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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-10-28 · N° 43-44 (28.10.1886) · p. Seite 350

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 43-44 (28.10.1886)
Date
1886-10-28
Page
Seite 350 (sequence 2)
Language
German
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— 850 gar nichts gethan. In den Momenten, wo wirklich etwas geschieht, beim Ausheben der Thora, beim Umzug mit dem Feststrauß, beim Schauforblascn, und so oft der Rabbiner spricht, sei es ein Gebet, sei es eine Predigt, da finden wir die weihevollste Stimmung, die aufmerksamste Stille*) und die feierlichste Ruhe; wo aber nur gesagt wird, seien es lange Liturgiecn, sei es ein langes Lainen, da wird geschwatzt, da langweilt man sich und mit der Andacht ist es vorbei. Die Reform des Gottesdienstes, wie sie vor 60 Jahren begonnen wurde, hat einen ganz falschen Weg cingeschlagen, sie hat sich den poesielosen Protestantismus und nicht den jüdischer Eigenart viel näher stehenden Katholicismus zum Muster ausersehen. Sie hat aus dem alten gefühlsinnigen Chasan, der sich in jeder Faser als „Schliach Zibbur" fühlte, einen musikalisch, höchst gebildeten Kantor geschaffen, dem die Reinheit des Tones meist noch über die Reinheit der Andacht geht, sie hat den Rabbiner, der früher doch hin und wieder beim Gebet eingriff, (laute Lri«,8 Schema etc.) degradiert, ihm nur den rein deutschen Thcil, Predigt und deutsche Gebete, gelassen. Und das war und ist eben ein großer Fehler. Hier muß eine gesunde Reform einsetzen. Ein Stück Piut mehr oder weniger macht's nicht, die Orgel allein macht» auch nicht, und das hohe C des Cantors erst recht nicht. Der Gottesdienst muß lebensvoller gemacht werden, gewissen Momenten muß dadurch eine höhere, stärker wirkende Weihe ertheilt werden, daß das geistliche Oberhaupt eingreift und sie trägt. Ich habe es mir selbst bei einem stark reformierten Gottesdienste nicht nehmen lassen, nach alter Weise den letzten Theil des Schmagebetes, das Unsanne-Taukef, den Priestersegen rc. laut vorzubeten und ich habe damit außerordentliche Erfolge erzielt. Warum soll der Rabbiner, der der Thora am nächsten Stehende, nicht die Thora aus- und einhcbcn, warum soll z. B. der Rabbiner nicht den Kiddusch vortragen? ja für das Toravorlesen (ich verbeuge mich nach dem Weisheitsquell in meiner Heimathsprovinz: nach Gnesen!), diesem heiligsten und zum Stiefkind herabgewürdigten Theil des Gottesdienstes, kenne ich keinen berufeneren Träger als den Rabbiner. Soll er ohne oder mit Trvp vorlesen, soll die Sidra in vier Theilen über die Woche vertheilt werden, soll der Rabbiner an das Verlesene eine kürzere oder längere Betrachtung knüpfen, ich garantire das Publikum wird sich dabei ruhiger, aufmerksamer verhalten, als bei dem Singsang des Untercantors. (Bei uns in Oesterreich halten es die Obercantoren unter ihrer Würde jeden Sabbat zu leinen). In den Vortrag mancher Gebete, wie Psalmen, müssen sich nicht Cantor und Damenchor, sondern Cantor und Rabbiner theilen, das klingt sacerdotaler, feierlicher. Anstatt des fast überall abgeschafften Duchnen's, müßte der Rabbiner vor die Gemeinde treten und ihr den vorgeschriebenen Segen ertheilen.") College Deutsch in Brünn hat das einmal in diesen Blättern sehr gut ausgeführt, die Rabbiner sollen aufhören, mehr große Arabisten, Samaritaner, Historiker und Sprachforscher, als tüchtige, werkthätige Theo- *) Sind wir auch nicht mit allen Vorschlägen des gcsch. College« einverstanden — man wird da wieder viel über hierarchische Gelüste schreien! — so enthalten sie doch manche gute Anregung. Wir glauben, daß eine strenge Handhabung der Synagogen-Ordnung seitens des Vorstandes oft