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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-11-25 · N° 48. (25.11.1886) · p. Seite 386

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 48. (25.11.1886)
Date
1886-11-25
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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386 Wir sollen „die Augen nicht verschließen vor einer traurigen Wahrheit", und doch stellt Herr Dr. C. unseren Gottesdienst in Parallele mit dem katholischen, und verwundert sich, daß nicht bei uns bei der sprachlich unverstandenen Liturgie »die feierlichste Stille, die andächtigste Stimmung herrscht, wie in den katholischen Kirchen gerade bei jenen Theilen des Gottesdienstes, bei denen die unverstandene lateinische Sprache gebraucht wird" — sollte nicht der Ausdruck „jenen Theilen des Gottesdienstes" den Unterschied klar machen jedem, der „seine Augen vor einer traurigen Wahrheit nicht verschließen will"? Im katholischen Gottesdienste sind es „Theile", in welchen die unverstandene lateinische Sprache gebraucht wird, in unserem wird für den ganzen Gottesdienst die unverstandene hebräische Sprache gebraucht — trotzdem dasselbe? Wenn im ganzen jüdischen Gottesdienste die Landessprache herrschte, und nur einzelne Theile, die wichtigsten, in der hebräischen recitirl würden, ohne Zweifel würde bei diesen hebräischen Theilen auch jene mystische Weihe der katholischen Messe walten; aber so wie es bei uns ist, — — hat ja Moses selbst die Strahlen seines Antlitzes, (ich glaube nach der Ansicht des Bina laittim) aus dem Grunde mit einem Schleier bedeckt, um ihre tiefe Wirkung auf das Volk nicht durch die Länge der Gewohnheit zu vermindern — und unser unverstandener hebräischer Gottesdienst zeichnet sich wahrlich durch alles, aber nicht durch Kürze aus! Was doch auch wieder ins Gewicht fällt. Wie soll z. B. den ganzen Jom Kchpur jene Weihe herrschen, wie bei der katholischen Messe? Das wäre eine Anspannung des Gemüthes, die zur höchsten Nervenabspannung führen müßte! Nein, nufer Gottesdienst ist auf Gemütylichkeit berechnet, darum konnte er früher so lange eingerichtet werden. So lange es kein Verbrechen war, sich in der Synagoge zu unterhalten; so lange die langen Mischeberach's Zeit zum gemächlichen Hinausgehen ließen und man jeden Augenblick auch hineinkommen konnte, um sein „Jejascher kanach“ über die Bankreihen hinweg zuzurusen; ,i> lange man die Tabacksdose hin- und herwandern lassen durfte; so lange man Kind und Enkel an seinem eigen Platze stehen ließ, und mit Strenge darauf sah, daß es „boruch hu uworuch sckemau — omen“ nachsagte, und bei Versäumniß das Kind auch tüchtig auszanken, sogar ohrfeigen rc durfte, und das alles in der Synagoge — da konnte Einem die Synagoge unmöglich zu lange dauern; aber heule, bei dem feierlichen Zeremoniell, dem weihevollen Benehmen, das in der Synagoge mit Recht herrschen soll, da, ist unser Gottesdienst einfach-zu lange, und daher zu langweilig, er mag an sich noch so interessant sein, so drängt sich zu viel zusammen und da kann die Wirkung nicht ausbleiben, wir sind nun einmal Menschen. Ich zweifle nicht daran, daß unsere alten Rabbinen, die großen Weisen und Menschenkenner, für unsere moderne Etiquelte im Gotteshause keinen so langen Gottesdienst eingerichtet hätten. Alle die ewigen Wiederholungen und Verschlingungen in unseren Gebeten sind nur erklärlich und erträglich durch das alte legere Verhalten im Gotteshause. Da brauchte es nicht langweilig zu werden, heute muß es langweilig werden. Lest die erhabensten Kloppstock'schen Oden in feierlicher Gemessenheit 3 Stunden lang, — von halben oder gar ganzen Tagen zu schweigen — und thut das innerhalb 3 Wochen, wie zwischen Bosch haschono und Jssru-Chag von Suooos, 9 Mal, und die übrigen Tage statt 3 Stunden 1 V2 Stunden täglich — Ihr sollt die Wirkung verspüren, die unser Gottesdienst in unserer Zeit machen muß! Das gerrrs enunyeux fürchtet der Franzose am meisten, und der Franzose weiß der Gleichgültigkeit zu entgehen. Hier, Herr Br. C.. ist der Punkt, wo man „vor einer traurigen Wahrheit die Augen uicht verschließen" soll! Ich bin der Letzte, der auf unsere