Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 45. (4.11.1886)
- Date
- 1886-11-04
- Page
- Seite 366 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zugend zu verständnißvollen Bekennern ihres Glaubens förderten. Von unschätzbarem Werthe war es auch für das Gedeihen des Schulwesens, daß dasselbe in unserem Nachfolger, dem zeit. Rabbiner Herrn Or. Oppenheim, einen Mann an der Spitze erhielt, der die Ziele der Schule im Geiste richtig erfaßte und mit Hingebung verfolgte, der auf demselben Grunde weiter baute, sie mit Umsicht leitete und ihrer weiteren gedeihlichen Entfaltung entgegcnführte. Das ersehen wir aus der uns freundlichst übersandten „Festschrift", die ein gcsch. Einsender mit den Worten begleitet: „In den „Schulnachrichten" ist selbstverständlich auch Ihrer, unter dessen Auspicien beide Schulen vor bald 25 Jahren eröffnet und während des ersten Lustrums geleitet wurden, anerkennend gedacht. Seite 18 heißt es daselbst: „An der Elementar- und Religionsschule wirkten seit ihrem Bestehen die Dirigenten Herr Or. Rahmer, z. Z. Rabbiner in Magdeburg und der zeitige Rabbiner Herr Or. Oppenheim. Beide Herren hatten das Wohl der Schule stets im Auge und zeigten für dieselbe regen Eifer und große Hingebung." Das Saatkorn, das Sie damals ausgestreut, wir ältern Gemeindemitglieder sind uns dessen ganz besonders dankbar bewußt, ist unter weiterer Pflege herrlich aufgegangen und hat auch G. s. D. gar viele schöne Früchte getragen. Die Schulen sind gewachsen rc." Die Erinnerung an jene schöne Zeit der Aussaat und die gezollte Anerkennung wirkt herzerhebend. ES kann ja in dem kurzen Zeitraum von 5 Jahren (1862—1867) noch nicht viel von Leistungen die Rede sein, aber der Grundgedanke, der uns bei der Ausarbeitung des ersten „Lehrplans für beide Schulen" leitete und in demselben zum Ausdruck kam, daß nämlich nur auf der Grundlage einer jüd. Elementarschule — sei es auch nur für Schüler von 6—9 Jahren — die jüdische Religionsschule gedeihlich wirken könne, hat sich uns, die wir inzwischen die Entwickelung des jüd. Schulwesens in Deutschland mit sorgfältig beobachtendem Auge verfolgten, immer mehr bestätigt. Unser ganzes Religionsschulwesen hängt ohne eine solche Basis in der Luft. Wir wollen diesem Grundgedanken in einem besondern Artikel eine eingehende Besprechung widmen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Aus dem Leben des am 23. Oktober verstorbenen österr. Reichskanzlers, des Grafen Beust, und dessen Beziehungen zu jüd. Kreisen, erzählt Or. Jel linek folgende interessante Aphorismen: „In der Familie des verstorbenen Leopold Freiherrn von Popper erschien Graf Beust sehr oft, besonders im Hause der Frau Adele Löwenstein, gcb. Baronin von Popper. Diese Dame muß mit jenen jüdischen Frauen zur Zeit des Wiener Congresses verglichen werden, in deren Salons die wichtigsten politischen Persönlichkeiten sich einfanden. In ihrem Snlon sah man außer dem Grafen Beust u. A. auch die Minister Giskra nnd Herrn von Schmerling. Tort wurde ich dem Dr. Karl Giskra vorgestellt, als er auf der Höhe seiner politischen Macht stand und er schenkte mir sein Wohlwollen bis an das Ende seines Lebens. Er lud mich zu seinen Soiräen im Ministerium des Innern und als einige sehr reiche Mitglieder der Cultusgemcinde mich dort erblickten, sahen sie mich ganz erstaunt an, oder richtiger verwandelte sich ihr Gesicht in das Fragezeichen: „Wie kommen Sie hierher?" als wenn es nicht leichter wäre, Reichthümcr zu erben, als der Ehre theilhaftig zu fein, an der Spitze der Wiener Eultusgeineinde die Würde eines Predigers zu bekleiden. Kurz nachdem Minister Giskra seine Demission gegeben hatte, traf ich ihn am Sndbaanhose. Er kam auf mich zu und machte mir die Miltheilung, daß er mich vor seinem Rücktritte zu einer Auszeichnung vorgeschlagcn habe. Natürlich startete ich ihm meinen devotesten Dank für diesen Beweis seiner Anerkennung aus. Die Auszeichnung bekam ich nicht, nachdem ein neues Ministerium die Zügel der Regierung übernommen hatte, wohl aber traf mich der Groll einiger Glaubensgenossen, die den Aergev nicht verwinden konnten, daß ein Prediger der Wiener Cultusgemeinde, der keine Rolle in der Finanzwell spielt, auch zum „Ritter" ernannt werden soll. Nun, die „Ritter vom: Geiste" haben ihre Auszeichnung von Gottes Gnaden! (Schluß folgt.) Arüml, 20. Oktober. (Or.