Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 46. (11.11.1886)
- Date
- 1886-11-11
- Page
- Seite 373 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 878 — ressanten Grabstciue^veranlaßt. Nun ruht er selbst vorüber Zeit auf diesem Friedhof, zu dem ihn sein Herz von früher Jugend ab so mächtig hinzog. Sanft ruhe er auf der ihm vertrauten Stätte! Sein Andenken, als das eines Gere hten, wird stets zum Segen bleiben! Zittau in Sachsen. (Or. - Corr.) Welche Schwierigkeiten die jüd. Neligionsschule zu überwinden hat, wenn sie den Stundenplan feststellen soll, ist auch dem Laien bekannt. Aus den verschiedenen Klassen von mehreren Lehranstalten rekrutiren sich Schüler und Schülerinnen derselben, hier z. B. ans Gymnas., Realgymn., Stadtschule für Knaben und Stadtschule für Mädchen. Dabei dringen Eltern und Schüler, daß die freien Nachmittage nicht belastet werden. Dankbare Anerkennung verdient daher das freundliche Entgegenkommen des Herrn Fink, des Direktors der hiesigen Stadtschulen, der nicht allein beim Entwürfe des Stundenplanes für die Stadtschule auf den jüd. Religionsunterricht möglichst Rücksicht nahm, auf seine freundliche Fürsprache hin wurden auch einige Schüler resp. Schülerinnen dispensirt, damit sie am Religionsunterrichte regelmäßig theilnehmen können. Oesterreick-Ungarn. Wien. (Schluß.) Am 21. November 1871 sollten Fräulein Jeanette von Popper mit Herrn Adolf Schenk von mir getraut rvcrden vordem wurde mir gesagt, daß derReichskanzler GrafBeust bei der Trauung im Tempel anwesend sein werde. Kurz vor der Trauung, die um 12 Uhr stattfinden sollte, wurde nun tisificirt, daß Graf Beust um 1 Uhr zur Audienz bei Seiner Majestät befohlen ist und daß daher der Trauungsact nicht zu lang ausgedehnt werden dürfe. Ich erwiderte darauf, daß die Trauungen i» unserem Tempel überhaupt höchstens 20 bis 25 Minuten dauern, da man in einer Gemeinde, in welcher an einem einzigen Tage mehrere Trauungen stattfinden, kenre lauge Traureden hatten könne. Außerdem muß man Gemeinplätze, die wie die langen Schleppen der Brautkleider oft sehr genant werden, soviel als möglich in Wien vermeiden, da die Trauungsgäste im Laufe eines Jahres immer einige Traureden zu hören bekommen. Die Trauung der Tochter des verewigten Baron Leopold von Popper wurde vollzogen, selbst Meister Sulzer' sonst kein Freund der Kürze, beherrschte sich in seinen wunderbaren gesanglichen Phantasien und Graf Beust hatte Zeit genug, um vor Sr. Majestät um ein Uhr zu erscheinen. Nach der Trauung besuchte ich die Popper'sche Familie in ihrem Palais am Parkring und mein sehr guter Freund Baron Leopold von Popper sagte mir mit lächelnder Miene: „Man habe ibn darauf aufmerksam gemacht, daß ich ihm nicht zu viel Worte in meiner Traurede gewidmet habe". „Ganz richtig", versetzte ich. „Wollen Sie aber bedenken, daß bei der Trauung Ihrer Tochter ein Virtuos der Sprache anwesend war, ein Diplomat ersten Ranges, welchen jüdische „Gusmos" (Hyperbeln) unangenehm berühren. Die Stelle, die ich Ihnen in meiner Rede widmete, war mehr ein Aquarell, als ein Bild mit schreienden Farben! Baron Friedrich Schey dachte so wie ich über die hyperbolischen Lobeserhebungen in den Wiener Traureden. Nachdein ich seinen Sohn Baron Stefan Schey getraut hatte, dankte ec mir besonders dafür, daß ich seiner Person in so inaßvollen Worten gedacht habe, da auch bei der Vermählung seines Sohnes ein Kreis auserlesener Gäste aus der höchsten Gesellschaft im Tempel sich eingefunden hatte. Nachdem ich ungefähr eine halbe Stunde im Poppcrschen Palais verweilt hatte, erschien Graf Beust zur Gratulation. Ich wurde ihm vorgestellt und nahm an seiner Seite auf dem Sopha Platz. Natürlich überließ ich ihm das Wort, das er als Causeur so meisterlich zu gebrauchen verstand. und um mein Interesse an der Conversation anzuregen, erzählte er mir von Jerusalem, das er im Jahre 1869 nach der Eröffnung des Suez - Canals besucht hatte. Er sprach