Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 46. (11.11.1886)
- Date
- 1886-11-11
- Page
- Seite 374 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9585330-9585721--6425-9585727- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 374 lands, erschienen vor Kurzem in allen Straßenecken Plakate, die ähnliche Aufforderungen an die irische Nation enthielten, wie sie in den letzten Jahren in jenen Ländern des Kontinents so häufig anzutreffen waren, wo der Antisemitismus festen Grund und Boden für sich gewonnen hat. Die Juden, heißt es auch in diesen Plakaten, seien an der allgemeinen Stockung der Geschäfte schuld, und ihrer Anwesenheit im Lande sei es zuzuschreiben, daß darin soviel Armuth und Elend herrsche. Welcher Blödsinn! Erstlich ist die Anzahl der Juden in Irland im Vergleiche zur gesummten Bevölkerung des Landes so verschwindend klein, daß ihre Anwesenheit kaum bemerkbar sein kann, und daher ist es nicht allein höchst, lächerlich, sondern auch geradezu im hohen Grade malitiös, ihnen einen schädlichen commerziellen Einstuß zur Last legen zu wollen, den sie aus besagtem Grunde gar nicht besitzen können. Und dann, was die Armuth des Landes anlangt, so ist dies ein Nebel, woran die Irländer schon seit undenklichen Zeiten leiden, und schon dann vorhanden war, als noch keine Spur von Juden daselbst zu sehen war. Es ist also klar, daß die fragliche Beschuldigung ganz unbegründet ist, und dürfte sie wohl ein nach hier verpflanztes giftiges Gewächs sein, das ursprünglich auf dem Boden des Antisemitismus in Deutschland, Rußland u. s. w. geblüht hat. Hoffen wir, daß die besser Gesinnten in Irland von dieser schmählichen Bewegung keine weitere Notiz nehmen werden, so daß sie bald einer natürlichen Todes stirbt, und daß man ihr dann zuruft: requiescat in pace. London. Während der letzten Wochen sind zwei unserer Glaubensgenossen dahier in den Ritterstand erhoben worden, nämlich das Parlamentsmitglied-Herr John Simon und Herr Philipp Magnus, ehemaliger Prediger der hiesigen Reformgemeinde. Ersterer erlangte diese Würde in Folge seiner Verdienste in seinem langjährigen parlamentarischen Wirken und Schaffen und letzterer erwarb sich dieselbe durch seine unermüdliche Thätigkeit auf dem Gebiete des praktischen Wissens in seiner Eigenschaft als Director der sogenannten City-Guilds-Schulen. Die Frau desselben, Lady Magnus, ist auch ihrerseits aus dem Gebiete des wissenschaftlichen Unterrichts recht thätig, und besonders zeichnet sie sich als Schriftstellerin aus. Unter andern beliebten Schriften veröffentlichte sie jüngst auch eine kurz gefaßte „Geschichte der Juden" in englischer Sprache, die recht brauchbar zu werden verspricht, da sie in mehreren hiesigen jüdischen Schulen bereits benutzt wird. — Die im vorigen Winter hier eingeführten literarischen Vorträge im Gebäude des Daw's College werden auch während der jetzigen Saison fortgesetzt. Den ersten Vortrag wird Dr. Neubauer über „die verschiedenen Sekten im Judenthum" halten. Andere interessante Vorträge von denselben Herren, die früher Vorträge gehalten, stehen ebenfalls in Aussicht. — Der Plan, im nächsten Frühjahr in der hiesigen Albert-Hall eine Ausstellung von Gegenständen zu veranstalten, die auf das englische Judenthum und dessen Geschichte Bezug hat, geht seiner Realisirung entgegen, und bereits sind Anstalten getroffen worden, dem Unternehmen in jeder möglichen Weise Vorschub zu leisten. Ich werde Ihnen s. Z. alles Nähere und Wissenswerthe mittheilen. — Herr Petrie, Director der hiesigen egyptischen Ausgrabungs - Gesellschaft, hat jüngst unter den Ruinen des Dl Kasr el bint el Jehude (das Schloß der Tochter der Juden), die in der Nähe der einstigen Stadt Tapanhes (ON2DI1N) gelegen sind, die Ueberreste eines Hauses entdeckt, das von einem der Pharaonen der Bibel bewohnt gewesen sein soll. Unlängst wurden auch Mumien von Egypten nach dem britischen Museum gebracht, welche die Asche selbst dieser Könige enthalten und die jeden Tag unentgeltlich besichtigt werden können. Diejenigen Gelehrten, welche die Bibel