-Eorr.) Da schon seit vielem Jahren ein empfindlicher Raummangel an den hohen Festtagen im Tempel sich bemerkbar machte, beschloß man einem Erweiterungsbau, der, nach dem Pessachfeste in Angriff genommen, mit anerkennenswerther Pünktlichkeit zum Neujahrsfeste fertig gestellt wurde. Der Tempel selbst hat durch die Renovierung seines Inneren, außerordentlich gewonnen.- Farbenprächtige Arabesken und bunte Fenster geben dem Inneren des Gotteshauses ein würdiges Aussehen, desgleichen ist eine neue große Orgel, die erst jetzt fürSabbathe und Festtage verwendet wird, eine glückliche Einrichtung^ hoffentlich geeignet, dem Gottesdienste neues Leben zuzusühren. An Opposition hat es wohl hier auch nicht gefehlt, obwohl man hier zu Lande Fragen der Cultusreform nicht so ernst nimmt als anderwärts, denn eine orthodoxe Partei hat eshier überhaupt nie gegeben und orthodoxe Agitatoren existieren nur in wenigen Gemeinden nnd sind auch dort in der Minderzahl und von schwachem Einfluß. Die Synagoge- .wurde am Neujahrsfeste cingcweiht und überraschte allgemeindurch ihre geschmackvolle Ausstattung. Die erste Rede, die der Rabbiner Dr. Placzek in bernt neu hergestellten Gotteshausejhielt, fand vielen Beifall, so daß ihre Drucklegung verlangt wurde, die auch inzwischen erfolgte. - Ausgehend von Jesaia 49,20: „Zu enge ist mir der Raum," spricht der Redner davon, daß die Synagoge außer den Festtagen auffallend leer bleibe, und daß selbst die neue Ausschmückung wie der neue Ritus schwerlich geeignet erscheinen dürften, die sinkende Frömmigkeit zu heben. Leider hat sich der Redner nicht über seine persönliche Stellung zur Orgel- und Cultusfrage ausgesprochen, so daß die Zuhörer in den Glauben versetzt werden mußten, resp. sollten, es sei alles wider seinen Willen erfolgt, doch wird selbst dieser Schein nicht genügen, um die Wühler zur Macht zu bringen, welche eine Reaction Hervorrufen zu können vermeinen. — An Personalien ist zu verzeichnen, daß der Rabbiner von Lomnitz, R. Joachim Altenstein, im vorigen Monat im Alter von 78 Jahren starb. Der Verstorbene war ein Mann der alten Schule, doch in hohem Grade bildungsfreundlich. Bei seiner Leichenfeier fungierten, von der Gemeinde Lomnitz berufen, Herr Or. Deutsch aus Brünn und, von der Heimathsgemeinde des Verstorbenen Groß-Meseritsch delegiert, der dortige Rabbiner Or. Weiner. Die Verwaltung des Rabbinats für die Zeit der Vacanz hat der Rabbiner von Kromau, Herr Or. Wolffsoh n, übernommen^ der auch für die definitive Bekleidung der Stelle in Aussicht genommen ist.— Der Rabbiner von Mißlitz, Herr Or. Wolf, hat gegen halbjährige Kündigung seine Stelle verlassen. Ueber die Ursache circulieren verschiedene Gerüchte. Sicher ist nur. daß eine Regelung des Verhältnisses zwischen Vorstand und Rabbiner ein dringendes Gebot der Nothwendigkeit ist. — In Boskowitz ist an Stelle des vor zwei Jahren verstorbenen Landisrabbiners Abraham Placzek Herr Hö nig aus Sillein in Ungarn zum Rabbiner gewählt worden. Amerika. Aeu-Meriko. In Las Vegas wurde am 29. September eine neue Synagoge, die erste in jenem Staate, eingeweiht. Die Gemeinde ist nicht groß, aber sie hat große Opfer gebracht. Die Zeitungen aus jener Stadt sind des Lobes voll über das schöne Gebäude und die gelungene Einweihungsfeier. Herr Or. Glück, der dort amtirende Rabbiner, hielt die Festrede, die mit sehr viel Beisall aufgeuomme» wurde. Ein gut geschulter gemischter Chor, Orgel oder Melodeon und Familiensitze im Tempel siiid natürlich in Amerika unumgänglich.