Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 45. (4.11.1886)
- Date
- 1886-11-04
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 364 — weil das blennorrhoische Secret bei gewisser Verdünnung seine ansteckenden Eigenschaften verliert, als durch das nachherige Abtrocknen des Kopfes. Die dazu benutzten Handtücher nämlich werden zum größten Theil durcheinander ohne besonderes Erkennungszeichen in einem Schranke aufbewahrt. Die nothwendige Folge davon ist, dag die eine Frau ihren Kopf mit demselben Handtuche abwischt, welches vielleicht unmittelbar vorher von einer anderen an Llsuuorrllosa vaginae leidenden Frau benutzt worden ist. Unter 1021 verheiratheten jüdischen Frauen fanden sich 51,5 pCt., unter 292 nicht verheiratheten Jüdinnen 35,6 pCt. Trachom. In der Discussion erwähnt Meyer (Paris), daß ahnliche Verhältnisse in Bezug auf das Vorkommen der ägyptischen Augenentzündung bei den Straßenkehrern itt Paris bestehe, welche meist hessische Eingewanderte sind. Auch diese leben in den ärmlichsten und schlechtesten hygienischen Verhältnissen. W aldauer (Mitau) bestätigt die Ausführungen des Redners in Bezug auf die Jude» in Ctrrland und die angrenzenden lithauischen Provinzen, und sieht einen sehr greifbaren Grund in der miserablen Lage dieser Bevölkerungsschicht, thren gedrängten Wvhnungsvcrhältnissen und sonstiger Verkümmerung". Soweit der wirklich haarsträubende Bericht, auf den wir die zuständigen Parnaßim, Oberrabbiner u. s. w. der Hauptstadt des Landes, das durch seine sprüchwörtliche Reinlichkeit einen Namen hat, besonders Hinweisen. Möge die Angelegenheit streng untersucht werden, damit die jüdische Bevölkerung nicht in den Ruf der Unreinlichkeit komme und eine religiöse Institution, die zum Zwecke der Rei ni g un g gegeben ist, nicht in das Gegentheil umschlage. AI. Dresden. Ende Oktober. (Or.-Corr.) Da für die Kinder der in Neu- und Antonstadt wohnenden israel. Familien der Weg zu der in der Altstadt, der inneren Pirnaischen Vorstadt gelegenen Religionsschule zu zeitraubend und auch, vornehmlich im Winter, sehr beschwerlich ist, haben sich die betr. Familien entschlossen, für ihre Kinder einen Privatcursns für den Religionsunterricht unter Leitung des Herrn Cantor Wolssohn einzurichten, der am 28. Oktober begann. In anerkennungswerther Weise hat Herr Schuldirektor Bvchon hierzu die Räume und das Mobiliar rc. seines Institutes zur Verfügung gestellt. In Verbindung mit seinem am 9. Nov. stattfindenden 1. Vortragsabend (Institutsdirektor Schmidt) wird der Brüder-Verein eine Art von Gedächtnißfeier in Form eines Nachrufes, verfaßt und gesprochen vom 1. Vorsitzenden Herrn Sekretär Bergmann, für sein hingeschiedenes Ehrenmitglied (Obcrrabbiner vr. Landau) abhalten. — In den Verwalt» ngrath des Mendelssohn-Vereines, der seinen Sitz in Dresden hat, ist an Stelle des Heimgegangenen Ober-Rabbiners Dr. Landau, Herr Hosjuwelier Julius Jacobi gewählt worden. Aus Wreskarr wird dem „Berl. Tagebl." von einer interessanten Gerichtsverhandlung gemeldet, interessant durch die dabei zu Tage getretene eigenthümliche Ansicht des Vorsitzenden über die Frage, ob der Ausdruck „Judenjnnge" eine Beleidigung ist. Im Frühjahr d. I. fanden in der Weißgerbergasse zu Breslau mehrfach Prügeleien zwischen Schulknaben statt. In eine dieser Schlägereien wurde im April d. I. auch der 13 Jahre alte Alfred Schlesinger hineingezogen, wobei sich dieser von einer Anzahl christlicher Schulkameraden angegriffen sah, die mit jener Tapferkeit auf ihn einhicben, welche aus dem erhebenden Bewußtsein einer großen numerischen Uebermacht zu erwachsen pflegt. Die kampflustigen Knaben versüßten ihrem Mitschüler die auf ihu niederfallenden Schläge, indem sie ihm ein über das andere Mal die freundschaftliche Bezeichnung „Judenjunge" ins Gesicht schleuderten. Alfred Schlesinger fühlte sich hierdurch aufs Aeußerste gereizt; er suchte sich seiner Angreifer zu erwehren und sich an ihnen zu rächen, indem er mit einem