Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 42. (14.10.1886)
- Date
- 1886-10-14
- Page
- Seite 345 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9585330-9585690--6393-9585695- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
345 — sicherlich eine lohnende Ausgabe berufener Männer. Was das Deutschthum Gutes geschaffen, nehmen wir gern an und in uns aus, aber wir wollen unfern eigenen Weinberg auch hüten und unser Feld noch besonders bestellen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Von dem Heimgange des Hoswechslers Ignatz Deutsch haben Sie schon kurz berichtet. So unbedeutend die geistige Bedeutsamkeit des Verstorbenen war, so war es ihm doch beschieden, eine einflußreiche Rolle im Judenthum Ungarns zu spielen. Seinen Titel als „Hofwechsler" wußte er den orthodoxen Koryphäen Ungarns gegenüber ins rechte Licht zu setzen, und er erhielt dadurch die Rolle einer Hauptsäule der Orthodoxie. Wenn diese nicht mehr ans noch ein wußte: Ignatz Deutsch wußte immer ein Hinterthürchen zu einer Audienz bei einem Minister oder dem Kaiser selbst zu öffnen, und die Zähigkeit der Orthodoxen zum Siege zu führen. Seine irdischen Reste wurden nach Preßburg gebracht und der Rabbiner von Eisenstadt hielt die Grabrede. Er ruhe in Frieden, den er so oft gestört! — Wien Die Führer der Antisemiten liegen sich in den Haaren, und die schmutzige Wäsche, die da vor der Oefsentlichkeit gewaschen wird, zeigt die ganze Verkommenheit des Antisemitismus. Schönerer und Pättai werfen einander „Schuft", „Schurke" re. an den Kopf, und sollten wir zweifeln, daß beide Recht haben? Ebenso machen Holomai und Schneider das Compliment, daß sie Lügner, Betrüger re. seien-das wußten wir längst, die Herren kommen etwas spät daraus. Und auch der deutsche Rittner, der jetzt Schimony und Verhovai als Nichtswürdige hinstellt, ist ein competenter Zeuge, er hat mit den Herren zusammen am grauen Redaktions-Tisch des „Ung. Westboten" gesessen. (Endlich sind wir in der glücklichen Lage, mit den Herren in Uebereinstimmung zu sein! Red.) Hfest, im September. (Or.-Corr.) (Schluß.) Preßburg war zerfallen; aber wer sollte dessen Erbschaft antreten? Diese Frage beschäftigte die orthodoxen Gemüther. Die, einige Monate vor dem Tode B. Schreiber's von der Regierung ernannte, orthodoxe Durchführungscommission konnte der Erbe Preßburgs nicht werden, da jener ein fremder, von außen her aufgedrungener Charakter anhastete; ein Laie als die höchste Autorität in jüdischen Angelegenheiten bleibt immerhin ein fremdartiges Ding. Die Pester Gemeinde? die huldigt ja dem entschiedenen Fortschritte und kann die fromme jüdische Gemeinde Preßburg nicht beerben. Es muß darum in Budapest eine starke israelitische orthodoxe Gemeinde gebildet werden, mit einer energischen, talmudisch hochgelehrten und pastoralklugen („diplomatischen") Rabbiner-Spitze, so denkt nun die Majorität der Orthodoxen und so denkt auch Rabbiner Lazar Löw, der für die pester aut.-orthodoxe Gemeinde das zu werden meint, was R. Moses Szofer-Schreiber ^"3 für Preßburg gewesen. Daß hierdurch dem letzten Reste der einstigen Größe Preßburgs, der Jeschiba, der Gnadenstoß versetzt werde, kann nicht in Betracht gezogen werden. Erstens hat sich Preßburg bei dem Leichenbegängnisse R. Chajim Schreibers, wie wir in Nr. 29 der „Wochenschrift" berichtet, seiner einstigen berühmten Vergangenheit ganz unwürdig gezeigt; dann aber gilt es, den Bestand und die Fortdauer der gesammten ungarischen. Orthodoxen zu begründen und zu befestigen, da können sentimentale Erinnerungen nicht entscheidend einwirken. Die Orthodoxen sehen ein, daß sie sich baldigst zu einer energischen Thätigkeit aufraffen müssen, sonst ist es um sie ganz geschehen. Der Tod rafft schnell nach einander ihre bedeutendsten Autoritäten hinweg, bald nach R. Chajim Schreiber starb im Alter von 72 Jahren R. Chajim Hirsch Mannheim, Oberrabbiner, und einige Tage darauf R. Salomon Ganzfried Dajan in Ungvar. Viel herber als der Tod ist aber das, was in einer Hochburg der Orthodoxie, in Marmoros-Sziget, geschieht. Dort stehen zwei orthodoxe Gemeinden einander gegenüber: eine sephardische, von der orthodoxen Landeskanzlei unabhängige und eine orthodoxe, Jtzik Reichs Leitung unterstehende. Das Urtheil Galizischer und Russisch-polnischer Rabbiner wurde zu Hilfe genommen; beide Parteien haben Flugschriften herausgegeben, in denen Rabbiner, vor deren Autorität sich die ungarischen Orthodoxen beugen, behaupten, die Orthodoxen Ungarns streben nicht nach Wahrheit, sondern nach Rechthaberei u. s. w. Es war auch davon in den Blättern die Rede, daß I. L. Schreiber, Sohn des verstorbenen Preßburger Rabbiners A. S. B. Schreiber, der in Drohobycz reiche Petroleumquellen besitzt, den Rabbinerstuhl der Pester aut.-orth. Gemeinde einnehmen soll, womit so viel gewonnen wäre, daß wenigstens ein Nachkomme des berühmten Preßburger Schreiber an der Spitze der neuen orthodoxen Metropole stünde. Es scheint aber, daß der Mann, der über eine Million besitzen soll, nicht nach dem Ruhme vr. Hildesheimers verlangt und sich mit dem Lichte zufrieden giebt, weiches das Petroleum verbreitet, das aus seinen Quellen bezogen wird. — Aus Galizien erhält die „N. Fr. Pr." folgende Meldung: Kurz vor dem jüdischen Neujahrsfeste wurde an mehrere Ortsqemeinden des Bezirkes Cieszanow eine „Aufforderung" (polnisch „wezwanie“) versendet, abgesaßt im üblichen Amtsstile und versehen mit der Unterschrift des Bezirkshauptmannes und dem Amtssiegel. Diese Aufforderung hatte nachstehenden Wortlaut: „Im Namen. wird^ die Gemeinde aufgefordert, Vorbereitungen für den 29. September 1886, 9 Uhr Abends, zu treffen, damit dieselbe in den Stand gesetzt sein soll, wenigstens hundert junge und tüchtige Biuern, versehen mit Sensen und Hacken, zur anberaumten Zeit nach Cieszanow zu entsenden, um die Juden zu morden und zu plündern, da zu dieser Z?it anläßlich des jüdischen Neujahrsfestes sämmtliche Juden beisammen sind. Dieses Massakre ist sowohl vom Landtage in Lemberg, sowie vom Reichsrathe in Wien angeordnet und beschlossen und von .... sanktionirt worden!" Jedes Schriftstück trägt die genau nachgeahmte Unterschrift des Bezirkshauptmannes' Herrn Ciszka. und das Amtspetschaft in Siegellack. Obschon unser Landvolk keine konfessionelle Gehässigkeit kennt und noch nie eine Neigung zu Gewaltthätigkeiten gegen die Juden kundgab, hätte diese Aufhetzung an einzelnen Orten doch von bedauerlichen Folgen begleitet sein können. Glücklicherweise kam noch rechtzeitig der Ortsrichter von Lublieniec (nächst Cieszanow) mit oem Schriftstücke zum dortigen Pfarrer, der sogleich die gefährliche Tendenz dieses Aufruhrs erkannte und in die Stadt eilte, um den Bezirkshauptmanu hiervon in Kenntniß zu setzen. Dank der Energie des Bezirkshauptmannes, Herrn Rudolf Ciszka, der sofort die umfassendsten Recherchen anstellte. gelang es noch am selben Abende, den Schreiber des Schriftstückes zu eruiren. Es war dies ein fünfzehnjähriger, ganz ungebildeter Bursche, Sohn eines Fleischsclchers und Restaurateurs in Cieszanow. Derselbe gestand zwar gleich ein, daß dies seine Handschrift sei, über den intellektuellen Urheber des Schriftstückes jedoch verweigerte er jede Aussage, indem er blos angab, daß ein ihm unbekannter Herr, der in der Restauration seines Vaters dinirte, ihm den Inhalt diktirt habe. Das Amtspetschaft wurde dadurch hergestellt, daß der Siegellack-Abdruck von alten, vom Amte als Makulatur verkauften Viehpässen abgenommeu worden war. Der Bursche wurde sofort m Haft genommen und die Gendarmerie beordert, sämmtliche Ortsgemeinden über die Provenienz des Schriftstückes zu verständigen und ihnen die Abschriften abzuverlangen, um so jeder Gefahr einer Ausschreitung vorzubeugen. Wrody. Vor Kurzem fand hier die Prüfung in der Schule der „Allianz" statt. Das Ergebniß war ein sehr erfreuliches. Die Schule besteht erst 2 Jahre, die Anzahl der Schüler war 103; 61 in der 1. und 42 in der 2. Abtheilung. Hauptgegenstände sind deutsche und polnische Sprache. Die Unterrichtszeit beträgt nur täglich 2 Stunden, da der hebräische Unterricht in der Talmud-Thora die übrige Zeit in Anspruch nimmt. Um so mehr Anerkennung verdienen die erfreulichen Leistungen. Möge die Schule blühen und gedeihen! —