genügt, um dem „Sichgehenlassen" mancher Ungebildeten beim Gottesdienste vorzubeugcn. (Red.) logen zu sein. Um den Gottesdienst sollen sie sich mehr? kümmern, in welcher Weise derselbe anziehender, passender und durch das Eingreifen des geistlichen Oberhauptes weihevoller und wirksamer gemacht werden kann. Auch in göttlichen Dingen ist die Menschen natur in Rechnung zu ziehen! Eine Gefahr für das jüdische Gemeindeleben Deutschlands. III. (Schluß.) Haben wir bisher schon in der Constitution der Orthodoxie Gefahren von unberechenbarer Tragweite am Himmel des jüd. Gemeindeleben als schwarzes, gewitterschwangeres Gewölk Heraufziehen sehen, so kominen wir nun zu einem Punkte, wo die Gefahr für das jüdische Gemeindeleben zugleich eine Gefahr für das ganze Judenthum Deutschlands ist. — Die Orthodoxie betrachtet sich als die einzige Vertreterin des wahren Judenthums; sie hält sich für „das einzige und ausschließlich zur Führung dieses Namens berechtigte Judenthum"; sie allein „hat sich um die Fahne des einzig wahren Judenthums geschaart", und die „freie Vereinigung für die orthodoxen Interessen soll das Organ dieses einzig wahren Judenthums sein, nicht nur für die Förderung der besondern jüd. religiösen, sondern auch für die Vertretung der allgemein jüdischen Angelegenheiten". Diese Citate sind wörtlich entnommen einem Artikel aus der Feder eines der Söhne des Rabbiner Hirsch, welcher die eigentliche Seele der „freien Vereinigung" und der Nestor der Orthodoxie ist. — Die Orthodoxie a la Hirsch rc., hat sich immer für die ausschließliche Vertreterin des „wahren, echten — und wie die Epitheta alle heißen — Judenthums" gehalten, aber dieser Eigendünkel drang nicht hinaus über den Kreis der orthodoxen Winkelgemeinden von Frankfurt, Wiesbaden, Mainz, Darmstadt rc. und der Leser der orthodoxen Blätter. Nun soll aber eine Propaganda für diese bescheidene Ansicht der Orthodoxie von sich selber in Szene gesetzt werden: die „freie Vereinigung" soll es der Welt verkünden, daß nur der orthodoxe Jude ein Jude ist, der nichtorthodoxe Jude aber auch aufgehört hat, Jude zu sein. Die freie Vereinigung wird, wie wir aus den Statuten ersahen, ihre Polypenarme in alle Gemeinden hineinstrecken, in jeder Gemeinde ihre „Delegirten" zu ernennen, „Lokalvereinigungen" zu stiften suchen. Diese Delegirten und Lokalvereinigungen werden die eifrigen Apostel des Evangeliums von der ausschließlichen Judaicität des orthodoxen Judenthums sein. Nun berechne man die Wirkung, die diese mit dem ganzen Brustton der orthodoxen Ueberzeugung von der eigenen ausschließlichen Judenthümlichkeit unter die Menge verbreitete Ansicht ausüben muß! In Deutschland haben wir hochgegriffen 5°/, orthodoxe Juden: was hält die 95°/, der Nichtorthodoxen am Judenthume fest? die Liebe zur Religion, der sie durch Geburt angehören; die Ehre des Namens „Jude", die Zähigkeit des jüdischen Zusammenhanges mit der Religion der Väter. Und böte man dem charaktervollen Nichtorthodoxen alle Schätze und Ehrensteüungen der Welt, und er sollte dafür aufhöceu, den Namen Jude zu führen, er würde sagen: Nein ich bin Jude, und bleibe Jude! — Nun wird diesen 95°/, Nichtorthodoxen gepredigt werden: Ihr glaubt, Juden zu sein, Ihr seid aber faktisch keine Juden, denn ihr seid nicht orthodox! Es wird ihnen dies gepredigt werden im Namen der Hirsch, Hildesheimer, Lehmann; man wird ihnen im Namen dieser sagen: „Ihr begeht gar keine Sünde, wenn ihr euch taufen laßt, Ihr könnt es ruhig thun, denn wenn Ihr in eine Orgel-Synagoge geht, so ist das dasselbe, wie wenn Ihr Euch hättet taufen lassen!" Dieses sind nicht Uebertreibungen, nicht Schlechtigkeiten, die wir den Ortho- ■■■i

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