Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 43-44 (28.10.1886)
- Date
- 1886-10-28
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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zu wollen, würde uns schon, die wir gereift und erfahren, ein mehr oder minder schärferes Auffassungsvermögen besitzen und mit Lust und Eifer an eine solche Arbeit gehen, die Ueberzeugung von der so außerordentlich großen Schwierigkeit eines solchen Unternehmens werden. Um wie viel mehr muß dem zarten Kinde, an das auch zugleich die anderen Schulen, so viele, mannigfache und sich noch immer steigernden Anforderungen stellen, und das gewöhnlich ermattet, abgespanilt und zudem von dem drückenden Bewußtsein erfüllt, der wenigen ihm gewährten Erholungszcit beraubt zu sein, unsere Schule mit einiger Unlust betritt, die Erlernung der hebräischen Sprache überhaupt die größten Schwierigkeiten bieten! (Fortsetzung folgt.) Berichte und Eorresponäeuzen. Schweiz. Mern. Die Professoren Alfred Guillebau und Ernst Heß an der hiesigen Thierarzneischule bekämpfen in einem Artikel des „Schweizer Archivs für Thierheilkunde" die Eingabe des schweizerischen Thierschutzvereins, worin derselbe vom Bundesrathe das Verbot des jüdischen Schächten s verlangt. Die Professoren machen auf Art. 10 des „Bundesgesetzes über polizeiliche Maßregeln gegen Viehseuchen" vom 8. Februar 1872 aufmerksam. Derselbe verlangt: „In den Metzgereien ist eine sanitärische Kontrole des Schlachtviehs einzuführen." Dieser Artikel ist bis jetzt nicht allgemein zur Ausführung gekommen, da die Fleischschau noch ganz Sache der Kantone geblieben ist. Es heißt dann weiter: „Es cxistiren zur Zeit weder eidgenössische Vorschriften über das Schlachten von Vieh und über die Fleischbeschau, noch solche über Thierschutz, so daß dieses Gesuch sich auf keinen ernzigen Gesetzesparagraphen stützen kann. Merk» würdiger Weise wird in dem Gesuche noch verlangt, es möchten die Schlachtungen in den öffentlichen Schlachthäusern und den Privatschlächtereien durch Schlag oder Schuß geschehen. Es wird diese dem engen Horizonte der Thierschutzvereine entsprungene Forderung durch die Thatsache illustrirt, daß in den bedeutendsten Schlachtanstalten des Kontinents, wie in denen von Paris, Brüssel, Amsterdam, Berlin, Dresden, München und Wien, also in wohl beaufsichtigten Etabliffementen, nirgends die Thiere weder durch die Stiftnoch durch die Schußmaske gctödtet werden; überall wird die Betäubung der Schlachtthiere mittelst eines Schlages auf das Schädeldach hervorgerufen. Von allen Schweizer Städten machen einzig Basel und Bern von diesem bis jetzt bewährtesten Verfahren eine Ausnahme, indem in Basel di« Tödtung der Schlachtthiere mittelst der Schußmaske und in Bern mittelst der Stiftmaske stattfindet. „Es geht aus dem Gesagten zur Evidenz hervor, daß, so lange die Ansichten über die Vorzüge der verschiedenen Schlachtverfahren in Wirklichkeit noch so stark differiren, an die Einführung einer einheitlichen Tödtungsart gar nicht gedacht werden kann. Es wird unstreitig das jüdische Schächten wegen des raschen Verblutens des Thieces und wegen der damit in Verbindung stehenden sehr guten Fleischqualität eine bevorzugte Stellung unter den sämmtlichen Schlachtmethoden einnehmen." Rußland. Kurek, 5. Oktober. (Or.