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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-10-28 · N° 43-44 (28.10.1886) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 43-44 (28.10.1886)
Date
1886-10-28
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Wochenschrift Isr euaae Der Unterricht im Hebräisch-Lesen. Ein Beitrag zur „Methodik der jüd. Religionsschule". Von Js. Herzberg, Lehrer der hebr. Sprache an der Gemeindereligionsschule zu Jnowrazlaw. Die Hauptaufgabe, welche die Gegenwart unserer Religionsschule zuweist, ist, der Jugend unseres Volkes die Kenntniß und das Verstäudniß der vornehmsten Quelle unserer Religionswahrheiten und -Gesetze zu ermitteln, und sie zu befähigen, am Gottesdienste in herkömmlicher Weise theilzunehmen. Bei der Lösung dieser Hauptaufgabe haben wir vor Allem auf zwei Gegenstände unser besonderes Augenmerk zu lenken, es sind dies: Bibel und Gebetbuch. Mit diesen hat unsere Religionsschule sich eingehend zu beschäftigen; sie soll das Kind in der heiligen Ursprache verstehen lernen. Das ist das Endziel, dessen Erreichung wir fordern müssen, und dieses anstrebcn zu können, ist es naturgemäß erforderlich, daß das Kind, bevor es in das Verstäudniß unserer heiligen Urkunde, der Bibel, und des Gebetbuches eingeführt werden kann, befähigt werde, diese fertig richtig lesen zu können. Bevor die Religiousschule an die Lösung der oben genannten Hauptaufgabe tritt, hat sie sich also einer aus dieser sich ergebenden Vorarbeit unbedingt zu unterziehen, und diese Vorarbeit ist der Unterricht im „Hebräisch- Lesen". Der Unterricht im Hebräisch-Lesen ist somit nur Mittel zum Zweck; er ist eigentlich nur eine Vorbereitung auf jenen Moment, da dem Kinde zum ersten Male ein Einblick in unsere heiligen Glaubenfchätze, als da sind: Bibel und Gebetbuch, gewährt werden soll, um nach und nach befähigt zu werden, einerseits aus den Glaubensqucllcn die labenden und erquickenden Heilswahrheiteu schöpfen, andererseits am öffentlichen Gottesdienste in fruchtbarer Weise selbstständig theilnehmen zu können. Es ist für das Kind sowohl, als auch für die Schule überhaupt von hoher Wichtigkeit, daß jener Moment früh eintrete, denn der zu berücksichtigende Stoff ist ein zu umfangreicher, und die uns zur Verfügung gestellte Zeit eine zu spärliche, als daß wir ihn nicht möglichst bald herbeiwünschen sollten. Er sollte jedoch nicht eher eintreten, als bis das Kind eine vollständige Fertigkeit im Hebräisch-Lesen erlangt hat. Dann erst können wir mit Aussicht auf Erfolg an die Lösung der uns gestellten Hauptaufgabe gehen; dann wird der weitere Unterricht dem Kinde Interesse bieten und srucht- und segenbringend sein. So lange das zu verwerthende Mittel jedoch schwer oder gar nicht verwendbar ist, weil unzureichend, wird der Zweck nicht erreicht werden. Werfen wir nun aber einmal einen Blick aus die Religionsschule der Gegenwart, und fragen wir uns, ob wir stets dieser, gewiß nicht unberechtigten Anforderung gerecht zu werden im Stande sind, ob wir, wenn wir oft nur aus Rücksicht auf das bereits vorgeschrittene Alter gezwungen sind, dem Kinde das Gebetbuch und namentlich die Bibel in die Hand zu geben, den Unterricht im Hebräisch-Lesen völlig beseitigen zu können? Ich glaube, in sehr wenigen Fällen. Ist es doch Thatsache, daß mancher Knabe an die Bar-Mizwah herantritt, ohne Geläufigkeit im Hebr.