Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 43-44 (28.10.1886)
- Date
- 1886-10-28
- Page
- Seite 353 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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was sich hinter den Kolonisations- und Ackerbaubeförderungsplänen in Palästina für Zukunftsideale verbergen: Unter der Führung „Serubabels" und „Esra's" auf nach Palästina! heißt die Losung! Und kannst du nicht selber mit, nun dann gieb nur dein Geld, es wird schon für dich gemacht. Danken wir nur Gott, daß uns die Zusicherung gegeben wird: „nicht mit Heeresmacht" wird hinaufmarschirt, sondern ohne Schwertstreich soll Palästina genommen werden — darum: „lieb Vaterland kannst ruhig sein!" Areskau, 20 Oktober. Gestern Abend verstarb hier nach kurzem Krankenlager in seinem 75. Lebensjahre der Geh. Kommerzienrath I. Friedenthal. Mit ihm ist der Senior des hiesigen Großkaufmannsstandes dahingegangen. Durch Fleiß, Tüchtigkeit und Intelligenz war er zu den bedeutendsten Stellungen eines Großindustriellen emporgestiegen. Das von ihm im Jahre 1831 begründete Handlungshaus, das unter der Firma Gebr. Friedenthal weit über Schlesien hinaus bekannt ist, wußte er im Laufe der Zeit zu einem der ersten Geschäfte der Branche zu erheben. Er war u. A. Vorsitzender des Aufsichtsraths der Oberschlesischen Eisenbahn, sowie seit Begründung der Gesellschaft Vorsitzender des Aufsichtsraths der Aktiengesellschaft für schlesische Leinenindustrie „Kramsta". Sein Einfluß auf die Entwickelung verschiedener heimischer Industrien war ein nachhaltiger, die schlesische Textilindustrie verdankte ihm eine ganz besondere Förderung. Als Mitglied des Aufsichtsraths der Schlesischen Feuer- und Lebensversicherungs-Gesellschaft ist er für die Interessen derselben stets mit großem Eifer bemüht gewesen. In der ehrenvollen Stellung eines Präsidenten der Handelskammer, welche der Dahingeschiedene beinahe zwei Jahrzehnte hindurch bekleidete, hat er den von Jahr zu Jahr sich steigernden Bedürfnissen des Handels und Verkehrs allezeit Rechnung zu tragen und dieser Körperschaft den Einfluß zu sichern gewußt, der ihr nach jeder Richtung hin zukommt. Den öffentlichen Angelegenheiten widmete Geh. Kommerzienrath Friedenthal einen hervorragenden Theil seiner Arbeitskraft. Der Stadtverordneten - Versammlung gehörte er vom Jahre 1855 ab ununterbrochen bis zum Jahre 1866 an. in welchem er zum Stadtrath gewählt wurde. Als solcher hat er im Magistrat bis zum Jahre 1878 mit großer Hingabe zum Besten der Kommune gewirkt; ein großes Verdienst hat er sich durch die vortreffliche Leitung der städtischen Bank erworben. Seinen regen Wohlthätigkeitssinn bethätigte der Dahingeschiedene als Vorstandsmitglied resp. Mitglied zahlreicher gemeinnütziger Anstalten und Vereine. Als Vorsteher der hiesigen israelitischen Gemeinde hat er sich besonders durch seine erfolgreiche und energische Initiative beim Bau der neuen Synagoge ein dauerndes Denkmal gesetzt. ZLreska«, 24. October. Das Leichenbegängniß des Geh. Commerzienraths Friedenthal, fand vorgestern, am Simchas-Thora-Feste, Nachmittag unter der Theilnahme einer trotz des herniederrieselnden Regens und unfreundlichen Herbstwindes überaus zahlreichen Trauerversammlung statt, welche in ihrer Gesammtheit eine imponirende Kundgebung dafür war, daß das einflußreiche und segensvolle Wirken des Dahingeschiedenen in vielen Herzen eine dankbare und pietätvolle Erinnerung hinterlassen werde. Der Sarg des Entschlafenen war in der großen schwarz drapirten, mit exotischen Gewächsen reichgeschmückten Leichenhalle des israelitischen Friedhofes auf einem Katafalk aufgebahrt und war mit zahllosen Palmen und Kränzen und mit Widmungen über und über bedeckt. In der Trauerversammlung bemerkten wir den Bürgermeister, mehrere Stadträthe, Deputirte der Stadtverordneten-Bersammlung, den Eisenbahn-Directions-Präsidenten Kran old, der Geh. Regierungs- und Baurath Grotefend, die Mitglieder der Breslauer Handelskammer unter Führung des Vice-Präsidenten derselben, des Commerzienraths Molin a r i, den Syndicus der Handelskammer, den General- Director der