-Corr.) Bekanntlich hat man in Deutschland die falsche Meinung verbreitet, daß die russischen und polnischen Juden zu den drückenden Ausnahmegesetzen Veranlassung geben; deutsche Reisende, wie z. B.: Kohl haben durch ihre gehässigen Berichte diese Meinung verstärkt. Wie wir hier beweisen wollen, beruht diese falsch ausgesprochene Meinung auf Unwissenheit oder vielmehr Gehässigkeit gegen die Juden. Das Pharaonische „Nicolaus'sche Princip" der Russifizirung, die freilich mit dem Uebertrltt zur griechisch(-russisch)-orthodoxen Kirche identisch ist, beherrscht auch das jetzige Regierungssystem; und wo das Prinzip der Gleichberechtigung nicht verwirklicht ist, ist selbstverständlich kein Theil der Bevölkerung vor Benachtheiligung aus nationalen und confessionellen Gründen sicher. Nachdem die Juden in Rußland so oft und so schwer hierunter zu leiden hatten und noch haben, kommen jetzt auch die Lutheraner, — und hier hält man jeden Deutschen für einen solchen, — sowie die übrigen Ausländer und die Polen an die Reihe, um sie aus allen Zweigen der Verwaltung und des öffentlichen Lebens auszuscheiden. Man will die irgend bedeutenden Staatsposten nur noch von russischen Christen besetzt sein lassen; die deutschen, die ausländischen, die polnischen sowie die jüdischen Beamten werden entlassen. So werden alle Angehörigen anderer Coufessionen u. Länder, die bei den im Innern des Reiches befindlichen Eisenbahnen, besonders an der Westgrenze, angestellt sind, entfernt und die Stellen von mm ab nur mit „Russen" besetzt. Gleiches geschah in der Agrarbank und Taxationscommission zu Kiew und in mehreren anderen Städten. Noch mehr, als dem neuen Justizminister Manassein die Beamten seines Ressorts vorgestellt wurden und er darunter einen „deutschen" Namen hörte, gab er dem Inhaber desselben sofort die Ordre, seine Entlassung einzureichen. Dies ist ein Beispiel für viele. Der einflußreiche Generalprocurator der hl. Synode Pobedonoszow hat diesen Gedanken offen ausgesprochen, daß man den russischen Volkscharaktec mit Hilfe einer kräftigen Intoleranz durchsetzen müsse. — Hdeffa. Wie bekannt, hat die Handwerker-Uprawa von Odessa in letzter Zeit von ihrem Rechte, den ausländischen Juden das Handwerk zu verbieten, in rücksichtsloser Weise Gebrauch gemacht. Da hierbei eine große Anzahl solcher Familien betroffen wurde, welche bereits jahrelang in Odessa leben und sich in reeller Weise ihr Brot verdienten, so begab sich dieser Tnge eine Deputation von solchen Handwerkern zu dem Stadt-Gouverneur, Contre-Admiral Selenoi, dem sie ihre bedrohte Lage auseinandersetzten, was nach der „Frkf. Ztg." zur folge hatte, daß die Handwerker-Uprawa vom Stadt-Gouverneur den Befehl erhielt, alle Verfolgungen und Schließungen von Werkstätten der ausländischen Juden bis auf weiteres einzustellen. Vermischte und neueste Nachrichten. Merlin, 24. Oktober. (Or. - Corr.) Berlins neueste Spezialität ist der „gute Jüd", der jetzt vor seinen Getreuen seine staunenswerthen Leistungen producirt. Dem „guten Jud" sieht man's auf den ersten Blick an. daß er nicht vom „Fasten so feist" geworden. Denn obwohl ihn ein Brustleiden das wärmere Klima auszusuchen zwinaen soll, so bietet er das Bild eines Recken dar, der von riesiger Gesundheit strotzt. Eher wird mau sich einem russischen Kosacken gegenüber vermuthen, als einem galizischen Wundermann, wenn die langen, künstlich gedrehten Locken mit wundersam sprühenden Augen sammt seinem Atlasrock nicht auf das wirkliche Gewerbe dieses Herrn hinwiesen. Selbstverständlich fehlt ihm nach Gepflogenheit solcher Gottesmännec jener Hausmarschall, Gabbai genannt, nicht, jener dienstbare Geist, der zwischen diesem Heiligen und der unheiligen Masse die Vermittelung herstellt. Ec soll Gift und Galle aus dieses unwürdige Berlin speien und es — mit Ausnahme seines „eitlen Geldes" — in Acht und „Cherem" legen. Es fehlt ihm auch hier nicht an Getreuen. Galiziern, die seine Heiligkeit zu schätzen wissen nnd ihn mit allem Bedarf versehen. Der heilige Manu hat es nicht verschmäht, im hiesigen Babel die hochheiligen Feste zuzubringen, was selbst seine ergebensten Anhänger ihm glauben verargen zu müssen. In der Chassidimsynagoge hat er vorgebetet. Jndeß würde man sich einer gewaltigen Täuschung hingeben, wollte man meinen, seine Verehrer rekrutirten sich blos aus galizischen Schneidern und Schustern. Auch Herr Dr. Hildesheimer glaubte einer Audienz bei ihm nicht entrathen zu können.