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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-11-04 · N° 45. (4.11.1886) · p. Seite 367

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 45. (4.11.1886)
Date
1886-11-04
Page
Seite 367 (sequence 7)
Language
German
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Herrnischle und neueste Nachrichten. Magdeburg. Die Zeitungen schreiben jetzt viel über den Antrag v. Hammerstein und Kleist - Retzow, welchen die Herren für die neue Landtagssession in Gesetzesform eingebracht haben. Wir halten es für überflüssig, diesen Gesetzentwurf zum Abdruck zu bringen. Er beabsichtigt, die katholische und evangelische Kirche dauernd mit jährlich circa 14 Millionen Mark zu dotiren, wovon zwei Drittel der evangelischen Kirche, ein Drittel der katholischeu Kirche zufommeit soll; andere Konfessionen gehen natürlich leer aus, obwohl die 14 Millionen aus den Steuermitteln aller Konfessionen aufgebracht werden. Merlin Gegen Hofprediger Stöcker und dessen „Radauversammlungen" bemerkt die gouvernementale „Post": In seinen Mitteln hat cs Herr Stöcker, von verschiedenen anderen gänzlich zu schweigen, sicherlich gründlich versehen, von den Zeiten des Schneiders Grüneberg an bis zu den Tagen des Günstlings des Reichsboten Docbor juris Philadelphias Simon May. Vielleicht zeugt es auch von einer sehr viel tiefergehenden, innerlichen Religiösität. als man sie gemeinhin der Bevölkerung unserer Hauptstadt zutraut, daß auch Herr Stöcker mit seinem Bemühen, in der Dum'tatmosphäre wüster Volksversammlungen Altar und Kanzel auszubauen, so wenig Anklang gefunden. Was in den Schrein des Herzens gehört, das sieht man nicht gern auf dem Markte ausgestellt und in den Lärm und Kampf um politischen Vortheil und Gewinn herabgezogen." — Früher hat gerade die „Post" stets die wohlwollendsten Berichte über die Stöckerschen „Radauversammlungen" gebracht; die Zeiten ändern sich G. s. d. Merlin Rach dem Bericht des „Berliner Tageblatts" klagte Prediger Hapke jüngst lebhaft über den Niedergang in der christlich-sozialen Partei, über Abnahme der Begeisterung und Einmülhigkeit in der Partei, über persönliche Eitelkeiten und Zerwürfnisse, über Mangel an Selbstlosigkeit und werkthätigcr Liebe, und meinte: „Wir leisten nicht viel. Die Bewegung hat vielfach Mitkämpfer gehabt, die ihr mehr geschadet als genützt haben." (Schöne Selbstbekenntnisse!) Merlin. Der Verein für Feuerbestattung hat beim Magistrat angefragt, ob letzterer gestatten würde, daß die Reste verstorbener, in Gotha verb annter Personen auf dem städtischen Central-Friedhof beigesetzt würden. Der Magistrat hat beschlossen, plinzipiell diese Frage mit „Fa" zu beantworten, jedoch soll die Genehmigung nur für verstorbene und verbrannte Berliner ertheilt werden. Merlin, 30. October. Ein tragisches Geschick hat den hier wohnhaften Kaufmann Moritz Frank betroffen. Derselbe war mit seiner Familie bei der am vergangenen Montag stattgehabten Polterabendfeier seiner Nichte, einer Tochter des hiesigen Fonds- und Börseu-Maklers Abraham Js a a c, anwesend, als er Abends 11 Uhr todt niedersank. Die eben noch in heiterster Stimmung besindlichen Festtheilnehmer wurden in die größte Trauer versetzt. Herr Frank hat ein Alter von 58 Jahren erreicht; sein Begrabniß, welches am jüngsten Donnerstag auf dem Friedhofe bei Weißensee stattfand, hat dort wieder alle Diejenigen vereinigt, welche an der verhängnißvollen Feier des Polterabends Theil genommen hatten. Miekefeld, 30. Oktober. Man schreibt uns: Das 107. Lebensjahr vollendet heute unser Mitbürger Herr- Rentner Marcus Jordan hier und ist somit vielleicht der älteste Mensch in Deutschland. Er liest, wie uns mitgetheilt wird, noch die Feuilletons verschiedener Blätter ohne Brille und hört ziemlich scharf; Schlaf und Appetit sind normal, untrer macht bei gutem Wetter noch täglich den gewohnten Spaziergang, sich an der Schönheit der Natur erfreuend. Im Kreise seiner Söhne und zahlreichen Enkel verlebte er den heutigen Geburtstag, seine Umgebung durch manches Scherzwort erfreuend. Möge er auch das 108te Lebensjahr bei bestem Befinden vollenden. Irankfnrt a. M. Wie verlautet, enthält das Testament des verstorbenen Freiherrn von Rothschild die Bestimmung, daß 200,000 Mk. an die israelitischen Armen