Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 47. (18.11.1886)
- Date
- 1886-11-18
- Page
- Seite 379 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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379 Candidaten stellen sich einzeln der Versammlung vor und versprechen, daß sie mit allen Kräften für das Gemeinde- Wohl wirken werden und dcrgl. mehr. Es kommt bei diesen Versammlungen hier und da vor, daß einige schüchterne Fragen aus der Mitte der Versammlung an die Candidaten gerichtet werden, aber eine ernste Beschwerde über Mißstände wagt Niemand, kann auch Keiner wagen und zwar aus einem ganz formalen Grunde: gewöhnlich der erste Beschluß, der in dieser Versammlung gefaßt wird, ist der, daß kein Redner länger als 5 Minuten sprechen darf. Also nur 5 Minuten Kritik gestattet die Verwaltung für ihre dreijährige Amtsthätigkeit. Zn 5 Minuten sollen in der Hauptversammlung alle Beschwerden, Wünsche und Rathschläge erörtert werden?! Man denke, daß das Budget der Berliner Gemeinde laut Rechenschaftsbericht der letzten drei Jahre eine Einnahme und Ausgabe von fast drei Millionen Mark reprätentirt, (genau 2,793,011), also etwa so viel wie ein kleiner mitteldeutscher Staat. Es ist also keine Uebertreibung, wenn wir behaupten, daß ein Vvrstandsu^tglied einen Einfluß besitzt (und oft auch ausübt), den mancher Ressortminister nicht besitzt. Es giebt keine Verwaltung der Welt, die so selbstständig arbeiten kann und so wenig Kritik zu befürchten hat, wie die Berliner jüd. Genieinde. Es ist eine ganz eigenthümliche und unerklärliche Erscheinung. Man findet es in jedem Lande, in welchem eine konstiturionelle Regierung herrscht, natürlich, daß jedem Wähler das Recht zusteht, die Handlungen der Regierung zu prüfen und zu krilisire» — in der Berliner Gemeinde geht Alles kritiklos dahin, man zahlt seine Corporationssteuern, und läßt Alles gehen wie es will. Es ist geradezu unerhört, daß Jemand es wagt, eine andere Meinung, als die den Herren am grünen Tische genehme, laut werden zu lassen. Wenn nun gar Jemand in einem Blatte eine tadelnde Krilik über manche Verwaltungsvorkommnisse laut werden läßt, so wird vor Allem „ach dem Verfasser des Artikels gefahudel und wen» mau eine Spur zu haben glaubt dics.r sowohl wie das Organ, das der Stimme der Wahrheit ein Plätzchen einrüumte, in Acht urrd Bann gethau. Als die ersten „Berliner Briefe" in diesem gesch. Blatte, das doch wohl vermöge seiner Richtung der hiesigen Gemeinde und seinen Führern am nächsten steht, erschienen waren, bemühte man sich den Autor und Redakteur hier als Antisemiten zu verschreien, und die Wochenschrift als „Antisemitenblatt" zu mißereditiren. Aber das hilft Alles nicht, die Stimme der Wahrheit läßt sich nicht unterdrücken und die berechtigten Interessen von circa 12000 Steuerzahlern lassen sich nicht todtschweigen. Wir werden im Verlaufe dieser Briefe zeigen, daß wir durchaus keine prinzipiellen Gegner der Hauptverwaltung sind; wir wollen nur die mannigfachen Mißstünde besonders bei den hiesigen Privatgemeinden beleuchten und Vorschläge zur Abhilfe vieler Mängel zur Sprache bringen. Es wird sehr oft, wenn Mängel gerügt werden, betont und hervvrgehoben, daß fämmtliche Miiglieder der verschiedenen Commissionen ihr Amt Ronoris causa verwalten, und deshalb Nachsicht beanspruchten. Dasistrichtig,n. wollen wir auch gerne den Herren das Zeugniß geben, daß sie in selbstloser Weise Zeit und Kraft dem Gemeindewohle widmen. Doch diese Erscheinung ist ja im jüd. Gemeindeleben nicht neu und bildet keine Ausnahme. Auch iu kleinen Gemeinden opfern weniger bemittelte Mitglieder ihre Zeit den Gemeiudeangelegenheiten, ohne die Genugthuung zu haben, für ihre Arbeit einen wirklichen Einfluß zu besitzen, der hier — bei aller Selbstlosigkeit — doch offenkundig ist. Wer bei hiesigen Bacanzcn unter den maßgebenden Personen einen Gönner, oder