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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-10-28 · N° 43-44 (28.10.1886) · p. Seite 352

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 43-44 (28.10.1886)
Date
1886-10-28
Page
Seite 352 (sequence 4)
Language
German
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IE~ 1 ‘' * — 352 1' Der Nummer ist beigelegt ein Programm der „Deutschen Reformpartei" und ein Aufruf des Centralausschusses der Deutschen antisemitischen Vereinigung, unterzeichnet „Theodor Fritsch in Leipzig", und das Formular für eine Beitrittsliste. Die Artikel der Korrespondenz sind u. a. unterzeichnet von vr. König in Witten, einem Regierungsbauführer P. Willner in Berlin, einem Journalisten Heinrich Wartmann in Thorn, einem Pastor Baltzer in Kriegheide in Schlesien. Regierungsbaumeister Willner empfiehlt eine Agitation durch Verbreitung von Flugblättern, welche unter die Flurthüren zu schieben, in die an Wohnungen angebrachten Briefkasten zu stecken, in Pferde- und Eisenbahnwagen, Omnibus u. s. w. niederzulegen seien. In einem Artikel „Jsolirung" wird insbesondere die Ausschließung der Juden aus bürgerlichen Vereinen zur geselligen Unterhaltung empfohlen. Eventuell möge man sie mit kalter Höflichkeit behandeln, so daß sie sich immer mehr vereinzelt sähen, ihre Stellung als unhaltbar erkennen und austreten. „Zur Beschleunigung der Ausschließung der Semiten müssen von den aktiven Antisemiten eines jeden Ortes, mit Hilfe der Adreßbücher und auf Grund von Erkundigungen an zuverlässiger Stelle, genaue Verzeichnisse der Vollblut-Semiten, sowie der Semiten-Mischlinge, bei letzteren möglichst mit Angabe des Blutverwandtschaftsgrades angelegt werden." (Nun Wissen wir doch, wie's gemacht wird. Red.) N. Ztertin, im October. (Or.-Corr.) Sie haben, geehrter Herr Redacteur, in Ihrem gesch. Blatte wiederholt den richtigen Standpunkt angegeben, den wir Juden in Deutschland der palästinensischen Kolonisationsfrage gegenüber einzunehmen haben. Insoweit es sich darum handelt, den verfolgten Brüdern jener Länder, in welchen den Juden durch unmenschliche Behandlung die Existenz unmöglich gemacht wird, ein Heim zu schaffen, woselbst sie durch eigene Thätigkeil für sich und ihre Familie Obdach und eine Ernährungsstätte finden sollen, um ein menschenwürdiges Leben zu führen, da finden die dies bezweckenden Unternehmungen unsere Sympathien, ja da sind wir verpflichtet, dieselben in bestmöglicher Weise durch Rath und That zu unterstützen. Sobald aber mit diesen Unternehmungen spezifisch nationale Tendenzen, offen oder geheim, in Verbindung treten, sobald man damit die Absicht verknüpft, den Boden Palästina's allmählich durch Ankauf zu erwerben, um darauf so etwas, wie ein jüdisches Reich zu etabliren und den ehemaligen Cultus in seiner untergegangenen Herrlichkeit aufzurichten — mit den von den sel. Herren Hirsch Kali sch er und El. Guttmacher in ihren Schriften vor etwa 20 Jahren aufgestellten Zielen: Tempelaufbau und Thieropfergottesdienst — da heißt es, die Hand bei Zeiten davon fern halten und dergleichen schwärmerische, ja selbst vom orthodoxesten Standpunkte durchaus sträfliche Unternehmungen weit von sich weisen. Soweit ist die ganze Angelegenheit und der zu derselben einzunehmende Standpunkt für jeden vernünftig denkenden Israeliten klar und einleuchtend. Allein da gesellt sich zu dem Ganzen die Schlauheit hinzu: einige dieser Unternehmer stellen die Unterstützungsfrage in den Vordergrund und verheimlichen die damit verknüpften jüdischnationalen Bestrebungen, sie verlangen nur Beiträge zur Linderung der Noth unserer ausgewanderten Brüder in Palästina, zur Unterstützung der nur kümmerlich sich erhaltenden Kolonisten — und welches jüdische Herz ist für solche Bitten, zumal wenn sie mit den obligaten Reminscenzen an das heilige Land unserer Väter auftreten, nicht zugänglich und hätte nicht auch dafür ein Scherflein bereit. Allein hier beginnt die Gefahr für den Geber; — die Sammler, resp. die Männer, die an der Spitze des nationalen Unternehmens stehen, berechnen hiernach, wie tief bereits die jüdisch-nationale Idee im Herzen des „jüdischen Volkes" wurzele, und daß die Zeiten „Serubabels" und „Esra's" wiedergekehrt