und 100.000 Mk. an die Armen aller Konfessionen der Stadt Frankfurt zur Vertheilung kommen sollen. Dresden. Rubinstein arbeitet z. Z. hier (im Hotel Bellevue) an einer Oper „Moses". Frier. Der bekannte antisemitische Privatdocent Dr. Ecker in Münster ist zum Professor der alttestamentlichen Exegese an das dasige Priesterseminar berufen. Maris. Nach dem Tode der Baronin James Rothschild haben ihre Söhne die sieben Trauertage streng gehalten und in ihrem Palaste die Gebete mit Minjan verrichtet. Hlom. An der zu Anfang des Jahres 1887 hier zu eröffnenden neuen Rabbinerschule ist die Stelle eines Docenten zu besetzen. Derselbe hat hebräische, aramäische und syrische Grammatik, biblische Exegese, Dogmatik und Ethik vorzutragen und zu hebräischen Compositionen Anleitung zu geben. (Gelehrte, welche der italienischen Sprache mächtig sind und auf diese Stelle reflectiren, wollen sich an Dr. Jellinek in Wien wenden.) Mesaro. Eine Straße wurde hier nach der ausgezeichneten Frau Sarah Nathan, die eine Freundin Mazzini's war, genannt. Mittheilurrgen aus dem U. O. B B. Gleiwitz. Die Humanitas - Loge feierte am 2t. Oktober ihr zweites Stiftungsfest, womit die Einweihung der neuen Logeuräume verbunden wurde. Die Festfeier begann mit der Uebergabe des Schlüssels durch den Baumeister Br. Buchen, welcher eine kurze Anrede an den Präsidenten, richtete; unter den Klängen eines Chorals erfolgte der Eintritt der zahlreich erschienenen Gäste und Brüser in den neuen Logensaal, welcher in seiner zwar einfachen, aber würdigen Ausstattung allgemein Beifall fand. Einen besondern Schmuck' des Saales bilden, neben den an der Deckenwölbnng angebrachten Porträts Moses Mcndelssohn's und Sir Moses Montefiore'S, die von der Friedenslogc in Ratibor gespendeten Büsten unseres allverehrtcn Kaisers und des Kronprinzen. Die Festrede, gehalten von Br. Kleczewski, stützte sich auf den Spruch: „Sehet, der Herr hat Großes an uns gethan", führte die Schwierigkeiten an, welche sich der Einführung des Ordens in Deutschland entgegengestellt, sprach den Führern, „den Rufern im Streite", Dank für ihre Bemühungen, deren Erfolg sichtbar sei in dem raschen Gedeihen und Wachsen des Ordens, speziell der Humanitas - Loge, welche nach kurzem Bestehen schon ihr eigenes Heim begründen konnte. Hierauf ergriff Br. Dr. R ahme r aus Beuthen das Wort, und brachte die Glückwünsche der Großloge, sowie seine eigenen in sehr erhebender Rede dar; als Vater der Humanitas - Loge sprach er seine Freude darüber aus, daß das zarte Reis so stark geworden, welches, wie die Humanität in grauer Vorzeit, nur schüchtern Wurzeln faßte. Anspielend auf die aus der Humanitas-Loge hcrvorgegangene Friedens- Loge schloß der w. Redner mit folgenden Versen: Die Du einst, zweifelnd und mit leisem Zagen Ob Deiner Zukunft bangen Angesichts, Nur ein bescheidnes Heim Dir aufgeschlagen, Humanitas, Du Künderin des Lichts, Heut' ziehst Du ein in diese weiten Hallen, Der eignen Kraft bewußt, ein Vorbild Allen. Einst wurde Dir des Höchsten Offenbarung In Mamreh's Terebinthenhain zu Theil, Du reichtest weiter die empfangne Nahrung Und schufst im „Friedensbund" ein neues Heil. Sieh' Deine Väter, Kinder, zu Dir wallen, Zu ehren Dich, zu Deiuem Wohlgefallen. Erweitert ist Dein Ternpel, Deine Räume Sind ernstem Werk, sind frohem Sinn geweiht, Der Menschheit Ideale, holde Träume, Sie sollen ringen hier nach Wirklichkeit. Dein Ruf, Humanität, soll weithin schallen, In aller Menschen Herzen wiedcrhallen! Es folgten die Gäste, welche die Glückwünsche der durch sie vertretenen Logen in begeisternden, durch trefflich gewählte Gleichnisse gewürzten Reden darbrachten, woran sich ein Gebet schloß, welches, vom Br. Stein an den Allmächtigen, den Hüter unseres Bundes, den Beschützer aller ideellen Bestrebungen, gerichtet, um dessen Segen und Schutz bat für die neu geweihte Arbeitsstätte zur Verbreitung der Wahrheit, zur Förderung der Eintracht und zur Bethätigung der Bruderliebe. — Zahlreich eingegangene schnftliche Wünsche wurden verlesen. Br. Dr. Rahmer weihte nun als Dclegirter der Großloge den neuen Raum zum Tempel des Ordens und unter Ehoralbeqleitung schloß die erhebende Feier. — Ein Festmahl hielt die Gäste und Brüder dann noch lange beisammen.

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