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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-10-07 · N° 41. (7.10.1886) · p. Seite 335

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 41. (7.10.1886)
Date
1886-10-07
Page
Seite 335 (sequence 3)
Language
German
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— 835 — Zeit das Interesse und die Aufmerksamkeit der Versammlung rege und nur allzu rasch fordert die rastlos dahineilende Zeit den Schluß der Konferenz, der gegen 5‘/2 Uhr erfolgte. Die nächstjährige Konferenz findet am 29. und 30. Aug. zu Bremen statt: das Referat übernimmt Herr Oberlehrer Fink. Sein Thema lautet: „Der Pentateuchunterricht in der jüd. Schule." Herr Reuß, der noch vor Schluß der Konferenz abreifen mußte, hat ebenfalls die Uebernahme eines Vortrages zugesagt. — So ist denn auch diese zweite Versammlung in anregender Thätigkeit und geselligem Zusammensein dabingegangen, und gewiß haben alle Theilnehmer den Eindruck mit nach Hause genommen, daß der Verein und sein Vorstand gerne alles thun, was die Lehrer in ihrem Amte fördern und ermuntern kann. Darum rPK „Auf ein fröhliches Wiedersehen in Bremen." Aurich, den 24. September 1886. Der Schriftführer B. Wolfs. Wissen und Methodik. Wer zweifelt, daß beides, Wissen und Methodik, für d-m Lehrer erforderlich ist? Was nützt Wissen ohne Können, das reiche Wissen des Lehrers ohne Fähigkeit zu unterrichten? Oder wie läßt sich unterrichten ohne das nöthige Wissen? Jedoch berechtigt ist die Frage über das Maaß des Wissens und Könnens. „Jeder soll in Wissen unb Können ein vollendeter Lehrer sein", wird man für die einfachste Antwort darauf halten. lieber das Zuviel ist man dabei wohl weniger bedenklich, als über das Zuwenig, und doch kann beides vom Nebel sein. Ob es aber richtig ist, zu Gunsteu der Methodik das Maaß des Wissens zu beschränken, ob unsere Lehrer an Wissen nicht reich zu sein, sondern nur das für die Schule Nothwendigste gelernt zu haben brauchen, nur daß sie im Unterricht tüchtige Methodiker, in der Erziehung tüchtige Pädagogen, in der Beurtheilung und Behandlung jedes enizelnen Kindes tüchtige Psychologen seien, darüber läßt sich nicht mit einfachem Ja und Nein entscheiden. Die Denkkraft soll gewiß in der Schule angeregt, auf Verstehen und Begreifen muß hingewirkc werden, und doch ist ein mechanisches Drillen und Neben nicht ganz zu entbehren. Es darf nicht blos theoretisch erklärt, es muß auch praktisch geübt werden. Die Wahrheit liegt auch hier in der Mitte. Dem Zuge des Zeitgeistes folgend, der unter den Juden meistens freisinnig ist, wird der Jude mehr für Simultan-, als Confessionsschulen stimmen; nur die allgemeinen Orts- und Zeitverhältnisse zwingen die Juden meistens, oder lassen es ihnen rüthlich erscheinen, Confessionsschulen einzurichten. Mit diesen ist der Religionsuud hebräische Unterricht organisch verbunden. Neben den Simultanschulen, wo auch der jüdische Religionsunterricht, sei es ausreichend oder unvollständig, ertheilt wird, bestehen noch jüdische Religions¬ oder Hebräisch-Schulen, zur Vervollständigung des Religionsunterrichts odr zur Ertheilung des liturgischen Hebräisch- Unterrichts, denn für das hebräische Sprachstudium werden solche Schulen nicht ausreichend sein, auch wohl nicht gegründet werden. Aber daß selbst die liturgischen Anforderungen über das einfache Lesen der Gebete hinausgehen und das Verständniß des Vorgetragenen in sich schließen müssen, darüber werden Sachverständige einig sein. Um so gewisser muß der Lehrer mit dem Inhalte vollständig vertraut sein. Confessionsschulen sind für die Erreichung dieses Ziels günstiger, aber sie halten die Kinder meistens nur in deu ersten Schuljahren, und auch da nicht immer, fest; die meiften jüdischen Kinder werden sofort oder gar bald in höhere Schulen geschieht, selbst die Kinder der Dorfgemeinden. Trotz der Confessionsschule wird demnach eine jüdische Religions- oder Hebräisch-Tchule nicht zu entbehre»! oder mit dieser zu verbinden sein. Unter solchen Verhältnissen werden die Ziele für den Religions- und Hebräisch-Unterricht iinmer niedriger gesteckt werden müssen, Klärung des religiösen Denkens Hebung des religiösen Lebens wird nicht »nehr zu erreichen' sein; ein wenig biblische Geschichte, vielleicht anch etwas mechanischer Katechismus-Unterricht und daneben etwas Hebräisch-Lesen, darüber hinaus gehen selten die Anforderungen der jüdischen Eltern und Vorstände.