Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 47. (18.11.1886)
- Date
- 1886-11-18
- Page
- Seite 380 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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'--L- . •^•-•'S'J'.'- >T*iTy 880 — s; „Von allen Zweigen der medizinischen Wissenschaft hat unleugbar die moderne Chirurgie den größten Aufschwung genommen, die höchste Vollendung der Technik ganz besonders aber die von dem genialen Lister so überaus vervollkommnete Antiseptik haben die Vornahme der kühnsten und eingreifendsten Operationen am menschlichen Organismus mit ungestörtem, raschestem Heilungsverlauf ermöglicht. Diesen glänzenden Resultaten gegenüber muß es um so auffälliger und betrübender erscheinen, wenn in neuester Zeit mehrfach üble Vorkommniffe nach der Beschneidung, eines an sich 'kaum gefährlichen Eingriffs, gemeldet werden, die sogar an einzelnen Orten zu behördlichem Einschreiten geführt haben und erachte ich es deshalb für zeitgemäß, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf einen Aufsatz zu lenken, den Dr. uasä. A. Elsenberg aus Warschau unter dem Titel „Jnoculation der Tuberkulose bei einem Kinde" in Nr. 35 der „Berlin. Klin. Wochenschrift" vom 30. August dieses Jahres veröffentlicht, deffen Inhalt unter Weglassung der spezielleren, rein sachlichen Details im Wesentlichen folgender ist: In der Einleitung bemerkt der Verfasser, „daß die in „den niedrigeren jüdischen Volksklassen herrschende Unsitte „des Blutaussaugens nach ritueller Vorhautbeschneidung bei „Neugeborenen durch den Operateur selbst oder einen der „eingeladenen Gäste zuweilen zur Ursache einer schweren „Krankheit, ja selbst des Todes des Kindes wird. Jahraus, „jahrein hat Dr. E. auf seiner Abtheilung im Krankenhause „einige mit Syphilis inficirte Kinder zu behandeln, später „wird gewöhnlich auch die stillende Mutter inficirt, dann „deren Mann und die übrigen Kinder der Familie; in diesem „Jahre hat Verfasser eine Jnfection mit Tuberkulose auf „demselben Wege beobachtet: Chaim Ferrenberg, von gesun- „den Eltern im Septbr. 1885 geboren, wird am 8 Lebensfrage von M. E. beschnitten, worauf dieser die Wunde einige „Mal aussaugt. Daraufhin heilt die Wunde nicht, sondern „eitert, nach 2 Monaten sind die lymphetischen Leistendrüsen „geschwollen, das Kind wird, da die Hausbehandlung immer „schwieriger wurde, ins Krankenhaus gebracht, aus der Be- „schneidungswunde ist ein Geschwür geworden, die Leisten- „drüsen haben das Aussehen großer Geschwülste, hinter dem „linken Ohr bildet sich ein großer, fluctuirender Absceß, trotz „sorgfältiger Pflege und geeigneter chirurgischer Maßnahmen „wird das Allgemeinbefinden immer schlechter und stirbt das „Kind am 12. März 1886. Die mikroskopische Untersuchung „eines ausgeschnittenen Stückes der Vorhaut und der rechten „Leistendrüsen ergiebt das Vorhandensein zahlreicher Tu- „b erkelb ac illen. Durch diesen Befund kommt Dr. Elsen- „berg auf die Idee einer Ansteckung mit Tuberkulose durch »den Beschneidungsoperateur; denn das Kind war vorher „gesund, stammle von gesunden Eltern, hatte keine Anlage „zur Tuberkulose, keine Veränderungen in den Lungen, we- „nigstens waren dieselben bei physikalischer Untersuchung nicht „fcstzustellen, es mußte also die Krankheit acquirirt haben „und die Beschneidungsstelle war das fatale Thor zur Ansteckung; hier begann die Proliferation der Parasiten, die „später in die Lymphdrüsen einwanderten und von dort über „den ganzen Organismus sich zerstreuten und derartige Ver- „änderungen in den Organen anstifteten, die früher oder „später den Tod des Kindes verursachen mußten. Um diese „Behauptung zu beweisen, sucht Dr. E. den Beschneidungs- „operateur auf und untersucht denselben in Gemeinschaft mit „zwei anderen Aerzten gründlich. Der Mann ist vierzig, „jährig, groß gewachsen, gut gebaut und genährt, hat früher „nie gehustet, begann erst unlängst zu hüsteln und dabei „etwas grauen Schleim auszuwerfen; die Untersuchung er- „giebt einen verdächtigen Befund im Kehlkopf und der linken „Lungenspitze, der auf Verlangen ausgehustete „Schleim enthält Tuberkelbacillen. Die An- „steckungsweise erklärt sich Dr. E. derartig, daß