Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 47. (18.11.1886)
- Date
- 1886-11-18
- Page
- Seite 382 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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( — 382 — schrocken und freimüthig gegen die Gebrechen unserer Synagoge bei dem öffentlichen Gottesdienste zu Felde zieht, scheint nun mit seinen allerdings gut gemeinten Rathschlägcn in ein Wespennest gegriffen zu haben; — unsere Herren Tempel- Borstände scheinen, so viel bis jetzt zu merken ist, diese Vorschläge mit souverainen vornehmen Lächeln absertigen zu wollen, fährt sich's doch so gut und so bequem in den alten gewohnten Geleisen — —; aber die Herren Ober- und U n t e r - C a n t o r e n kleiner und großer Gemeinden die zücken bereits den scharfen Stahl — freilich nur in Form einer guten Stahlfeder — um dem kühnen Neuerer zu Leibe zu gehen. Also auch das, ohnehin nur von den Wenigsten verstandene, aber wenigstens durch das genaue Einhalten der Negina unserer Meisterschaft leeue Kol bekundende „Lainen" gönnt uns der Herr Rabbiner nicht? s2 DK Hl HdS „Wozu bin ich da?" hören wir den Einen der sangreichen Herren mit Entrüstung ausrufen, während ein Anderes es nicht begreifen will, wozu der Rabbiner, dem durch die Predigt ja ohnehin Spielraum genug zur Hebung des Gottesdienstes geboten ist, auch noch nach persönlicher Einwirkung in feierlichen Momenten der Liturgie seine begehrliche Hand ansstrecken will. Was die Kohanim endlich dem sie vollends mundtodt machen wollenden Rabbiner auf sein Projeet, anstatt ihrer persönlich den Segen spenden zu wollen, erwidern dürften, wenn sie zu Worte kämen, würde ebenfalls nicht gerade wie eine Brochoch klingen; haben sie doch in wohlgeordneten Cultgemeinden der Zeit bereits Rechnung getragen, indem sie den Tallis nicht mehr wie ehedem über den Kopf geworfen tragen und die ausgebreiteten Finger der Hände nicht mehr vor dem Gesicht halten u. s. w. — i tu' angeborenes 9t e ch t jedoch wollen die Meisten denn doch der Alles eivellirenden Zeit nicht zum Opfer bringen. „Will man „Neuerungen" und „Verbesserungen" in unserem Gottesdienste" — sagte jüngst bei Besprechung der Dr. Caro'scheu Aufsatzes ein fortschrittlich angehauchter echter Khille-Mann — „so schaffe man das so sehr unzeitgemäße „Minjau-Zusammensuchen" ab, wobei oft irgend ein grüner Junge, der sich durchaus zum Zehnten nicht pressen lassen will, den Beginn des Gottesdienstes durch seine Renitenz verzögert oder gar hintertreibt — Rabbiner, Chasan und Schammeß mögen den Trias bilden, mit denen der Gottesdienst abgehalten werden könne, damit endlich diese Jagd auf offener Straße aufhöre, und die Synagoge, aus Mangel an Minjan, nicht oft gesperrt bleiben müßte." — In jedem Falle hat der Herr Rabbiner Dr. Caro mit seinen Anregungen sich ein Verdienst erworben, denn es ist schon von Nutzen, wenn die Fragen der Synagvgenordnung resp. Umordnung recht oft ventilirt und Mittel zur Abbestellung von eingebürgerten Mißständeu beim Goltesdieuste angegeben werden!' D'21 *DDiv!T(* Pravdeck y. Frankreich. H'aris. Herr Audrieux, der frühere Polizeipräsident und jetzige Benchterftatter der Budgetcommission in der französ. Kammer nimmt sich des Pariser Seminars in seinem Berichte au und glault, daß die Mißgunst der Kammer in dem Namen „Seminar" seinen Grund hat und es deohalb die Budgetverkürzung gleich den katholischen Anstalten über sich ergehen lassen muffe; er m.inl „Lehranstalt für die hohen wissenschaftlichen jüdischen Studien" oder „Rabbinerschule Frankreichs" würde einen besseren Eindruck bei seinen Collegen in der Kummer machen; er plardirt sehr warm für die Gewährung des Credits für das Seminar als eine Forderung der G-lechiigkeit und Gleichheit, welche das allgemeine Stimmrecht bedingen. (H IW 2"lp3 DttM ’W» V‘S) — Die Tochter Halevy's wurde dieser Tage im Tempel von Paris (rus de la Victoire) mit dem Sohne des Herrn *) Tie beiden hebe. Schlußworte sollen doch nicht etwa heißen: „Es können sich Viele dabei zu schaute machen!" Tic Gelegenheit dazu