*) Eine kurze Vorbereitung für Bar Mizwa folgt, und der ganze Religionsunterricht—ist vollendet. Ich glaube, um hier dennoch das Nöthige zu leisten, ist mehr Wissen und mehr Geschicklichkeit erforderlich; die Meisten dagegen werden behaupten: Für so Weniges braucht wirklich der Lehrer nur wenig gelernt zu haben; und in der That hat auch schon mancher Lehrer sein geringes Wissen damit gerechtfertigt: es werde ein Mehr nicht verlangt, er könne ein Mehr auch nicht in der Schule verwerthen. Die kleinen Gemeinden verlangen vielmehr vor Allem von ihre»n Lehrer einen Schächter, die größeren einen Cantor, daneben auch bei Gelegenheit einen Prediger, nicht um der inneren Belehrung und Erbauung willen, sondern um der äußeren Form zu genügen. „Gegensätze berühren sich." Früher hatten die Lehrer ein reiches Material des Wissens, aber keine Methodik des Unterrichts, heute scheint umgekehrt das Hauptgewicht auf Methodik gelegt und das Wissens-Material beschränkt werden zu sollen. Es dauert in der Regel lange, bis eingewurzelte Uebel beseitigt sind, und so ist es erklärlich, daß für Pädagogik und Methodik eifrig das Wort geführt wird. Aber ob cs nöthig und richtig ist, deshalb das Wissensmaterial zu beschränken? Alle Methodik ist doch nutzlos, wenn der Lehrer nicht auch gleichzeitig über das erforderliche Wissensmaterial verfügt. Und ob es thunlich ist, für den jüdischen Lehrer das Wissensmaterial zu beschränken? Man hat dabei vielleicht nur elementaren Volksschulunterricht i»n Auge; dafür mag ein beschränktes Maß von Wissen und realen Kenntnissen genügen, für den Religionsunterricht jedoch, offenbar das schwierigste Fach des Schulunterrichts, wird schon ein höheres und umfassenderes Wissen erforderlich. Das preußische Gesetz von 1847 fordert zwar auch von dem jüdischen Religionslehrer nur die Kenntnisse eines Elementarlehrers, aber diese Gesetzesbestimmung hat das anders gestaltete christliche Vorbild im Auge. In der christlichen Schule wirkt neben dem Lehrer noch ein Geistlicher, welcher den Religionsunterricht des Lehrers ergänzt; aber der jüdische Lehrer hat in vielen Gemeinden den ganzen Religionsunterricht zu ertheilen, ohne die Stütze eines Rabbiners neben sich zu haben. In kleinen Gemeinden gilt der Lehrer vielfach auch den Christen gegenüber als der einzige und offizielle Vertreter des Judenthums, der »nit seinem Wissen und seiner Stellung für die Juden einzutreten hat. Ec muß Mißverständnisse aufklären, Mißdeutungen berichtigen und gegen falsche Anschuldigungen Judenthum und Juden vertheidigen, wofür Belehrung aus Büchern und aus der Ferne nicht erst geholt werden kann; er muß Vorurtheile, Feindseligkeiten und Verfolgungen, wo sie aufzutreten drohen und sich hervorzudrängen suchen, sofort im Keime zu ersticken verstehen, da jede Hülfe und Abwehr gegen diese, wenn sie nicht sofort bereit ist, zu spät kommt. Auch haben Einzelne, wie Gemeinden, religiöse Fragen zu stellen, welche eine sofortige Beantivortung uud Erledigung bedürfen; wer soll da antlvorten, entscheiden und anordnen, wenn das Wissen des Lehrers nicht ausreicht und oft weit ausgedehnte Provinzen keinen Rabbiner haben? Solche Fragen bleiben dann unbeantlvortet oder werden falsch beantlvortet, in beiden Fällen zum Schaden des Judenthums und des religiösen Lebens. Ich denke gewiß nicht gering von unseren Lehrern und stelle sie gern hoch. Aber gerade um der Stellung willen, welche man ihnen oft aufbürdel, können sie der theologischen Bildung nicht entbehren, muß der Lehrer nicht blos pädagogisch, sondern auch philosopisch und rabbinisch *) Wir »vissen nicht, »velche Schulen und »velche Gegenden der Herr College im Auge hat. In den mehrklassigen Religionsschulen wirb doch allenthalben ein höheres Ziel angestrebt und auch erreicht. (Red.)

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