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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-10-07 · N° 41. (7.10.1886) · p. Seite 334

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 41. (7.10.1886)
Date
1886-10-07
Page
Seite 334 (sequence 2)
Language
German
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334 — wuth ausartete, und man sich die Frage habe vorlegen müssen: wo soll das hinaus, wenn's so weiter geht? Vor allen Dingen aber müßten Bedürfniß und Fähigkeit, zum alten Gott zu beten, bei den Eltern vorhanden sein. Diese wären es auch früher aller Orten gewesen, die ihre Kinder mit den Satzungen und Formen der synagogalen Gebete bekannt gemacht hätten, heute sei dies leider entweder aus Mangel an Wollen oder an Können selten mehr der Fall; ebenso wenig vermöchten Rabbiner eine durchschlagende Wandlung zum Bessern zu schaffen. Nur die Schule könne die angedeuteten Ziele anstreben und zur Erreichung dieses Zweckes schlägt der Referent die Einschiebung eines neuen Gegenstandes in den Lehrplan vor, nämlich „Uebung in der Liturgie".*) Er verlangt zunächst ein häufiges, gemeinsames Zusammenlesen in der Tefillah (Siddur), um Lesefertigkeit zu erzielen, die Abhaltung eines Minchagottesdienstes in der Schule, um die Kinder an ständiges Beten zu gewöhnen, und allmähliche Einführung in die Kenntniß des ganzen Kultus und in das Verständniß der Gebete. Schließlich empfiehlt er noch die treueste Pflege des liturgischen Gesanges, dem ein Lehrbuch mit leichten, traditionellen Weisen als Grundlage dienen soll. An der sich nun entspinnenden lebhaften Debatte betheiligen sich vorzugsweise Herr Landrabbiner Or. Buchholz und die Kollegen Blumenthal, Fink, Israel u. s. w. Bei der Abstimmung gelangen folgende Thesen zur Annahme: These I. In Anbetracht der in vielen jüdischen Häusern zu Tage tretenden mangelhaften religiösen Erziehung, insbesondere der arg darniederliegenden häuslichen und öffentlichen Andacht, ist es eine Hauptaufgabe der jüd. Schule, im Religionsunterricht das jüd. Kind mit allen zu Gebote stehenoen Mitteln für den häuslichen und öffentlichen Gottesdienst zu begeistern. These II. Die Schule kann zur Lösung dieser Aufgabe beitragen durch genaues Bekanntmachen des Kindes mit der Einrichtung unseres Kultus, durch Einführung in die Kenntniß und das Verständniß unserer Gebete, durch häufiges Chorlesen der öffentlichen Gebete, insbesondere aber auch durch treueste Pflege des ein-und zweistimmigen Gesanges. Nachdem nun Herr Vorsteher Pels der Versammlung den Gruß der Gemeinde Emden nachträglich überbracht hatte, ertheilte der Vorsitzende Herrn Israel-Norden das Wort. Sein Thema lautete. „Zur Frage des synagogalen Gesanges". Referent legt in der Einleitung dar, daß sein Thema, obwohl mit dem des Vorredners verwandt, dennoch von den Ausführungen desselben ganz unabhängig sei und entschuldigt dann die etwa noch vorhandenen Mängel seiner Arbeit mit dem Hinweis auf die kurze Vorbereitungszeit. Zur eigentlichen Aufgabe übergehend, bemerkt Vortragender, daß dieses Thema bereits in früheren Konferenzen behandelt und überall das Bedürfniß, den synagogalen Gesang zu heben, nachdrücklich betont wurde. Die mangelhaften Leistungen seien nicht sowohl Schuld des Lehrers, als vielmehr derjenigen Anstalten, welche seine Ausbildung übernehmen. Die meisten Anstalten für Lehrervorbildung besitzen keine geeigneten Lehrkräfte für dieses Fach, und in anderen wird von Seiten der Direktoren zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit diesem Unterrichtszweig gewidmet, obwohl von der größeren oder geringeren Befähigung für dieses Fach oft das ganze Glück des Lehrers abhängig ist. Ein Mangel auf diesem Gebiete ließe sich nur durch besonderen Gesang- und Musikunterricht ersetzen, den sich die wenigsten verschaffen könnten. Auch bei der Aufna hme ins Seminar müßte auf musikalische und stimmliche Begabung ein Hauptgewicht gelegt werden, was namentlich diejenigen Herren Direktoren außer Acht ließen, welche *) Dieser „neue" Gegenstand befindet sich im Lehrplan der Magdeburger Religionsschule schon seit vielen Jahren. (Red.) nach einer möglichst hohen Frequenz ihrer Anstalten streben. Es sei daher die Aufnahme ins Seminar möglichst auf stimmbegabte junge Leute zu beschränken, welchen unter Anleitung pädagogisch und technisch vorgebildeter Lehrer ein Ch a s o n us unterricht unter Zugrundelegung und steter Benutzung der vorzüglichsten Werke dieses Gebietes, wie Bär, Deutsch, Lewandowsky, Sulzer u. s. w., zu ertheilen sei. Eigene Kompositionen des Lehrers, oder die dem eigenen Geschmacke angemessenen Variationen aus den Werken der Meister seien vom Unterrichte auszuschließen. Dadurch sei es möglich, den angehenden Chasan mit einem Schatze brauchbarer Synagogenmelodien auszurüsten und ihm die Mittel und Wege zur weiteren Fortbildung zu erschließen. Schließlich richtet Redner auch an die bereits im Amte wirkenden Chasonim die Aufforderung, durch reges Streben an ihrer musikalischen Ausbildung zu arbeiten, und die Früchte ihrer Studien den Synagogen und Gemeinden zu Gute kommen zu lassen zur Hebung des Gottesdienstes und zur Veredelung des Geschmackes seiner Besucher. Nach eingehender Debatte*) werden die folgenden vom Referenten ausgestellten Thesen angenommen. These I. Es ist dringend n o t h w e n d i g, daß die Zöglinge der jüd. Lehrerbildungsanstalt weit mehr als bisher zu musikalisch gebildeten mit den traditionellen Gesangsweisen vertrauten, zur Einübung von Synagogenchören qualificirten Vorbetern herangebildet werden. These II. Nachdem bedeutende Kantoren Hilfsmittel für den Vorbeter veröffentlicht haben, tft die Einführung eines derartigen Werkes im Seminar zur Grundlage für den Chasonusunterricht dri ngendes Bedürfni ß. Im Einverständnlß mit der Konferenz konnte nun der Vorsitzende beiden Referenten für ihre gediegenen Arbeiten semen vollsten Beifall ausdrücken. Darauf trat eine Pause ein, während welcher das Mittagsmahl eingenommen wurde. Den ersten Toast brachte der Vorsitzende auf Se. Majestät den Kaiser und König aus, unter dessen segensreicher Regierung alle gemeinnützigen Bestrebungen gedelhen könnten. Es folgen nun noch verschiedene Trinksprüche ernsten und heiteren Inhalts, bei welchen auch „ein Wörtchen Ta uro" zur Geltung kam. Nach Verrichtung des Ttfchgebets und einer kurzen Erholung sammeln sich die Kollegen wieder, um die noch übrigen Punkte der Tagesordnung zu erledigen. Wegen vorgerückter Zeit muß jedoch Punkt 4, „Besprechung über das in unseren Schulen eingeführte Lesebuch von Haester- Blumenfeld" ausfallen. — Bei der nun folgenden Vorstandswahl wird der bisherige Vorstand per Acclamation wiedergewählt; und die auf Antrag erfolgende Neuwahl eines stellvertretenden Schriftführers fällt auf Oberlehrer Herrn Fi nk- Aurich, der dankend annimmt. Es folgt als letzter Punkt der Tagesordnung: „Anträge und Besprechungen." Der Vorsitzende legt den Mitgliedern ans Herz, für die hannöverschehinter - stützungskasse durch eigenen Beitritt und durch Sammlung in der Gemeinde und in Chebroth zu wirken. Von Kollege Rosenthal wird die Gründung eines Vereins zur Erziehung armer und Waisenkinder für Ostfriesland angeregt und die Nothwendigkeit einer solchen Anstalt mit speziellen Belegen dargethan. Die Konferenz verhehlt sich keineswegs die großartigen Schwierigkeiten, die ein solches Unternehmen in finanzieller Beziehung mit sich führt, und ersucht schließlich den Herrn Landrabbiner, auf Kosten des Vereins zunächst einen Aufruf an die Gemeinden behufs Betheiligung an diesem Werke zu erlassen, was auch bereitwilligst zugesagt wird. — Mittheilungenaus dem Lehrerleben und aus der Praxis der Schule halten noch längere *) Bei dieser Gelegenheit hat ein Kollege, der im Würzburger Seminar vorgebildet ward, die überraschende Mittheilung gemacht, daß dortselbst statutengemäß kein Unterricht in der Musik ertheilt werden dürfe. Das giebt zu denken. (D. E.)

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