sogenannten Radirmesser sich vertheidigte. Hierbei wollte es das Unglück, daß er dem 11 jährigen Fritz. Scheer am Unterarm eine Wunde beibrachte, welche eine fünfmonatliche ärztliche Behandlung nothwendig machte. Alfred Schlesinger stand in Folge dessen am letzten Dienstag unter der Anklage der Körperverletzung mittelst eines gefährlichen Instruments vor der ersten Strafkammer des königlichen Landgerichts zu Breslau. Zu seiner Vertheidigung machte er geltend, daß er aufs höchste gereizt gewesen sei, weil er „Judenjunge" geschimpft worden sei. und daß er sich außerdem in der Nothwehr befunden habe. „Daß man Dich Judenjunge genannt hat. kannst Du doch nicht schimpfen nennen", bemerkte der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Freitag, „denn Du bist doch Jude und ein Junge bist Du auch." Sprach's, und der Staatsanwalt v. Reinbaben beantragte eine Gefängnißstrafe von sechs Monaten. Das Strafkammerkollegium sah indeß die Sache mit etwas anderen Augen an und hielt eine Strafe von 50 Mark für Alfred Schlesinger für angemessen. Mo« der Muhr. Ende Oktober. (Or.-Corr.) Seit einigen Jahren besteht in hiesiger Gegend ein segensreich wirkender Verein, der sogenannte Ccntral-Armen-Verband, dem die Synagogengemeinden Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen. Gelsenkirchen, Hagen, Hörde, Mühlheim a. d. Ruhr, Ruhrort, Steele und Wirten angehören. In dem heute in meine Hände gelangten Rechenschaftsbericht des genannten Vereins, sind so mancherlei beachtenswecthe Punkte enthalten, die, wenn auch nur für die Mitglieder der Kasse bestimmt, doch auch für den Leserkreis dies. Bl. Interesse haben dürfte. — Die segensreiche Wirkung deS Central- Armen-Verbandes tritt uus so recht vor Augen, wenn wir uns einen Augenblick in die jüngste Vergangenheit versetzt denken, wo mein tagtäglich von berufsmäßigen Schnorrern und Tagedieben heimgesucht wurde, und nicht allein sein gutes Geld, sondern auch manches Ständlein kostbarer Zeit opfern mußte. Ich denke hierbei an mein Elternbaus, an der großen Heerstraße liegend, die da von Cöln nach Mainz führt, — wo fast kein Tag verging, daß nicht in- und ausländische Schnorrer kamen aßen und tranken, den elterlichen Säckel um einige Batzen erleichterten und dann ivieder gingen. Ja es waren einige darunter, die kehrten in jedem Jahre regelmäßig wieder, die kannten jeden Ort, jede Familie und wußten bei denjenigen „guten Nimen" zu verbreiten—- die ihnen am meisten gaben. — Fällt mir doch da unwillkürlich jene hübsche Anekdote von einem poln. Juden ein, dem, als er schon ein Dorf „abgekloppt" und das Weichbild derselben überschritten hatte, einfiel, daß er Einen vergessen . . . Im Selbstgespräch sehen wir ihn auf der Landstraße stehen, unentschlossen, ob er umkehren oder weitergehen soll. — „Soll ich ihm was schenken? Wer schenkt mir was?" — Für'n guten Groschen läßt unser Pollak sich schon den Weg gefallen und kehrt zurück. — Jedoch kehren auch wir zu unserem Berichte zurück. Die Einnahmen des Vereins betrugen im verfiossenen Jahre 3681,97 Mk., rekrutierend aus den einzelnen Beiträgen der Verbandsgemeindcn.— Hierzu steuerten bet: Essen 600, Dortmund 500, Bochum 500. Hagen 400, Witten 250, Duisburg 250, Mülheim 225, Gelsenkirchen 200, Hörde 160, Steele 150 und Ruhrort auch 150 Mk. Die Ausgaben betrugen insgesammt 3534,90 Mk. '875 Personen. 721 männüche und -154 weibliche suchten bei der Kasse, deren Sitz in Bochum und durch einen besoldeten Alinosenier verwaltet wird, um UnteZtützung nah, und diese 875 Personen wurden im Ganzen 3115 Mk. oder 3,56 Mk. pro Kopf, verausgabt. Aus dem detaillirten Bericht ersehen wir ferner^ daß von den 721 Personen sich bezeichnet haben: 257 als Handwerker, 224 als Händler u id Hausierer. 57 als Commis. 39 als Lehrer. 36 als verschiedene Becufsarten angeyöcig. 15 als Tagelöhner uud Arbeiter, 13 als Kaufl.mte, 6 als Rabbiner und Knechte. 3 als Diener und Knechte, 71 als ohne bestimmtes Gewerbe. — Unter den 36 ver>ch. Berufs-