Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 41. (7.10.1886)
- Date
- 1886-10-07
- Page
- Seite 336 (sequence 4)
- Language
- German
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336 Gebildet sein. Ich kenne seminaristisch und pädagogisch gebildete Lehrer, welche biblische Geschichte nur nothdürftig. jüdische Geschichte gar nicht kennen, ein Mehr zu wissen aber auch nicht für die Schule als nothwendig erklären, der Unterricht über Gott und Religion berühre ja schon, wie sie sagen, die Philosophie, also ein der Schule fremdes Gebiet. Die guten Leute vergessen, daß jeder Religionsunterricht mit dem Begriff von Gott beginnt; in dem ja auch alle Moral wurzelt, und daß das Bewußtsein von Gott in aller Frühe angeregt, der Begriff von Gott schon bei kleinen Kindern, freilich in kindlicher Weise, entwickelt werden muß. Dazu freilich gehört Pädagogik, aber auch theologische und philosophische, besonders psychologische Vorbildung, überhaupt Wissen und Methodik. Sind nun unsere neuen, pädagogisch gebildeten Lehrer mit beschränktem Wissens-Material besser, als die alten mit reichem Wissen, aber ohne Pädagogik und Methodik? Ich meine, sie genügen beide nicht und lassen beide zu wünschen übrig. Freilich wenn man in Verkennung der wahren Anforderungen an den Lehrer und in falscher Nachgiebigkeit gegen Gemeinden und ihre Vorstände den Lehrern wieder das Schächtmcffer in die Hand drückt, sie nöthigt, heute im Prediger-Ornat öffentlich aufzutreten und morgen mit dem langen Messer unter dem Rock oder Arm dem Ochs ins Schlachthaus zu folgen: dann kann von ausgebreitetem Wissen und höherer Stellung des Lehrers nicht die Rede sein. Jndeß, vereinzelte Discussionen führen darüber nicht zum Ziele und tragen den Streit nicht aus. Sämmtliche Faktoren der Gemeindeleitung: Rabbiner, Lehrer, Cantoren und Vorstände, auch Lehrer der Lehrer- und Rabbiner- Seminare müssen hierfür Zusammengehen und gemeinsam darüber berathen. R.-A. Berichte und Correspondeuzerr. Deutschland. Arankfirrl a. M. (Die frei - orthodoxe Bereinigung.) Es ist bereits in diesen Blättern von der Gefahr die Rede gewesen, welche dem Frieden und der Einheit jüdischer Gemeinden durch diese neueste Hirsch'sche Schöpfung entsteht. Es ist eine frisch gestrichene Leimruthe der Frankfurter Separatisten mit dem täuschenden Lockruf nach Außen: l’schem schomaim! Ist denn nicht der Begriff, „frei-orthodox" ein Widerspruch, wie es keinen größern geben kann? Aber man kennt hier seine Leute und man denkt mit der Bezeichnung „frei" auch manchen „Reuen" zu fangeu, der, weil er selbst nicht fromm ist, wenigstens sein Geld für orthodoxe Zwecke hergeben soll, um so indirekt dem lieben Gott resp. feinem orthodoxen Statthalter ein Opfer zu bringen. Im Uebrigen hat die ganze Angelegenheit bisher einen kläglichen Verlauf genommen. Man betrachte nur die Namen der Männer, welche den Vorstand dieser Vereinigung bilden; es sind fast sämmtlich Rabbiner kleiner orthodoxer Separatgemcinden, oder nur solche, welche als sogenannte Eandidaten der etwa sich bildenden Separatgemeinden auf dem Sprunge stehen, dem Judenthum den großen Dienst zu erweisen, einen Keil in das jüdische Gemeindeleben einzutreiben, um dadurch für sich selbst eine Stelle zu erhalten. Es findet sich nicht einmal der ganze orthodoxe Troß im Vorstande vereinigt, der sonst zum Heerbann aufgeboten wird, wenn es gilt, nach Außen hin in Aktion zu treten. Warum fehlen Stern- Hamburg. Bamberger-Würzburg und Hildesheimer- Berlin im Vorstande? Feilchenfeld-Posen mußte freilich fern bleiben, sein Name hätte jetzt selbst so manchen Orthodoxen von der Vereinigung zurückgehalten. Aber was für Größen sind denn Marx-Königsberg. Lehmann-Stettin, und Königshofer-Fürth? Als Rabbiner von Separatgemeinden, die in dem Vorstande der freien orthodoxen Vereinigung sind, erscheinen zuerst Kahn, Marx und Car leb ach, das bekannte Trifolium, das