ist günstig, wir möchten aber diese Fragen mit dem gebührenden Ernste behandelt sehen, und können konstatiren, daß bereits von mehreren Seiten Artikel über dasselbe Theii'a avlsirt sind. (Red.» Bizet, des berühmten Operucomponisteu, getraut. Herr Bizet (Sohn) ist gleichfalls ein berühmter Musiker. Da die Trauung durch den Grandrabbiu Zadvc Kahu im Tempel vollzogen wurde, so schließen die „Archives" — allerdings mit ,.si)" — daß Herr Bizet zum Jndenthume übergetreteu. — Die Mutter des jungen Mannes. Frau Wittwne Bizet. hat sich in zweiter Ehe mit einem Advvcaten, Herrn E. Strauß, verheirathet. — Emile Castelar wurde in Paris durch Deputationen und Bankette gefeiert. Auch eine jüdische Deputation hat sich zu demselben begeben, um ihm für seine Bemühung, wegen der nach Spanien zurückzukehrenden Juden, zu danken. — Durch Decret des Hundelsministers wurden folgende Israeliten zti Deleqirten der Weltausstellung 1889 bestimmt : Ingenieur Hirsch für das Maschinen-Fach; für das Fach der Electricität: Maurice Levy, Gabriel Lippmanu. Maurice Loewy. Director Fribourg (aus der Äbtheilung der Post- Telegraphie im Ministerium) Baron Edmond v. Rothschild, Sciama und Lazar Weller. — „L'Univers Jsr." widmet dem verstorbenen Minister v. Berist Worte dankender Anerkennung für seine Bemühungen um die Emanzipation der Juden in Oesterreich. Rußland. Petersburg. Die Alifuierksamkeit unserer Gegner für unsere Achillesversen hat alich ihr Gutes. Die Schlimmste der Anklagen gegen die russ. Juden liegt offenbar darin, daß so viele derselben sich der Militärpflicht entziehen. Jedes Jahr figurirt eine große Anzahl Verschollener. Der antisemitische „Kjeblianin" hat nun eine List der jüdißhen Rekruten entdeckt, wodurch diese Anzahl sehr vermindert erscheint. Er behauptet, die jüdischen Rekruten ließen sich an mehreren Orten zugleich zur Ausmusterung einschreiben, und zwar zu dem Zwecke, um sich dann an dem Orte zu stellen, wo er die. .. höchste Nummer gezogen, weil in Rußland nur eine bestimmte Anzahl genommen wird, die höheren Nummern also frei ausgehen. — So verdammlich diese nur im kolossalen Rußland mögliche List ist, so ist doch so viel klar, daß die Anzahl ver Juden, die sich nicht zur Ausmusterung stellen, dadurch viel kleiner angeschlagen werden muß, als bisher geschehen. Ali allen den Orten, wo der Rekrut eingeschrieben und sich nicht stellt, erscheint er als Deserteur, während er ein allerdings auch sehr verbrecherischer.... Schlauberger ist. Hdeffa. Der Tag der Rabbinerwahl naht heran — die Rabbiner müssen bei uns nämlich alle 3 Jahre neugewählt werden. Unsere Gemeinde hat einen Oberrabbiner, Herrn Dr. v. Schwabacher, und 2 Rab.-Substitute. Die Wiederwahl des Herrn Oberrabbiliers, der seit 25 Jahren hier fungirt und in bestem Ansehen steht, ist gesichert; dennoch ist bei dem neuen Wahlmodus, nach welchem Jeder, der 2 Jahre in der neuen Synagoge seinen Sitz hat, wahlberechtigt ist, nichrs voiher zu bestimmen. Dagegen ist die Wiederwahl der 2 Herren Rab.-Substitute sehr unwahrscheinlich. Zwei werden überhaupt nicht mehr angestellt. einer hat auch genug . . . nichts zu lhun. Es muß aber ein Mann sein, der sich zu thun schafft, denn in Odessa ist ein Wirkungskreis für den, der wirken will. Daher ist es wahrscheinlich, daß all Stelle der 2 Substitute ein neuer gewählt wird, von dem man mehr Herz für die Angelegenheiten der Gemeinde zu erwarten hat. (Dieser ganze Wahlmodus isr aber doch ganz schrecklich und des Rabbiners unwürdig!) Uerrnischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Die folgende Mittheilung der „Nordd. A. Z." dürste auch viele Leser uns. Bl. interessireu: Der Kaiser und die Kaiserin haben eine Ehejubiläums- Medaille gestiftet, die an würdige, einer Unterstützung nicht bedürftige Ehepaare in Preußen und in den Relchslanden zur Erinnerung an die Feier ihrer goldenen und diamantenen Hochzeit verliehen wird. Die Medaille soll nur solchen Ehepaaren zu Theil werden, welche sich stets durch einen sittlich reinen, friedlich frommen Wandel ausgezeichnet