als ein Märchen bezeichnen, sollten die besagten Gegenstände in Augenschein nehmen, und sie würden dann sicherlich ihre Meinung ändern. Rußland. Iekalerinoskaw. Eine erhebende gottesdienstliche Feier hat hier am 2. Tage Chol hamoed des Laubhüttenfestes stattgefunden. Herr Alexejew, seit 21 Jahren hier an der Spitze der Verwaltung, ist nach Petersburg als Abtheilungs- Chef im Ministerium des Innern berufen. Unter anderen wollte er auch von der israelitischen Gemeinde Abschied nehmen. Am genannten Tage fand sich Herr Alexejew mit seiner Gemahlin und den Spitzen der Behörden, darunter der Sohn des hier verstorbenen Generals Strukow, Nachfolger des Scheidenden, znr Abschiedsfeier in der Synagoge ein. Feierliche Gesänge eröffnten den Akt, darauf bestieg Herr Rabbiner Schwarz die Kanzel, hob die hohen Verdienste des Scheidenden um die Israeliten des Ortes hervor, und brachte in beredter Weise den Dank dafür zum Ausdrucke. Eine Seelenfeier für den verewigten General Strukow und das Gebet für den Landesvater beschloß den Gottesdienst der Gemeinde. Darauf wandte sich Herr Alexejew an die Gemeinde und den Rabbiner mit einer Ansprache, in welcher er für die ihm zu Theil gewordene Ehre dankte, und das Gefühl des Wohlwollens darlegte, welches er in den 21 Jahren seiner Verwaltung für die israelitische Gemeinde gefaßt. Er habe deren Mitglieder stets als redliche Männer und aufrichtige Patrioten kennen gelernt, er mache keinen Unterschied zwischen Confession und Confession, Recht sei in seinen Augen überall Recht und Unrecht Unrecht! Er hoffe, daß auch sein Nachfolger dieselbe Gesinnung bethütigen, wie er auch auf seinem neuen Posten stets diesen Grundsätzen treu bleiben, mit Wort und Thal den Israeliten sich wohlwollend bewähren werde! — Er übergab darauf 100 Rubel dem Vorstand zur Vertheilung an die Armen der Gemeinde, und auch Herr Strukow, der für die Gedüchtnißfeier zu Ehren seines Vaters seinen Dank äußerte, übersandte folgenden Tages 50 Rubel zu demselben Zwecke. — Unserem Herrn Rabbiner gebührt der Dank für die Anregung dieser höchst angemessenen Feier! Aus Warschau wird folgende räthselhafte Geschichte in mehreren Blättern berichtet: Vor einiger Zeit verschwand daselbst die Frau eines Thierarztes, eine zum Christenthum übergetretene Jüdin, welche jetzt in Hamburg ermittelt und ihrem Manne wieder zugeführt worden ist. Jetzt wird über den dunklen Fall berichtet: Als die Frau am 3. v. Mts. Abends sich auf die Straße hinauswagte, traten zwei Juden au sie heran und theilten ihr mit, daß ihre Mutter sterbenskrank set und vor dem Tode sie noch einmal sehen möchte. Arglos ging sie in die Falle. Als sie das Haus ihrer Eltern betrat, wurde sie gefesselt, ihr der Mund mit Tüchern verbunden und wahrscheinlich wurde sie auch narkotisirt. Als die Frau erwachte, befand sie sich in Berlin, in der Wohnung eines gewissen X. Hier schlug man ihr vor, sie zu ihrem Mann nach Warschau zurückzubringen. Statt dessen brachte man die Aermste nach Hamburg, um sie nach Amerika zu schaffen, wo sich der von den Eltern für sie bestimmte Bräutigam befindet. Die Warschauer Polizei ermittelte auch, daß die Frau nach Berlin gebracht worden sei, und sandte zwei Agenten dahin. Dieselben verfolgten von hier aus die Spur der Verschwundenen bis Hamburg, wo es ihnen glückte, die Entführte im Hafen anzutreffen; einige Stunden später hätte X. sie schon auf ein Schiff spedirt und nach Amerika fortgeschickt. Nunmehr befindet sich die ihren Entführern Entrissene wieder im Hause ihres Mannes. Die Theilxehmer an diesem Verbrechen sind arretirt und werden der wohlverdienten Strafe nicht entgehen. Milksrnir. Daß Juden von einem schweren Verbrechen freigesprochen werden, weil sie Juden fiud, ist doch eine Seltenheit, besonders in unserm lieben Rnßland. Das Unwahrscheinliche hier ward's Ereigniß! Zwei Juden standen unter Anklage der Brandstiftung vor den Geschworenen. Im Sommer brach in einer Scheuer hier Feuer aus und der Verdacht fiel auf 2 jüd. Jünglinge. — Vor dem Gerichte befragt, gestanden sie ein, den Brand veranlaßt zu