seien, da Israel aus dem Exil nach Palästina heimkehrte, zu Jerusalem den Tempel in größerer Pracht als zu Salomo's Zeiten aufbaute und den Opfercultus einführte. Die Leser dieses Blattes glauben wahrscheinlich, daß wir ihnen Phantome vorführen, sie schütteln lächelnd das Haupt, und meinen, daß es solche „sonderbare Schwärmerei" in Kulturländern doch sicherlich nicht gebe, höchstens in Rußland, in Rumänien, oder weit hinten in der Türkei. Weit gefehlt, mein lieber Leser, öffne nur deine Augen und sieh was hier in Berlin unter deinen Augen geschieht, und lies was hier in der Hauptstadt des deutschen Reiches, dem anzugehören du stolz bist, gedruckt wird, hier hast du den leibhaften „Serubabel" redivivus! Nr. 1 des unter diesem Namen hier redigirten Blattes, das zu Rosch haschono das Licht der Welt erblickte, enthüllt mit einer Naivetät und Offenheit, die nichts zu wünschen übrig lassen, die Pläne und Ziele dieser „Zionsfceunde". Da heißt es in dem phrasenreichen ersten Artikel „an unsere Leser" nach einigen bombastischen Sätzen über die Enttäuschungen, die die Zeit der Aufklärung gebracht und über „die physischen und moralischen Krankheiten, von denen die Menschheit sich niemals befreien wird", wie folgt: „Darum haben auch einsichtsvolle und weitblickende Männer in Israel stets eingesehen, daß alle solche palliativen, unwürdigen Reformirungs- und Assimilationsmittelchen, sowie alle chimärisch-kosmopolitischen und afterpatriotischen Hoffnungen ihrem alten ewigen Volke nichts nützen können, und so richteten sie immer wieder von Neuem ihr thränenvolles Auge gen Zion, doch jedesmal mit mehr Zuversicht als zuvor. Sie fingen an zu begreifen, daß es für immer nicht so bleiben kann, das ihr Volk sogar, trotz des langen lethargischen Schlafes, noch eine Zukunft hat, und diese Zukunft nirgends anderswo liegt als im heiligen Lande ihrer Väter, in Palästina rc. So dachten früher nur einzelne hervorragende Köpfe, so denken aber jetzt die Meisten in Israel, namentlich nachdem ihnen die schmachvollen Ereignisse der letzten Jahre ein für alle Mal den Standpunkt klar gemacht hatten, wo und bei wem sie künftig ihren Schutz zu suchen haben, nämlich — bei sich selbst und in ihrem eigenen Herzen, in der Erinnerung an ihre glorreiche Vergangenheit und in der Hoffnung, das wieder zu werde«, was sie einst gewesen, wieder ein ebenbürtiges, achtbares Mitglied im Bunde der Völker. Zu diesem Behnfe rafften sich — namentlich in Rußland — alle jüngeren Kräfte auf, klammerten sich mit ganzer Seele an den großen nalianake« Sekßstständigkeils-Hedanken, gründeten allerlei Vereine und Gesellschaften, unterstützten durch öftere Geldsendungen die älteren Ansiedelungen in Palästina und gingen endlich selber hin, um mit frischen Kräften Ackerbaukolonien zu errichten und so in alter patriarchalischer Weise die liebe heimathliche Scholle ihrer Väter wieder zu bebauen und zu beleben. Dieses erhabene Ziel nach Kräften durch Wort und That zu fördern^ haben auch die Herausgeber des „Serubabel" zu ihrer heiligsten Pflicht gemacht." In ähnlichem Tone ist auch der zweite Artikel des „Serubabel" geschrieben, der mit den Worten schließt: „Und wie einst Esra in dem kleinen Häuflein der Zurückgekehrten das Wiedererblühen Israels auf dem heimischen Boden erblickten und darum, als sich das weinende Volk am ersten Neujahrstage um ihn versammelte, ihm zuriefen: „Trauert nicht und weint nicht," so können auch wir allen Zionsfreunden, welche an der Pforte des neuen Jahres, ihres Volkes und des langsamen Fortschreitens der Colonisations- Bestrebungen in Wehmuth sich erinnern, tröstend und ermuthigend zurufen: Betrübet Euch nicht, Gesinnungsgenossen! Auch wir erblicken bereits den Keim des Wiedererblühens Israels in seinem ehemaligen Vaterlande. Weichet nur nicht feig' vom Kampfplatze zurück, bleibet nur Euren Ueberzeugungen treu und schaaret Euch um die Fahne des Serubabel, der Eure Interessen treu und gewissenhaft vertretend, für Euch kämpfen wird „nicht durch Gewalt und nicht durch Macht", sondern durch den Gottesgeist, von dem unser Volk stets beseelt war und ist." Nun weißt du doch, lieber Leser, woran du bist und L

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