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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-10-28 · N° 43-44 (28.10.1886) · p. Seite 351

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 43-44 (28.10.1886)
Date
1886-10-28
Page
Seite 351 (sequence 3)
Language
German
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— 351 — lojeit unterschieben, dieses haben die Orthodoxen auch bisher immer offen gepredigt, — wir haben es voriges Jahr in dem Artikel: „Auch Gedanken eines Juden" durch wörtliche Citate aus „Israelit" und „Jeschurun" festgenagelt — aber bisher nur durch das Sprachrohr der bloß von den Orthodoxen gelesenen Blätter. Nun aber bekommt die Orthodoxie durch ihre „freie Vereinigung" und deren „Delegirte" und „Lokalvereinigungen" über alle Gemeinden Deutschlands verbreitete Organe, die dieser Anschauung der Orthodoxie: Alle Nichtorthodoxen sind keine Juden, die weiteste Verbreitung gewaltsam erzwingen werden-wer zweifelt daran, daß diese giftigste Aussaat die schlimmsten Früchte tragen muß? Wenn man der heutigen Generation, die ohne viel Kenntniß vom Judeuthum, nur durch das Bewußtsein: „Ich bin Jude!" mit dem Judenthum sich verbunden fühlt, rm Namen der Hirsch, Lehmann, Hildesheimer sagen wird: Ihr könnt, wenn Ihr nicht Orthodoxe werden wollt, ohne religiöse Gewissersskrupel Euch der Taufe unterziehen, denn es ist ein falsches, lügenhaftes Bewußtsein, welches Euch in der Gesellschaft und der Carriere im Wege steht, und von den höchsten Stufen für immer trennt; Ihr seid doch keine Juden, warum einem Phantome Eure herrliche Zukunft opfern? — Wer zweifelt Daran, daß diese Predigt nicht wirkungslos bleibe, daß eine beispiellose Massentaufe die Folge sein wird? — Wer wird anstehen, in religionsgesetzlicheu Dingen dem Gutachten der £>irfcf), Lehmann, Hildesheimer rc. Vertrauen zu schenken? Wird es viele geben, die bedenken werden, daß der Orthodoxie allerdings aus Parteirücksichten nichts erwünschter sein könnte, als wenn der größte Theil der uichtorthodoxeu Juden sich freiwillig vom Judenthume lossagtc? Wird cs jemand glauben wollen, daß die Orthodoxie aus Parteirücksichten zu einer Dccimirung*) der Judenheit „Ja" und „Amen" sagen könnte? Glauben, daß schon die Schadenfreude an den nichtorthodvxen Gemeinden, welche nach der Taufe ihrer meisten Mitglieder ihre Orgel rc. nicht mehr werden erhalten können, der Orthodoxie ein genügendes Arquivalent für 400,00V und mehr nichtvrthodoxer Juden bildet? — Das wird keiner glauben, vielmehr wird jeder glauben, die Herren haben gewiß Recht: entweder Jude und am Sabbath das Taschentuch um den Leib binden, oder — kein Jude! ein geistiges Judenthum, für das die Orthodoxie nur der aus zufälliger Materie gewordene Körper ist, existirt nicht, das Judenthum ist Orthodoxie und Orthodoxie ist Judenthum, tsrtiuw non datur — so wird jeder dem Evangelium der „freien Vereinigung" Glauben schenken, und wird zum „Evangelium" übertreten. Daß es ein Judenthum giebt, von welchem unsere Orthodoxie als der schnödeste Materialismus, als geistlose Verstofflichung des Judenthums, als einer der schlimmsten Verbündeten der christlichen Juden-Mission betrachtet wird — -daß man beim Lichte des wahren Judenthums gerade die Orthodoxie, natürlich nur die k la Lehmann, Hirsch, Hildeshelmer, welche die zeremonielle Hülle höher als den Gehalt achten — das Gegeutheil d es Judenthums ist — — das glaubt ja doch keiner. Um so größer aber ist die Gefahr, die aus der organisatorischen Gestaltung der Orthodoxie unter der Aegide Hirsch rc. für die jüdischen Gemeinden und für den Bestand des deutschen Judenthums überhaupt erwächst — und darauf wollten diese Artikel aufmerksam machen. Möge man sich vorsehen! Vidsanb Consules! Möge namentlich kein charaktervoller Mann durch seinen Groschen diese Gefahr unterstützen! Die „freie Vereinigung" möge sich um Subvention an-Stöcker und Genossen wenden, welche den Ruin des Judenthums erstreben. Für