Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 43-44 (28.10.1886)
- Date
- 1886-10-28
- Page
- Seite 354 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 354 — l>er „Magd. Zeit." schreibt: „Wir sahen ihn zuletzt in einem Prozeß mit dem nahezu erblindeten Herrn v. Bleichröder als Zeugen erscheinen und wie er genöthigt war, dicht an den "Tisch der Richter heranzutreten, um vermittelst eines Hörrohrs die Fragen aufzufangen. Beide Millionäre erfüllten Alle mit tiefem Mitleid." — Arme, arme Millionäre! Araukfurt a. W, 24. October. Der seit Kurzem rmeritirte Emser Bezirksrabbiner Herr Dr. Hochstädter erhielt von der Königl. Staatsregierung das nachfolgende höchst ehrenvolle und wohlverdiente Dank- und Anerkennungsschreiben: „Wiesbaden, den 4. October 1886. Euer Wohlgeboren haben Sich in Folge Ihres hohen Alters veranlaßt gesunden, aus Ihrem Amte als Bezirksrabbiner des Rabbinatsbezirkes Ems auszuscheiden. Beinahe 50 Jahre haben Euer Wohlgeboren im Interesse der Israeliten des mir unterstellten Verwaltungsbezirkes gewirkt, und nachdem Sie zunächst längere Jahre als Religionslehrer und Prediger der Cultusgemeinden in Heddernheim und Langenschwalbach thätig waren, noch 35 Jahre lang das Amt eines Bezirksrabbiners bekleidet. Ich darf Ihr Ausscheiden aus dem Dienste nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen Namens der Königlichen Staatsregierung besonderen Dank und Anerkennung für Ihre segensreiche Wirksamkeit auszusprechen. Der Königliche Regierungs-Präsident. An v. Wurmb. den Bczirksrabbiner a. D. Herrn Dr. Hochstädter rc.". Wiesbaden, im October. (Or.-Corr.) In einer Lehrer- Conferenz der hiesigen Oberrealschule, der, neben den an der Schule unterrichtenden christlichen Geistlichen, auch der in den höheren Klassen den Religions-Unterricht ertheilende Herr Rabbiner Dr. Sil berstein anwohnte, stellte der neu angestellte Director den Antrag aus Einrichtung einer durch ihn jedesmal bei Beginn dcr Woche abzuhaltenden Morgenandacht für die die überwiegende Mehrzahl bildenden evangelischen Schüler. Im Laufe der sich hierüber entspinnenden Debatte erklärte Herr Dr. Silberstein, daß er dem Gedanken sehr sympathisch gegenüberstehe, selbstverständlich jedoch nur dann, wenn die Feier, wie dies für eine Schulfeier auch allein nur angemessen sei, einen allgemeinen menschlichen Character erhalte, der allen Schülern die Theilnahme gestatte. Im andern Falle müsse eine solche Andacht in den von der Theilnahme ausgeschlossenen Schülern ein deprimirendes Gefühl erwecken und eine Scheidewand aufrichten, von der man bis dahin in der Anstalt nichts gewußt. Befänden wir uns doch überdies hier (in Nassau) auf dem elastischen Boden der Simultanschule, dem solche Hervorkehrung des Confessionalismus wenig anstehe. Auf die Bemerkung des Directors, daß die Religionsunterschiede ja auch sonst in der Schule hervortreten, replicirte Dr. S., daß dies doch wohl ausschließlich nur beim Religionsunterrichte der Fall sein könne, diese itio in partes aber, da den israelitischen Schülern in der Anstalt gleichfalls Religionsunterricht ertheilt werde, keineswegs drückend empfunden werden könne. Es war nun erfreulich, wahrzunehmen, wie bei der sich weiter entwickelnden Debatte mehrere Cpnferenzmitglieder sich entschieden auf die Seite des jüdischen Geistlichen stellten und noch manch schlagendes Argument zur Vertheidignng dessen Standpunktes geltend machten. Bei der Abstimmung fiel der Antrag des Directors fast einstimmig unter der ausdrücklichen Motivirung, daß eine religiöse Feier an der Schule allein nur einen interconfessionellen Charakter tragen dürfe. So feiert, trotz aller antisemitischen Störungen, die Gerechtigkeit doch noch ihre Triumphe. Recht bleibt doch Recht, wenn nur das Recht immer auch einen warmen Bertheidiger findet. *) Wir haben in Thorn (1862—1867) an der höheren Töchterschule unter