-Lesen zu besitzen. Während jeder gewöhnliche Dvrfknabe seine Psalmen und Gesänge, die er in seiner Kirche zu Ehre und Preis seines Gottes singt, auswendig hersagt, ist oft unser Knabe, der Sprößling des gepriesenen Religivnsvolkes, kaum im Staude, seine Gebete aus dem Gebetbuche geläufig zu lesen!! Es ist dieses, gestehen wir cs uns offen, eine für uns höchst beschämende Thatsache, eine gefährliche Krankheit, au der die Gegenwart und speziell das Religionsschulwesen laborirt, und die, so sie wächst und weiter um sich greift, im Stande ist, schließlich das jüdisch-religiöse Leben sehr zu gefährden. Wo aber, fragen wir, haben wir den Herd dieser Krankheit zu suchen, was ist ihre Entstehnngsursache und warum kämpfen wir so oft vergebens dagegen an und wird unsere ganze Kunst zu Schanden? Warum vermögen wir in der Religionsschule das Ziel, dessen Erstrebung doch eigentlich nur als die Erfüllung etner Vorbedingung angesehen werden kann und darf, nicht nur nicht zur erforderlichen Zeit, sondern in sehr vielen Fällen überhaupt nicht während der ganzen Schulzeit zu erreichen? Es bieten sich dem Lehrer, wie dem Kinde beim Unterrichte im Hebräisch-Lesen gar viele Schwierigkeiten dar. Da ist vor allem die althergebrachte, aber heute ganz veraltete Lehrweise, die in den meisten Fällen noch Anwendung findet. Das Ziel des Unterrichts im Hebräisch-Lesen kann, wie wiederholt augedeutet, nur sein, das Kind zu befähigen, ein Lesestück mechanisch-fertig lesen zu können. Es soll die Gewandtheit erlangen, die geschriebenen, resp. gedruckten, hebräischen Buchstaben mit der erforderlichen Geschwindigkeit zu erkennen, richtig rein und deutlich zu sprechen und zu Silben und Wörtern zu verbinden. Da nun aber das Erlernen des Hebräisch-Lesens eine rein mechanische Arbeit, ein Aueignen einer bewußtlosen Fertigkeit ist, so giebt es nichts Geisttödteuderes, als eine Lesestunde bei der heute noch herrschenden, alten Lehrweise. Der erste Schüler beginnt, liest ein Wort, einen Satz eintönig und ohne Verstäudniß her. Und so geht es fort bis zum letzten. Höchstens wird dieser Mechanismus dadurch unterbrochen, daß der Lehrer sein „Halt!" oder „Falsch!" hineinschreit, oder mit Strafen entschreitet. Ein anderer Fehler, der ganz besonders hervorgehoben zu werden verdient, ist, daß man der ganz irrigen Meinung ist, der Schüler lerne am besten und schnellsten fertig lesen, wenn er nur recht viel lese, und befördert hierdurch das Schnelllesen, welches die Quelle alles Schlechtlesens ist. Die ganze Thütigkeit des Lehrers wird aber oft erschwert und sogar ganz nutzlos gemacht durch das hastige Drängen und Treiben nach einem Resultat. Ein solches soll bei der kurzen Zeit dennoch schnell erzielt werden, man möchte gar bald zeigen, daß man auch etwas gethan hat. Die Lesefertigkeit läßt sich jedoch nicht erzwingen, sie ist als eine Frucht zu betrachten, die uns als Lohn einer langen, schweren und geduldigen Arbeit geboten wird. Zu früh gepflückte Früchte aber verderben, werden welk; sic sind unverwerthbar. Zumeist aber vermögen wir den Zeitpunkt nicht von selbst kommen zu lassen. Die Früchte entwickeln sich nicht, bleiben unreif und werden in verkümmerter Gestalt von uns verwerthet. Auch der Stoff an sich bietet dem Kinde der Schwierigkeiten gar viele dar. Da ist zunächst die Erlernung der hebräischen, fremdartigen Schriftzeichen, die einander oft so sehr ähnlich sind, und die von dem unerfahrenen und ungeübten Kinde allzu leicht, besonders bei schlechtem, incorrectem Druck, mit einander verwechselt werden können. Ich weise nur hin aus die einander so ähnlichen Buchstaben 2 und D ,2 und 2, 2 und X 1 und 1, und 1, N und N, 2 und 2, so daß das Kind so sehr oft statt Din (Chuß) -- DTI (Chum), oder gar 2n (Hum) liest ic. Jeder erfahrene Lehrer wird diese Schwierigkeit zu würdigen wissen, die zu beseitigen viele Mühe, große Geduld erforderlich ist. Versetzen wir uns doch kinmal in die Lage des Kindes, dem zum ersteumale die hebräischen Schriftzeichen vorgeführt werden. Ist es nicht, als würde uns heute ein Buch mit Hieroglyphen oder Keilinschriften vorgelegt, die uns völlig fremd erscheinen, und die wir nun lesen lernen wollten. Bei denr ersten Versuche, solche fremdartige Schriftzeichen und -Bilder lesen lenieii m.

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