Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 42. (14.10.1886)
- Date
- 1886-10-14
- Page
- Seite 346 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 346 — Rumänien. Bukarest, 10. October. (Or. - Corr.) „Lupta", das Organ des Herrn G. Panu, äußerte sich jüngst über die Judenfrage wie folgt: Die Bemühungen einiger Personen in der Absicht, eine antisemitische Aufwiegelung zu verursachen, erwecken unwillkürlich die Judenfrage für die Zeitungsschreiber. Wir wollen daher auch einiges darüber sagen. Diejenigen, die sich einbilden, daß sie die Judenfrage durch Gewaltthaten, durch Vertreibungen in Masse, durch Fenstereinschlagen oder durch schändliche Verfolgungen lösen werden, täuschen sich sehr. Heutzutage hat man auf solche Weise in keinem Lande noch diese Frage gelöst, und wird man sie so auch niemals lösen können. Die Anwesenheit der Juden mag für die Antisemiten noch so unangenehm sein, mögen sie diese Anwesenheit für die ökonomischen Interessen des Landes für noch so gefährlich betrachten, eins ist sicher, nämlich die Juden bleiben im Lande; wir werden unsere Juden haben, wie Frankreich, England, Deutschland u. a. die ihrigen haben. Der Gedanke, durch Verfolgungen die Juden gänzlich los zu werden, ist eine Chimäre, ein Unsinn. Die Thatsachen bewiesen dies überall. Eines, glauben wir jedoch, wird geschehen, und bemerken wir sogar, daß dies bereits beginnt: Die Zahl der Juden bei uns im Lande wird abnehmen. Es war eine Zeit, da die Einwanderung der Juden sehr groß war, etwa vor 20 Jahren und sie setzte sich bis vor einigen Jahren fort. Dann wurde die Einwanderung immer schwächer, wir können sogar sagen, sie hörte fast gänzlich aus. Gegenwärtig sind die Juden in der Auswanderungsphase. Der Ucberschuß der großen Zahl, die gekommen war, wanderte jetzt nach anderen Ländern aus. Diese Thatsache bemerkt man in allen Ländern. Es war eine Zeit, wo in Frankreich, Deutschland, England viel mehr Juden waren, als jetzt. Mit der Zeit aber ist eine Art Selection in der Masse der Juden entstanden. Alle diejenigen, die sich allmählich den sozialen, den ökonomischen und anderen Bedingungen der Länder, in denen sie lebten, anbeguemen konnten, sind geblieben und sind gure Bürger geworden. Diejenigen Elemente aber, die sich der höheren Civilisation nicht anbcquemten und die unter den entwickelten ökonomischen Bedingungen nicht leben konnten, haben Frankreich, England und Deutschland verlassen; sie haben den Weg des Orientes eingeschlagen und sich in der Mitte der Völker angesiedelt, die eine rudimentäre Civilisation hatten, wo die Lebensbedingungen güustiger sind. Je mehr indessen sich die orientalischen Völker auch entwickeln werden, um so mehr wird die Selection des jüdischen Elementes auch bei ihnen entstehen, nach dem Gesetze, das man in dieser Beziehung bei den abendländischen Völkern wahrgenommen hat. Also zugegeben, daß die Zahl der Juden vor zehn Jahren und sogar jetzt noch zu groß im Vergleich mit der rumänischen Bevölkerung ist, zugegeben, daß dieser Zustand manche Jnconvenienz mit sich führt und bis zu einem ger wissen Punkt anormal ist — folgt daraus, daß wir uns durch Mittel der Gewaltthätigkeit und Verfolgungen der Juden entledigen müssen? Keineswegs. Die unwiderstehliche Thätigkeit der eingeborenen Bevölkerung, die günstigen Bedingungen, in denen sie diese Thätigkeit entfalten kann, werden es zu Wege bringen, daß das unbeständige und unverschmelzbare jüdische Element fortzieht, wie es von anderen Ländern fortgezogen ist. Dagegen aber werden die Zurückgebliebenen, diejenigen, die sich den neuen ökonomischen und sozialen Bedingungen des Landes unbequemen, gute Bürger werden, und weit entfernt, dem Lande gefährlich zu sein, werden sie im Gegentheil sich für dasselbe von großem Nutzen erweisen. Aber um dieses