der Dircction des Or. A. Pr owe ebenfalls den täglichen Unterricht mit solchen interconfessionellen Morgenandachten abwechselnd mit protestantischen und katholischen Geistlichen eröffnet; cs wurden geeignete Psalmen dazu anserwählt. (Red.) Oesterreich-Ungarn. Areßvurg, 18. Oktober. (Ein Vereins-Jubiläum.) Der Verein zur Unterstützung mittelloser isr. Studirender in Wien giebt soeben seinen 25. Jahresbericht aus, und würde demselben auch nicht das ausführliche, trefflich geschriebene Vorwort "vorangehen, welches das Entstehen und Werden des Vereins, sowie sein Wirken während dieses Vierteljahrhunderts schildert, so sprechen die Zahlen, die darin Vorkommen, beredt, genug , um zu überzeugen, daß der Verein ein wahres Bedürfniß, seine Wirksamkeit eine überaus verdienstvolle und weit ausgedehnte, und seiner Zukunft ein kräftiges Blühen und Gedeihen zu wüuscheu ist. Es ist die schönste Jubelfeier des Vereins, daß er von sich sagen kann, er habe seit seine m Bestand 5109 Hochschüler (an der Universität, für Technik oder für Bodenkultur) mit fl. 72,173 zu Collegien-Geldern, Rigorosen und Promotionen unterstützt, und daß unter den Subventionirten außer Inländern sich auch noch Bedürftige aus Nord-Amerika, Preußen, Rußland, Rumänien rc. befinden. Es dürfte interessiren, zu wissen, welchen Studien die Unterstützten oblagen. Dies ergiebt sich aus folgender Uebersicht: 1. Hörer der Philosophie, wobei bemerkt werden muß, daß diese in den ersten Jahren ausschließlich Rabbinats- Eaudidaten waren. In diese Rubrik wurden auch die Candidaten für das Lehramt an Mittelschulen ausgenommen: 3,. 8. 10. 6, 1, 12, 20, 14, 5, 6. 4, 6, 2, 10. 9, 8. 14, 19, 15, 26, 12, 11, 10, 4, 8. In Summa 243. (Die angegebenen Zahlen sind nach den Jahren von 1861 bis 1866 geordnet.) 2. Studireude der Medizin: 40, 69, 101, 103, 100 118, 142, 108. 142, 130, 136, 150, 139, 134, 98. 95 106, 81. 81, 92. 115, 145, 198, 165, 231, Summa 3009. 3. Pharmaceuten 1864/5: 2, dann seit 1880/1: 3, 7, 7, 1. Summa 20. 4. Veterinäre seit 1880/1: 1, 3, 7, 13, 17. 22 Summa 63. 5. Hörer der Rechte: 3, 12, 20, 5, 15, 10, 18, 27, 19. 29, 24, 21, 49, 60, 45, 65, 87, 67, 64, 62, 67, 61, 57, 67, 50. Summa 994. 6. Hörer der Hochschule für Bodencultur seit 1879/80: 2, 6, 3, 5, 3. Summa 19. Während dieser 25 Jahre wurden auch 5 Schüler der Akademie der bildenden Künste unterstützt. Die Gesammtsumme der Betheiligten beträgt 5109. In dem letzten Schuljahre hat die Vereinskasse bereits einen Rückgang erlitten und doch haben in demselben 337 Hörer Beitrüge in der Höhe von fl. 3804 erhalten. Freilich war die Zahl der Petenten 513, allein der finanzielle Stand der Kasse gestattete nicht, daß alle Gesuche berücksichtigt wurden, und dies möge jedem Leser ein Sporn sein, dem humanen Verein seine vollste Theilnahme zuzuwenden, damit er den sich immer mehr steigernden Anforderungen genügen könne. Der gegenwärtige Vorstand besteht aus den Herren: Dr. A. Jellinek, Michael Biach, Dr. S. Fürth, Heinr. Freih. v. KönigSwarter. Dr. Emanuel Schiffmann, Friedrich Singer, Dr. G. Wolf. Der letztere entfaltet als Schriftführer, wie ich weiß, für den Verein und für die armen Studenten eine besonders liebenswürdige Thätigkeit. Ist ja der Verein nahezu seine eigene Schöpfung und auf seine Initiative ins Leben gerufen worden, nachdem er im Jahre 1861 in einem Filialbethause eine Neujahrspredigt hielt, in welcher er auf das Studentenelend hingewiesen und durch welche er sofort mächtige Förderer seiner Idee in den Herren Mannheimer, Horwitz, Biach, Goldschmidt und Königswarter gefunden hatte. Möge der Verein noch lange und mit erhöhten Mitteln wohlthütig wirken, daß sein zweites Jubiläum ein wirklich „goldenes" sei. _ D. Wrag. Eine Synagoge mit lschechlscher Gebctsprache ist das Neueste der Saison. Dem „Ner tamid"-Verein gebührt die Ehre, die Ehre Israels vor der tschechischen Nation