Schlesischen Leinen-Jndustrie-Actiengesellschaft, der Generaldirector der Schlesischen Feuerversicherungs- und den der Schlesischen Lebensversicherungsgesellschaft, und viele Chefs von Handlungshäusern und distinguirte Angehörige der Kaufmannschaft. In dem an die Leichenhalle stoßenden Zimmer nahmen die Angehörigen und Verwandten des Verstorbenen die Condolenzbezeugungen entgegen. Um 3 Uhr betraten dieselben, geführt von dem Rabbiner vr. I o e t und den DDr. Fränkel und Knoller. sowie den Vorstehern der Synagogengemeinde, die Halle. Der Gemeindechor stimmte unter Leitung des Herrn Cantor Deutsch einen Trauergesang in hebräischer Sprache an. Hierauf hielt Rabbiner vr. Joöl die Leichenrede, in welcher er mit der ihm eigenen eindringlichen und ergreifenden Beredsamkeit des auf so vielen Gebieten des öffentlichen Lebens bewährten, thatkräftigen Wirkens des Dahingeschiedenen gedachte, sein reiches Gemüth, die Milde seiner Gesinnung pries und, wie dies natürlich war, in Worten des wärmsten Dankes an das erinnerte, was der Entschlafene in unausgesetzter Fürsorge für die Gemeinde 'gethan, an deren Spitze er seit langen Jahren zum Segen derselben gestanden. Durch den Tod ihres Vorstehers sei der Gemeinde der heutige jüdische Fejertag zu einem Tage schmerzlicher Trauer geworden. Nachdem vr. Joöl seine Ansprache beendigt und der Chor noch einige Psalmen gesungen hatte, setzte sich der von den Magistratsausreutern geleitete Leichenzug nach der Gruft zu in Bewegung. Den Geistlichen folgten der Vorstand und die Repräsentanten der Synagogengemeinde, der Vorstand der israelitischen Krankenverpflegungsanstalt, die Direction der Gesellschaft der Freunde, der Vorstand der Waisenanstalten, sowie die Vertreter einer großen Zahl von gemeinnützigen und Wohlthätigkeitsanstalten. Der Sarg wurde getragen von Verwandten und den nächsten Freunden des Dahingeschiedenen und an dem ihm von der dankbaren Gemeinde reservirten Ehrenplätze unter dem Gesänge des Liedes: „Unten ist Ruh" beigesetzt. Irankfurt a. M., 19. Oktober. Heute früh fand hier das Leichenbegängniß des Freiherrn Mayer Karl von Rothschild statt. Dem Leichenwagen, der mit Kränzen und Palmen reich verziert war, folgten viele Leidtragende und Equipagen. Direkt hinter dem Sarge schritten Freiherr Wilhelm Karl von Rothschild und die übrigen, zum Theil erst zum Begräbniß eingetroffenen Verwandten. Der Sarg wurde unter den üblichen Gebeten und Ceremonien dem Schooß der Erde übergeben. Reden wurden nicht gehalten. Das Judenthum hat nichts an ihm verloren. Ec war am 5. August 1820 hier geboren und mit seiner Cousine aus dem Londoner Hause vermählt, die ihm 6 Töchter gebar. Die erste derselben ist die Baronin Rathaniel von R. in London, die zweite und dritte, beide verwittwet, heiratheten Vettern in Paris, die vierte (katholisch getauft) ist die Fürstin Wagram, die fünfte (auch kath. get.) Herzogin von Guiche, jetzt Grammont, die sechste blieb unverheirathet. Vom König war er wiederholt ausgezeichnet worden. Nach der Bereinigung Frankfurts mit Preußen erhielt er einen Sitz im preußischen Herrenhause auf Grund königlicher Berufung; doch hat er hier nie das Wort ergriffen. Er gehörte auch keiner bestimmten politischen Partei an; im norddeutschen Reichstag saß er auf der vordersten Bank neben Gustav Freytag, und dies Nebeneinander der beiden Herren ließ die Frage aufwerfen, was es zu bedeuten hätte? „Nun, nichts Anderes," bemerkte scherzend Max Dunker, „als: „Soll und Haben!" Bei Hofe war er stets gern gesehen; so oft sich das Hoflager in Wiesbaden oder Ems befand, war er unter den Notabeln, die zur kaiserlichen Tafel geladen wurden. Der Kaiser hatte auch auf seinen Sarg einen Kranz legen lassen. Ein Gehörleiden erschwerte ihm den Verkehr mit der Außenwelt. In der letzten Zeit lebte er, fast vereinsamt, lediglich seinen großartigen und in vieler Beziehung einzig dastehenden Sammlungen von Kunstschützen, die einen Werth von vielen Millionen haben. Er soll ein Vermögen von 500 Millionen Mark zurückgelassen haben, das zum größten Theile dem Lord Rathaniel v. Rothschild zufallen wird. Der Corresp.