zu erreichen, ist Takt, Gerechtigkeitssinn und Menschlichkeit unsererseits, d. h. von Seiten der Rumänen, unbedingt erforderlich. Der Geist der Gerechtigkeit soll uns nicht alles von den Juden und nichts vom uns selbst fordern heißen. Von einer ewiglich in Quarantäne gehaltenen, durchs die Landesgesetze, durch administrative Maßregeln und durch' soziale und religiöse Vorurtheile systematisch isolirten Bevölkerung kann man nicht fordern, daß sie sich augenblicklich uns gleich mache und ganz den Interessen des Landes entspräche. Daher wäre die Lösung der Judenfrage einfach dadurch^ zu erreichen, das; wir Rumänen nicht Gesetze machen, die blos auf dem Papiere stehen, noch sollen wir die ernsten und soliden jüdischen Elemente von uns stoßen — Elemente,, die zu uns wollen, aber die wir von uns fern halten." Wahrlich, solche vernünftige Worte sind selten hier zu Lande gehört wor en. Mit Recht können wir auf Herxn Panu den Satz unserer Weisen anwenden: Ein solcher Nicht-- jude ist gleich einem hohen Priester, er verrichtet ein heiliges Amt im Tempel der Humanität. — Mögen seine Worte gehört werden! Rußland. Petersburg. Das Blatt „Saria" berichtet: der Jude Wolf Gutmann hat der Polizei Anzeige gemacht, daß am 27. Juni sein 2^ jähriges Söhnchen vor die Hausthüre gegangen und nicht wieder zurückgekoinmen sei. — In Nieschwicz stahl eine Bäuerin das Kind eines Juden und nahm es mit aufs Land. Einige Juden erkannten es und mit Hilfe der Polizei wurde es den Eltern wiedergebracht. (Der „Meliz" macht die leider nur zu richtige Bemerkung: Mit raschem Blick geht der Leser über diesen trocknen Polizei- Bericht hinweg, ohne sich etwas dabei zu denken. Wie ganz anders wäre es, wenn der Vater des Kindes nicht Wolst sondern Iwan, und das Kind nicht Jecheskel, sondern Alexei hieße? Ja Bauer, das ist ganz was anderes!) Moskau. Ein interessanter Rechtsfall ist hier in der Schwebe. Domicilrecht hat unter Andern hier der Jude,, der auf einer der Facultäten es bis zum Candidaten gebracht hat. Als solcher darf er auch noch 2 Männer zur Bedienung halten. Vor kurzem hat nun ein solcher jüd. Candidat seinen Vater ins Haus genommen, was als Candidat ihm frei stand. Nun hat er sich entschlossen, weiter zu studiren und ließ sich als Student einschreiben. — Darauf wurde ihm das Recht, seinen Vater im Hause zu behalten, streitig gemacht. Denn, so wird argumentirt, seitdem er Student ist, ist er nicht mehr Candidat, und ein Student hat nur für sich Domicilrecht. Man ist auf den Ausgang gespannt. Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Ueber die Stellung des Geistlichen zur Politik äußerte sich der Generalsuperintendent der Provinz Sachsen auf der Wittenberger Pastoralkonferenz u. a. wie folgt: „Unheilvoll ist es, wenn die Politik der Religion und die Religion der Politik dienstbar gemacht wird. Das politische Parteitreiben ist für den Geistlichen doppelt bedenklich, für sein Amt und seine Person. Bei solchen Agitationen drängen sich Schlagwörter wieder in den Vordergrund,'.die nur halb wahr sind, wobei auch des praktischen Erfolges willen höhnische Witze angeweudet werden, und so laut dies als schneidiges Wesen betrieben wird, befleckt es die Person. „Solchen Weg darf der Geistliche nicht wandeln, wo er kaum vermeiden kann, mit Schmutz beworfen zu werden". Ob der Herr Generalsuperintendant hierbei an das politische Treiben des Hofpredigers Stöcker gedacht hat? Magdeburg. Nicht für den Sultan von Marokko, wie alle Zeitungen — auch wir in vor. Nr. des „Jüd. Familienbl." — mitgetheilt hatten, sondern für den Oberrabbiner von Marokko hatte der Kaiser den Talmud als Geschenk bestimmt. Der Oberrabbiner, der zugleich die Würde, eines österreichischen Konsuls bekleidet, soll sich vielfache Verdienste mn die deutsche Sprache erworben haben.