besser noch: einen Vetter, besitzt, dem steht der Weg zu allen Aemtern offen. Wissen und Können ist hier ganz Nebensache, Protektion ist die einzige Pforte zu einem Gemeindeamte. So erzählt man sich, erhielt beimWettlauf um eine einträgliche Stelle, um welche sich wehrere Prediger und Rabbiner bewarben, ein ehcmaligerdesHebräischeu z.Z. unkundiger Kausmann durch verwandtschaftliche Protection den Posten. Wie immer vor den Wähler,, so wirdZauch dieses Mal wieder die brennende Frage ventilirt, iu verschiedenen Stadttheilen Synagogen und Religionsschulen zu errichten. Der in vor. Nr. ausgesprochene Zweifel. daß dieses ein bloßes Wahlmanöver sein dürfte, trifft diesmal nicht zu. Wir haben uns an kompetenter Stelle informirt. Dieses Mal wird es ernst und es ist hohe Zeit, daß dem so ist. Wenn auch die Subventionan die sämmtlichen kleinen Privatgemeinden nur pro Jahr circa 8000 M. beträgt, so ist dennoch, abgesehen von diesen außerordentlichen Ausgaben, der indirekte Schaden, den die Privatgemeinden verursachen, ein so gewaltiger, daß ein ernstes Einschreiten der Verwaltung dagegen nur mit Befriedigung begrüßt werden kann. Schade nur, daß die Fürsorge der Verwaltung sich, wie gewöhnlich, zunächst dem Westen und dem Südwesteu, dem Millioneu-Viertel, nur zuweudet. Dort befinden sich zufällig die bestgeleiteten Privatgemciudeu, die in der That einem culturellen Bedürfnisse abhelseu und vollauf genügen. Der Norden, Nordwesten und Nordosten muß aber ebenso berücksichtigt werden. Dort wohnen unsere Glaubensgenossen am zahlreichsten und dort sind sie außer Stande, für Gottesdienst und Religiousschule selbst zu sorgen. — Die Privatgemeinden sind ein noch weit intensiverer Krebsschaden am Gemeinde-Körper, als die ambulanten Betsäle für die hohen Feiertage. Die Letzteren machen sich einige Wochen, durch allerdings unwürdige Rcclamen und Programme bemerkbar, nach dem Versöhnungstage verschwinden sie aber auf ein ganzes Jahr. Die Privatgemeinden aber anuouciren und petitioniren, stellen Beamte an und kündigen sie und — täuschen Publikum. Behörden und die Verwaltung. Wir werden dieses näher und ausführlicher beleuchten, denn die Geschichte dieser Vereine ist nicht allein für die bevorstehende Wahl wichtig, sondern sie ist für die heutige kulturelle Bewegung in Israel ein wichtiger Beitrag. Magdeburg. In dem jetzt erschienenen September- Oktoberheft des Centralblattes für die gesammte Unterrichtsverwaltung in Preußen findet sich eine sehr eingehende statistische Uebersicht über die in Preußen vorhandenen öffentlichen höheren Mädchenschulen, der wir folgende Angaben mit Rücksicht auf die einzelnen Provinzen entnehmen: P r o v i n z. 1 Schü <2 lerini d t e ii: S s Ostpreußen 2131 1805 52 210 1 3 Westpreßen 2487 1902 230 318 — 31 Brandenburg 8048 0720 120 1801 7 — Pommern 2312 2075 25 212 — — Posen 1324 775 172 370 1 — Schlesien 2020 1735 230 054 5 — Sachsen 5745 5420 00 240 1 0 Schleswig-Holstein 747 097 14 30 — — Hannover 4511 4014 88 291 — 118 Westfalen 1819 1484 100 175 — — Hessen-Nassau 4713 3152 475 1000 9 17 Rheinprovinz 5659 3421 1718 495 4 21 Zusammen 42720 33200 3302 > 5874! 28 190 Bcmerkenswerlh bei obiger Statistik ist, daß das Verhältniß der jüd. Schülerinnen zur Gesammtfregueuz bedeutend hinter dem Verhältnisse der Schülcrzahl der höheren Lehranstalten zurückbleibt. Zur vollen Würdigung obiger Zahlen müßte der Prvcentsatz der jüd. Bevölkcruiig der einzelnen Provinzen daneben gestellt sein. Aus Kamburg erhielten wir vor einigen Monaten bereits von dem praktischen Arzt Herrn Or. May einen Arukel: „lieber die Notwendigkeit des V .rbotes der Meziza(Aussaugens der Schnittstelle bei den Bcschneiduiigen)". Inzwischen haben mehrere andere jüd. Blätter den Artikel gebracht, so daß wir uns darauf beschränken, nur die schweriviegendsten Beweisgründc aus demselben mitzuthcilen. Herr Ör. M. schreibt 5