dieser Privatgemeinden. An dieser Misere trägt die Verwaltung einen guten Theil Mitschuld. Die geschilderten Gemeinden haben alle, trotz ihrer Gegendarstellungen, ein recht gutes Auskommen.. Sie zahlen, meistens für kleine Lokale, auf dem ersten und zweiten Hof eines Hauses in der Vorstadt, eine geringe *) Wir sind bereit Beispiele mit Namen anzuführen. (Der Corr.)

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