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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-11-04 · N° 45. (4.11.1886) · p. Seite 363

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 45. (4.11.1886)
Date
1886-11-04
Page
Seite 363 (sequence 3)
Language
German
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— 363 — werde. Heißt doch auch das Wort, welches in der griechischen Sprache lesen bedeutet, nichts anderes, als wieder erkennen. Und damit ist also das Wesen des Lesens ausgesprochen. das darin besteht, daß man das lautliche Wort im schriftlichen wieder erkennt. Es ist auch der Vorgang des Sammelns ein Hauptmoment des Lesens. Vergegenwärtigen wir uns einmal den Gang, wie das Kind zum Lesen und in der Folge zur Lesefertigkeit gelangt. Es ist überall und stets der folgende: Zunächst lernt es bei einem ihm vorgeführten Zeichen einen bestimmten Laut sprechen, dann zeigt man ihm zwei, drei Laute in Verbindung miteinander, und es spricht sie in dieser Verbindung aus. Soll es nun zur Lesefertigkeit gelangen, so muß es sich gewöhnen, das Wort, sobald es daffelbe erblickt, als ein G a n z e s aufzufassen und als ein solches sofort auszusprechen, ohne sich dabei seiner Zusammensetzung noch bewußt zu werden. Daß dies in der That der Vorgang beim Lesen ist, wird jeder zugeben müssen, der fertig lesen kann, und die von ihm dabei geübte Thätigkeit nur einmal aufmerksam beobachtet hat. Es wird dies auch durch die ganz allgemeine Wahrnehmung bestätigt, daß Kinder, die geläufig lesen können, doch beim Lesen anstoßen, wenn sie aus ein ihnen bisher fremdes Wort stoßen. Reiheten sie wirklich, indem sie lesen, die einzelnen Laute noch aneinander, so müßten sie beispielsweise das Wort auch wenn es ihnen zum ersten Male vor's Auge tritt, mit derselben Geläufigkeit lesen, mit der sie etwa das Wort P2NA aussprechen. Dies ist jedoch darum nicht der Fall, weil sie das letztere Wort vielleicht schon hundert Mal gesehen und es als ein Ganzes aufgefaßt haben, während sie jenes Wort erst mühsam aus seinen Lauten aufbauen müssen. Während nun das Kind oft spielend sich den erforderlichen deutschen Wortbilderschatz erwirbt, fließen ihm die hebräischen Wortbilder nur spärlich und in unzureichendem Maaße zu, wodurch die Erreichung unseres Zieles zu weit hinausgeschoben wird. Es bringt es daher auch nur spät und nach langer Arbeit zur Lesefertigkeit. All' die Hülssmittel, kleine wie große, die dem Kinde die Erzielung einer Lesegewandthcit im Deutsch-Lesen so sehr erleichtern, fehlen dem jüdischen Kinde. Ja, es ist oft nur einzig und allein auf das angewiesen, was ihm die Religionsschule in der ihr so kurz bemessenen Zeit bieten kann. Und wie gering und unzureichend dieses Quantum ist, braucht nicht hervorgehoben zu werden, zumal wenn man in Erwägung zieht, daß die Schule im Elternhause in sehr vielen Fällen nicht die wirksame Stütze findet, und dem Kinde keinerlei Anregung wird. Das Gebetbuch, das sonst jedem Hausgenossen als ein Heiligthum galt, das man täglich oft gern und ihn ehrfurchtvoller Scheu zur Hand nahm, in dessen Inhalt nach des Tages Lasten man sich gerne vertiefte und mit dem man schon im frühesten, zartesten Alter das Kind bekannt machte, es ist wohl noch vorhanden, steht auch im Bücherschrank, steht daselbst aber oft monate-, ja jahrelang, ohne daß es berührt werde. Jene Zeiten sind leider dahin, da der Vater täglich das Kind anleitete, aus dem Gebctbuche zu lesen. * Was vor Zeiten das Elternhaus gethan, das ist jetzt Sache der Neligionsschule geworden; was einst die gern gethane Arbeit des Vaters gewesen, ist nunmehr die des Religionslehrers geworden, und er muß sich in erster Reihe i h r unterziehen, soll es ihm gelingen, auch nur annähernd seine ihm gewordene Hauptaufgabe zu lösen. ._ (Fortsetzung folgt.) Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg, 31. Octvber. Unser sehr geschätzter Freund, Herr Oberstabsarzt Or. Rosenthal von hier, schreibt unS heute: „Geehrter Herr vr.! Ich übersende Ihnen das Doppelheft VIII und IX Jahrg. V des Centralblattes für öffeutliche Gesundheitspflege, welches auf S. 322 einen sehr bemerkenswerthe« Bericht über einen auf der 17. Versammlung der deutschen, augenärztlichen Gesellschaft (z» Heidelberg am 15. und 16. September v. I.) gehaltenen Vortrag des Amsterdamer namhaften Prof. G uering enthält, der wahrhaft haarsträubende Schilderungen über die Verbreitung der ägyptischen Augenentzündung unter der niederen jüdischen Bevölkerung Amsterdam's und zugleich, wenn!es anders richtig gezeichnet ist, ein sehr düsteres Bild von der Unreinlichkeit, dem Elend, der körperlichen wie geistigen (auch religiösen und moralischen) Verkommenheit dieser Bevölkerung liefern würde. Es wird Ihnen, vielleicht aus eigener Wissenschaft oder durch authentische Berichte von dort möglich sein, sestzustellen, ob und in wie weit die Mittheiluugen Guerings, die auch schon in der Versammlung Anfechtungen erfuhren, übertrieben sind. Jedenfalls ist der Artikel wohl der Beachtung und event. Richtigstellung werth und deshalb schicke ich Ihnen das Heft rc. rc.". Wir entnehmen dem freundlichst übersandten Hefte folgende statistische Angaben des Herrn P os. Guering: „In meiner Privatklinik wurden neben 3,5 pCt. Christen 44 pCt. Juden an Trachom (sog. ägyptische Augenentzündunq) behandelt; in der städtischen Poliklink neben 4.5 pCt. Christen 70 pCt. Juden. In den rein christlichen städtischen Armenschulen fanden sich 0.8 pCt. Trachomleidende; in den gemischt besuchten städtischen Armenschulen 1,6 pCt, Trachomleidende der christlichen Schüler und 40 pCt. der jüdischen. In den gemischt besuchten städtischen Zwischenschulen 0,8 pCt. Trachom christlicher, 15 pCt. jüdischer Schüler. In der consessionellen israelitischen Bewahr-Schule 76 pCt., in der Talmud-Thora - Schule 53,2 pCt., in der jüdischen Zwischenschule 13,4, in der jüdischen Bürgerschule 0,9 pCt. Dachom. Die jüdische Bewahrschule wird von Kindern im Alter von 2—6 Jahren besucht. Damit ist die bisherige Anschauung widerlegt, daß das Trachom durchschnittlich seltener bei Kindern als bei Erwachsenen (nach Schweigger) vorkomme. Während bei den Männern überhaupt die Durchschnittsziffer 39.5 pCt. beträgt, ist diejenige der Kinder bis zu 12 Jahren 49.6 pCt. Von da au nimmt sie bis zum 20. Jahre ab und hebt sich nur wieder bis 36,6 pCt. In den Bewahr- Plätzen finden Kinder unter 2 Jahren Aufnahme. Diese stehen zwar unter polizeilicher Aufsicht, was aber nicht verhindert, daß z. B. in einem solchm Raume, wo nur 17 Kinder zugelassen werden dürfen, an einem gewissen Tage 73 anwesend waren. Die Vorsteherinnen dieser Privatanstalten sind meistens Frauen, die auf keine andere Weise die Kost zu verdienen im Stande sind und die öfters selber an ansteckenden Bindehaut-Erkrankungen leiden; daß in diesen Anstalten die Zahl der Trachome eine noch größere sein wird, läßt sich vermuthen. Außer Unsauberkeit und Uebervölkerung der Wohnungen sieht G. ein wichtiges, ätiologischer Moment in Folgendem: Die verheiratheten Frauen nehmen nach jeder Menstruation ein Reinigungsbad. Diese Bäder stehen unter rabbiualer Aufsicht und werden in der Synagoge in annexen Räumen gegeben. Weiter müssen diese Bäder nach Sonnenuntergang gcnoinmen werden. Da nun an einem Abende mitu»ter bis 40 Bäder gegeben werden und die Zahl der Wannen eine sehr beschränkle ist, so ist es unmöglich, jede Frau mit reinem Badewasser zu versehen. In Folge dessen wird dasselbe Badewasser von verschiedenen Frauen benutzt. Dieses gilb namentlich für die Armen, weiche die Bäder unentgeltlich bekommen. Da nun genorrhoisehe und andere ansteckende Genital - erkrankuiigen unter den armen Israeliten, wenn auch vielleicht nicht mehr als unter dem übrigen Theil den ärmeren Bevölkerung, sowohl bei den Männern als bei den Frauen sehr verbreitet sind, so muß durch diese Unsitte das Entstehen von blennorrhoischcn Bindehauterkrankungen nothwendig gefördert werden, zumal wenn man berücksichtigt, daß bei den Bädern nach ritueller Vorschrift der Kopf untergetancht werden muß; und zwar nicht so sehr durch das Badewasser,

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