den gesinuungstüchtigen Juden gilt hier das Wort, welches Moses einst zur Warn ung einer ebenfalls aus d i e L o ck r u f e einer aufLostrennulig ausgehenden Partei zugerufen: '121 Kl DID „Haltet euch fein von dem Gebäude, ivelches jetzt diese vor nichts zurück- *) Der alte Hirs^Frankfurt hat schon vor Jahrzehnten ans das »I 22 *ViS1 u» Sinn« einer solchen Deciviiruug hingewicsen schreckende Orthodoxie für ihre Angelegenheiten errichtet", sonst seid ihr Helfershelfer am Ruin des Judenthums und des jüdischen Gemeindelebeus in Deutschland. _ Berichte und Corresponderrzerr. Deutschland. Magdeburg. In dem gelegentlich der letzten Naturforscher-Versammlung von der Stadt Berlin den Theilnehmern überreichten Buche „über die Anstalten der Stadt Berlin für die öffentliche Gesundheitspflege" finden sich auf S. 301—2 auch Miltheilungen des Oberthierarztes vr. Her - turg über die städtische Fleischschau, die mit folgenden Sätzen schließen: „Die für die Angehörigen der jüdischen Gemeinde geschlachteten Thiere werden in ritueller Weise geschlachtet. Diese Methode hat aber auch unter christlichen Schlächtern Aufnahme gefunden, weil die Thiere dabei besser ausbluten und das Fleisch neben größerer Haltbarkeit ein zarteres Aussehen bekommt." — Der Verband der deutschen Thierschutzvereine fährt inzwischen fort gegen das rituelle Schlachten als Thierquälerei zu agitiren. Er hat einen ausführlichen Bericht über das Geschick seiner Petition an den Reichstag als Flugschrift veröffentlicht. Wir kommen auf Einzelnes darin vielleicht später noch zurück, für heute entnehmen wir daraus nur, daß 175 Gemeinden Gegenpetitionen an den Reichstag gerichtet haben. Der Bericht schließt mit den Worten: „Es kann nicht Sache der Thierschutz-Vereine sein, einer Ausnahmestellung des rituellen Schächtens der Israeliten, in welchem jedermann (oho! Red.), der einmal einem solchen Schlachtakt beigewohnt hat, eine beklagenswerthe Thierquälerei erkennen muß (!?) das Wort zu reden. Sollte aber die Rücksichtnahme auf unsere israelitischen Mitbürger für die Vertretung des deutschen Volkes der Grund sein, die Petition der Thierschutz-Vereine Deutschlands ablehnend zu verbescheiden, so würden doch wohl alle diejenigen, welchen die Sache des Thierschutzes am Harzen liegt, es dem Interesse dieser Sache dienlicher erachten, daß für die 1 ’/* pEt. betragende israelitische Bevölkerung bezüglich des rituellen Schächtens eine Ausnahmebestimmung in das betreffende Gesetz ausgenommen würde, als daß die Gesetzgebung für die übrigen 98 3/4 pEt. der deutschen Nation festgelegt würde, statt sich der besseren Erkenntniß, dem schärferen Rechtsgefühl und den Anforderungen der Moral gemäß weiter zu entwickeln. Selbst die in bezug auf die jüdischen Speisegesetze noch ganz orthodoxen Israeliten würden doch kaum verlangen^ daß ihretwegen unsere Gesetzgeber jene Gesetzesvorschläge ablehnen, die für 983/4pEt. der Nation sich als dringend geboten erwiesen haben." Es ist ja selbstverständlich, daß die jüd. Gemeinden die Thierschutzvereine in allen ihren sonstigen humanitären Bestrebungen nicht im geringsten stören, ja vielmehr unterstützen werden, nur sollen sie nicht in unser religiöses Gebiet eingreifen und uns nach unserer Fayon leben und selig werden lassen. Magdeburg. Die „Antisemitische Korrespondenz", welche mit der Ueberschrift „Diskret" „nur an zuverlässige Parteigenossen" versandt wird, ist wiederum erschienen. Im ersten Artikel wird geklagt, daß die bisherigen Geldeingänge „leider noch um etwas hinter den entstandenen Ausgaben zurückgeblieben sind", da ein großer Theil der Empfänger der Eorrespondenz noch keinen Portobeitrag eingesandt hat. Wenn die 5000 Empfänger nur je 50 Pfennige eingesandt hätten, so würden die Kosten, welche im Laufe eines Jahres entstanden sind, nahezu gedeckt sein. „Leider ist von vielen nicht einmal dieser bescheidenen Anforderung genügt worden".

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