mit viel Wärme von der heiligen Stadt, zu welcher fromme Pilger dreier Confessionen wallfahrten. So hörte ich aus dem Munde eines österreichischen Reichskanzlers die Glorificirung jener Stadt, in welcher einst jüdische Könige thronten und Propheten den Regenten und deren Ministern die Wahrheit sagten. Die jüdischen Machthaber und ihre Minister nebst ihren Noten und diplomatischen Künsten sind geschwunden, die Wahrheik aber, welche die Propheten einst verkündet haben, ist geblieben. Dr. Ad. Jellinek." Wien. Am Donnerstag Abend wurde iu einer der belebtesten Straßen Wiens ein Meuchelmord verübt. Kurz nach 10 Uhr wurde an der Ecke der Rotenturmstraße und der Wollzeile der bekannte Wiener Buchhändler und Buchdruckereibesitzer, der Herausgeber der „Allgemeinen Wiener Fremden-Zeitung" Jakob Schloßberg, ein Mann von mehr als 60 Jahren, von seinem Begleiter, einem jungen Mann von 24 bis 26 Jahren, nach einem zwischen beiden stattgehabten, kurzem und erregt geführten Gespräch mit einem Messer in den Hals gestochen. Der Schwerverwundete wurde unverzüglich von zwei Sicherheitswachmännern in die Station der Freiwilligen Rettungs Gesellschaft am Fleischmarkt gebracht; trotz aller angewendeten Mittel starb er doch nach kurzer Zeit an. Verblutung. Da dem Unglücklichen die Schlagader an der linken Seite des Halses durchschnitten war, so mußte der Tod in kürzester Zeit eintreten. Jakob Schloßberg, der zu Wilna in Rußland geboren wai?? kam Ende der fünfziger Jahre nach Wien und errichtete dort eine hebräische Buchdruckerei und Buchhandlung. Die in seiner Offizin gedruckten und von ihm verlegten hebräischen Werke fanden nicht nur in Oesterreich, sondern auf dem ganzen Kontinente und selbst in Asien und Afrika Verbreitung. — Als Mörder Schloßberg's wurde, am 8. November, der beschäftigungslose, oft abgestraste Vergoldergehülfe Gerhard Greiter verhaftet. Derselbe hat ein volles Gestäudniß abgelegt- Er lüuguet jedoch, gewußt zu haben, daß er Herrn Schloßberg ermordet habe. Dies sei auch nicht seine Absicht gewesen. Er habe demselben blos einen „Denkzettel" dafür geben wollen, daß Herr Schloßberg sich weigerte, ihm ein Almosen zu verabreichen. Holland. Amsterdam. Eine eheliche Skandalgeschichte hat hier große Aufregung hervorgebracht. Seit einigen Jahren wohnt hier ein Herr Diamant au; Rußland mit seiner Frau, die er in Deutschland geheirathet. Da überraschte ihn plötzlich vor einigen Wochen eine Frau aus Kowno mit 2 Töchtern und einem Sohne mit der Erklärung: Du bist mein Gatte und diese meine Kinder sind auch Deine Kinder! Ec behauptete: Ich habe Euch nie gesehen' doch die Zrau blieb hartnäckig bei ihrer Behauptung. Einige Nächte brachte sie vor der Schwelle seines Hauses zu; die Polizei, an die der Mann sich wandte, erklärte: Wir sind nicht competent, wenn es Deine Frau ist, sie zu beseitigen; vr. Dünner, an den die Frau sich wandte, meinte: Scheidungsdinge gehören in Holland, wo Ehen unlöslich sind, nicht zum Ressort des R ab bin ats(sic?). In Haa g erhielt die Frau endlich ein Empfehlungsschreiben an vr. Dünner, das ihn daran erinnerte, daß „Ehescheidung" auch ein Kapitel im Schulchan Aruch sei, und so erhrelt sie endlich den verlangten Scheidebrief. Die Ehe des russischen Judenthums ist leider Gottes nichts weniger als ein Ideal. Amsterdam. Ein christlicher Vater, der mit einer Jüdin in Mischehe lebt, hat aus Liebe zu dieser seine 3 Söhne — der älteste ist gegen 11 Jahre alt — in den Bund des Judenthums aufnehmen lassen. — Der Rabbiner Juda Löb Schapiro, einer der Ausgewiesenen aus Königsberg, hat sich hier niedergelassen. Wie es heißt, bezieht er Pension von seiner frühern Gemeinde. Großbritannien. Aus Arlaud, November. (Or. - Corr.) Auch hier zu Lande hat sich jüngst eine antisemitsche Bewegung kund gegeben, die augenblicklich glücklicherweise zwar blos in aufwieglerischen Plakaten besteht, keineswegs aber ganz zu übersehen ist. In Dublin nämlich, der Hauptstadt Ir-