etwas Schleim, „Bacillen ethaltend, während des Ausspeiens an der Zunge „und den Lippen des Operateurs haften geblieben und „Während des Aussaugens auf die Vorhautwunde über- „gegangen sein muß und dann hier wie im Organismus des „Kindes die oben angegebenen krankhaften Veränderungen „hervorgerufen habe. Dr. E. ist überzeugt, daß dieser Fall „nicht der erste gewesen, der unter seine Hände gekommen, „daß wahrscheinlich schon andere analoge auf seiner Ab- „theilung gewesen, die aus Mangel an dem nöthigen Jnstru- „mentarium nicht untersucht mit der Diagnose: „syphilitisches „Pcimär-Geschwür nach der Beschneidung" registrirt worden „sind, umsomehr, als äußerlich das tuberkulöse Geschwür dem „zerfallenden syphilitischen Geschwür ganz ähnlich steht. Seit- „dem hat Verfasser noch drei analoge Fälle von Jn- „oculationstuberkulose bei der Beschneidung beobachtet und „Tuberkelbacillen nachgewiesen, außerdem hat Lindmann 1873 „(Deutsche med. Wochenschrift 1883 Nr. 30) zwei Fäll „beobachtet, wo zwei Kinder durch die von einem Phthisischen „ausgeführte Beschneidung und Aussaugung mit Tuber, „kulose inficirt wurden und unlängst hat E. Lehmann zehn „Fälle beschrieben (Deutsche med. Wochenschrift 1886 Nr. „9—13), die er bereits 1879 beobachtet hatte, alle diese „zehn Kinder wurden von demselben Manne „beschnitten und deren Wunden ausgesaugt. Dieser „Mann starb an Phthisis (Schwindsucht); andere Kinder, „die er ebenfalls beschnitten hat, die aber von anderen Per- „sonen ausgesaugt wurden, blieben ganz gesund, die Symp. „thome waren bei allen diesen Kindern fast gleichartig: „Geschwürsbildung an den Wunden, Schwellung und Vereiterung der Leistendrüsen, breite, intecmussculäce Abscesse, „bei einigen entwickelte sich tuberkulöse Hirnhautentzündung; „nur drei von den Kindern leben noch und haben „ei n exquisit scrophulöses Aussehen." Soweit Dr. Elsenburg. Bedürfen diese von fachlich competentester Seite (Dr. E. ist ordinirendec Arzt an der Abtheilung für venerische und Hautkrankheiten im Warschauer jüdischen Krankenhause und früherer Assistent am pathologischanatomischen Institut der Warschauer Universität) gemachten Mittheilungen irgend welchen Commentacs?! predigen sie nicht drastisch genug die Nothwendigkeit der endlichen und allgemeinen Abschaffung einer Procedur, welche an und für sich durch ihre Widerlichkeit den Ekel jedes anständigen Menschen erregend. Leben und Gesundheit ganzer Generationen zu gefährden im Stande ist; kann selbst von religiösen Bedenken bei Beseitigung eines Gebrauchs (besser Mißbrauch's) die Rede sein, welchem nur das zweifelhafte Recht des Althergebrachten zur Seite steht, der aber keineswegs als biblische Satzung gelten darf. (Schluß folgt.) Karlsruhe in Baden. In der Woche des Sabbaths "p "p, an welchen sich für uns Israeliten die erhebende und treibende Erinnerung an Abraham, den Träger einer neuen Zeit, einer neuen Lebensordnung knüpft, ist Hierselbst fast still, ohne äußeres Gepränge unter dem Namen, „Israelitisches Landesstift" eine Anstalt ins Leben getretene die zunächst den israel. Jünglingen der hiesigen Lehrerseminare zu Gute kommt — denn sie ist ihr nunmehriges Heim — indirect aber auch den Gemeinden des Badener Landes und hoffentlich darüber hinaus, zum Segen zu werden verspricht. Die bisherige, zum mindesten zeitraubende Inanspruchnahme der Privatwohlthätigkeit seitens unserer Seminaristen, die ja gern und opferwillig bislang von unseren Gemeindemitgliedern in der bekannten Form des „Wundertisches" gewährt wurde, ist damit fallen gelassen worden, und eine Neuordnung der Verpflegung, Beaufsichtigung und Erziehung der jungen Leute in Kraft getreten, wie sie den veränderten Zeitverhältniffen entspricht. Fortan sind die hiesigen isr. Seminarzöglinge zu gemeinsamer Wohnung, gemeinschaftlicher Kost und gemeinsamerer HauSfleiß unter geeigneter Aufsicht im Hause vereinigt, woran sich Unterricht uitb Unterweisung der Zöglinge in allen zum künftigen Berufe als Religionslehrer erforderlichen Disciplinen reicht, wozu auch statt des bislang mit anderen Schulen getheilten Unterrichtslokals ein eigenes Lehr- und Arbeitszimmer gleichsam als Eck- und Schlußstein des Ganzen