immer und überall auf den Ruf der orthodoxen Regisseure auf der Bühne erscheint; separatistische Rabbiner sind ja selbst die Hauptgründer in Frankfurt und Mainz ferner der Schwiegersohn des erstern, Rabbiner Plato-Köln. Sänger-Bingen und der ehemalige Führer der Separatisten' in Trier, der jetzt glücklicherweise irgendwo in der Schweiz bei einer Gemeinde Engagement gefunden hat; endlich solche,- die es gerne wer en wollen — nämlich separatistische Rabbiners und die also nicht ganz uninteressirt bei der Sache sind, z. B. Buttenwiesen-Mannheim und Deutsch-Straßburg im Elsaß. Wenn man alsdann noch absieht von den Herren in Frankfurt a. M., welche die Familieumitglieder Hirsch's, die Vorsteher der jüdischen Separatgemeinde daselbst/bilden. — der Bien muß! — so hat man, bis auf wenige Ausnahmen, die ganze Gesellschaft die eine neue Aera des „gesetzestreuen Judenthums" in Deutschland einfühcen will. Im Uebrigen sind die Erfolge in Frankfurt a. M. selbst, an dem Sitze und bei der strahlenden Sonne der Hirsch'schen Schöpfung, äußerst gering, und es fällt mir bei dieser Gelegenheit eine Episode aus dem Werke Gerhard Rholf's über „Abessynien" ein. Rholf erzählt nämlich, eines Tages sei ein deutscher Missionär vor den König in Abessynien geführt worden und der König habe ihn gefragt, was er eigentlich in seinem Lande wollte. Ich will die Juden dem es Landes bekehren, war die Antwort des Messionärs". —- ..H at denn dein Land keine Juden und sind denn diese schon a lle bekehrt?" fragte verschmitzt der schwarze Häuptling den Missionär. Ich glaube so manchem orthodox. Häuptling. — ich will durchaus nicht, daß der Leser das Epitheton „schwarz" dazu ergänze — kann man denselben Vorwurf machen, warum so in die Ferne schweifen, warum geht das Geschäft in Frankfurt a. M. selber nicht besser. Aber da haben der selige Bamberger (Würzburg) und der selige Moses Mainz in Frankfurt — Männer, deren Gesetzestceue und Charaktergrüße über allen Zweifel erhaben ist — die Hirsch'schen Zirkel gestört. Da haben sie vor einigen Monaten unter großen Ehren Rabbi Moses Mainz, einen durch min ,mns und “ton mS'ÖJ hervorragenden jüdischen Frommen uralter Schule, zu Grabe getragen, der der Hirsch'schen Hirarchie gegenüber den Muth hatte, das schöne und auch allseits beherzigte Wort: Hoch die alte Frankfurter Khillah und Hoch die Einheit der jüdischen Gemeinde!,—■ Wenn die Lippen dieses Frommen noch aus dem Grabe sprechen, dann warnen sie das deutsche Juden - thum, sich von dem Hirsch'schen Danäergeschenk nur ja bethören zu lassen. K-chkswitz O.-Schl., 28. September. (Or.-Corr.) Ein jüdischer Herr von hier ist in einer Zwangsversteigerungs- Sache zu einem Termine auf den 30. d. M. an das Königliche Amtsgericht zu K. geladen worden. Auf rechtzeitiges Ersuchen, den Termin, der am jüdischen Neujahrsfeste trifft, auf Kosten des betreffenden Herrn zu verlegen, erging ein abschlägiger Bescheid. Eine Beschwerde gegen diese Abweisung hatte folgenden Effekt: „In der Zwangsoersteigerungssache des Grundstücks ... wird die Beschwerde des Erstehers, des Kaufmanns N. zu K., gegen den Beschluß des Königlichen Amtsgerichts zu K. zum unb-gründ-. zurückg°M°sm. Durch die Terminsbestimmung auf den 1. k. M. und die inzwischen erfolgte Ladung des Zwangsversteigerungsinteressenten zu demselben, haben die letzteren ein Recht darauf erworben, daß an diesem Tage die Kaufgelder erlegt unb vertheilt werden und darf in dieses wohlerworbene Recht durch eine Verlegung des Termines aus dem angegebenen Grunde nicht eingegriffen werden, da nach den zur Zeit geltenden Gesetzen den Juden das Recht nicht zusteht, die Anberaumung von Terminen auf andere, als auf die Sabbaths- und Festtage zu fordern. Wünschenswerth und zweckmäßig wäre es allerdings gewesen, wenn beider Terminsbestimmung auf die Confession der Interessenten Rücksicht genommen und der Termin nicht auf den jüdischen Festtag