früheren Verhältnisse einen Stein wirft, ja ich bin noch zweifelhaft, ob ein Gottesdienst in gemüthlicher Weise nicht dem steifen protestantischen vorzuziehen sei — aber das steht fest, daß, so lange die Gesetze wegen Störung des Gottesdieitstes und unsere üblichen anderen Begriffe von dem Wesen eines Gottesdienstes gelten, unser üblicher jüdischer Gottesdienst zu lang ist, abgesehen davon, daß er inhaltlich unseren Ansprüchen an religiöse Erbauung in vielen Theilen nicht homogen ist. „Es Hilst nichts die Augen vor einer traurigen Wahrheit zu verschließen"! Ein Realist. Ein berechtigter Wunsch. „Geehrter Herr Redacteur! Ihre Bemerkung in Nr. 46 über die mannigfaltigen und von so vielen Seiten betriebenen Sammlungen für P a l ä ft i n a veranlaßt mich, einen in weiteren Kreisen schon oft besprochenen Uebelstand offen zur Sprache zu bringen, der sich allen nicht gedankenlosen Gebern schon längst aufgedrängt hat. Er betrifft den Mangel einer durchsichtigen Rechnungslegung und einer ständigen Controlle der Eingänge und der Ausgaben bei allen diesen Sammlungen. Die bisherige Art und Weise — das muß ein Jeder, der die Angelegenheit seit Jahren mit gebührendem Interesse verfolgt, eingestehen — wie bisher darüber in einzelnen Blättern von Zeit zu Zeit quittirt und Bericht erstattet wird, sind fast vollständig werth los, eben weil sie — wie dies schon oft in dies. Bl. mit Recht hervorgehoben wurde — uncontrollirbar sind. Ferner erregt es allgemeine Mißbilligung, daß über die Verwendung der Gelder nur summarisch berichtet wird. Ist es je erhört worden, daß über Summen, die sich bereits auf Hunderttausende belaufen, dem Einen oder Andern das Verfügungs- resp. Vertheilungsrecht zustehe? Müßte da nicht ein größeres Comitee unparteiischer Männer aller religiösen Richtungen an der Spitze stehen, das über die nützlichste Vertheilung zu beschließen und die Spender aufmerksam zu machen hätte, welche Zwecke die momentan dringlichsten sind, wo es am meisten noth thut und dergl. m. Ist ein Mensch, ein schwacher Mensch, nicht dem Jrrthum zugänglich? Fühlen denn die Herren, die sich der mühevollen, zeitraubenden und zweifelsohne mit mancherlei Verdrießlichkeiten verknüpften Arbeit dieses Wohlthätigkeitszweiges in nicht hoch genug anzuerkennender Weise unterziehen, denn nicht von selbst das Bedürfniß, es unserem großen Vorbilde, Mosche Rabbeinu n"2, — der aus eigenem Antriebe einen klaren durchsichtigen Rechenschaftsbericht ablegte in einer besonderen Sidra 'Tps n4?* — gleich zu machen, und von Zeit zu Zeit sich unter Vorlegung der Bücher und Original- Belege Decharge ertheilen zu lassen? Es soll damit nicht der leiseste Zweifel an die vollste Ehrenhaftigkeit dieser Herren ausgedrückt sein, es ist vielmehr mein ausgeprägtes kaufmännisches Gewissen, das mich angesichts der fortlaufenden großen Sammlungen dazu trieb, diesem berechtigten Wunsche Ausdruck zu geben. Zur Unterstützung meines, einer großen Anzahl meiner Bekannten und gewiß auch vieler Freunde der Sache aus der Seele gesprochenen Wunsches, will ich hier nur zwei aus dem Leben gegriffene Beispiele cinstreuen. Der bekannte Schöpfer der sog. Hermannsburger Mission zur Bekehrung der Heiden, der verstorbene Pastor Harms, hat Anfangs auf ganz gleiche Weise seine Sammlungen für deu erwähnten Zweck angestellt. Als dieselben aber erhebliche Ausdehnung annahmen und sich in die Tausende beliefen, hat er unaufgefordert auS freien Stücken eine gleiche, wie von uns geforderte Controle eingerichtet, und der immense Umfang seines Unternehmens hat gezeigt, wie gut er, resp. die Sache dabei gefahren ist. Nun aber ein Bild zur Kehrseite der Sache. In meiner Vaterstadt, einer der geachtetsten und wohlhabendsten Gemeinden Deutschlands vor etwa zwei Decennien, befand sich seit ca. zwanzig Jahren das ganze Armenwesen, die Fonds milder Stiftungen, die Gelder der Frauen-Vereine rc. in den Händen eines sehr geachteten und wohlhabenden Mannes von gutem Verstände, der in anscheinend uneigennützigster und wohlwollendster Weise diesen Aermtern Vorstand. Der leiseste Verdacht gegen die Integrität seines Characters,

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