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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-10-01 · N° 40. (1.10.1886) · p. Seite 328

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 40. (1.10.1886)
Date
1886-10-01
Page
Seite 328 (sequence 4)
Language
German
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- 328 dem Lager des Antisemitismus, welches an seine Getreuen u. a. folgende Forderungen stellt: „Ein wohlanständiges Auftreten in Geberde, Wort und Schrift; ' den Inden als einen Inhaber allgemeiner Menschenrechte zu behandeln. Gilt es ein Werk der Barmherzigkeit, so soll der rechte Antisemit auch dem Juden sein Herz nicht verschließen. Verwerflich sei das „salzlose Spotten über die körperlichen Gebrechen der Juden, das Provoziren derselben in der Presse, auf der Straße und iu Lokalen." Verwerflich jedes antisemitische Streberthum und „der Gest'ästsantisemitismus", letzterer insbesondere. wenn er sich in der Presse geltend macht und „die Rücksicht auf den Abonnentenstand zum ausschlaggebenden politischen Faktor erhebt." Leute, deren Vergangenheit mit einem sittlichen Makel befleckt, dürfen als Antisemiten niemals öffentlich heroortreteu „Der rechte Antisemit sei ein nobler Charakter, ein Patriot, ein besonnener, prinzipienfester, ziclbewußt handelnder Mann." — Wir glauben, bemerkt die ..Fre sinnige Zeit." mit Recht hierzu, daß, wenn nach diesen ..Rcformvorschlägcn" der Antisemitismus ausgemustert sein wird, cs alsdann überhaupt keinen Antisemitismus mehr giebt. Hamburg. (Or.-Corr.) Die iu den zwei Leitartikeln der Wochenschrift enthaltenen Hinweise auf die Gefahren, denen das jüdische Gemeindeleben durch die „freie Vereinigung" der Orthodoxie droht, haben ihre volle Richtigkeit. Es giebt aber auch eine gesinnungstüchtige Orthodoxie, die das Treiben jener auf Austritt und Trennung ausgehenden Wühler und Hetzer geißelt. So hat es hier berechtigte Verwunderung und zugleich Freude erregt, daß in unserer Nachbargemeinde Altona der Herr Oberrabbiner Or. Loeb jener „freien Vereinigung" nicht beigetreten ist. Ja, ec hat sogar seiner Zeit, anlehnend an das ul tifrausch min hazibbur, auf die antijiidnchc Tendenz jener Bestrebungen hingewiesen, denn Seclirerei sei dem Judenthum fremd. Aus Westprerchen (Or.-Corr.) Noch ist es nicht lange her, als Ihr gesch. Blatt seine Spalten einem Artikel öffnete, der wohl die Brust eines jedes Juden erschütterte, ja ich möchte sagen, mit Schauder erfüllte. Es betraf einen Fall aus der Missionsgeschichte, welcher, so oft er auch vorkommt, doch nur selten ans Tageslicht dringt. Wie schrecklich ist nicht ein solcher Fall für die Verwandten und für die betreffende Glaubeusgemeinde. wie empört sich nicht das Herz jedes Juden, dem hinterbracht wird, daß ein jüdischer Knabe von einem Missionär oder Geistlichen zur Taufe gezwungen wurde! Auch ich kann eine ähnliche kleine Geschichte erzählen. Nicht weil von der Grenze Westpreußens ereignete sich solch ein Fall, der bald einen tragischen Charakter angenommen hätte, wenn nicht durch das energische Eingreifen der Verwandten das Unglück verhütet morden wäre. Die Stadt, so klein sie auch ist, machte auf dem Gebiete des Antisemitismus recht gute Fortschritte, die man größtentheils den zahlreichen katholischen Geistlichen, die sich im Orte befanden, zu verdanken hatte. Auch ist in der Stadt ein Gymnasium, das in sehr geringer Zahl auch von jüd. Schülern besucht wurde, ein Feld, auf dem die kath. Geistlichen gut ackern konnten, um, vielleicht ginge es doch einmal, irgend einen Gewinn ziehen zu können, ob mit oder ohne Gewalt, war ihnen gleich. So geschah es, daß ein kath. Geistlicher einen jüd. Gymnasiasten so weit brachte, daß er sich — heimlich taufen ließ. Dieses ereignete sich im Mai anno 1882, zur Zeit der Blüthe des Antisemitismus. Der Getaufte besuchte regelmäßig die Kirche, ohne daß die Angehörigen etwas von dem Vorfall gemerkt hatten, da es in der betreffenden Stadt nicht auffällt, wenn ein Andersgläubiger in die kath. Kirche geht. So verstrichen mehrere Monate, es nahte das Rosch-Haschanahfest, der junge Mensch sollte in die Synagoge gehen — da erfuhr man die fatale Taufgeschichte. Sein Zimmer wurde untersucht und man fand bei ihm alle nölhigen Bücher; er trug auf dem Herzen das Blld des Heilands und der Jungfrau Maria, in seinem Bett lag ein Cruzifix.-Erlassen Sie mir auf die näheren Details einzugehen. Ich will nur noch erwähnen, daß der junge Mensch in das Pensionat eines Rabbiners gebracht wurde und jetzt Gott sei Dank wieder Jude ist. Er richtet seine Gebete an den einig-einzigen Gott. L. Königsberg i. Ar., 14. September. (Or.-Corr.) Das 25jährige Stiftungsfest des hiesigen israelitischen Waisenhauses ist vorgestern in der Synagoge durch Gottesdienst gefeiert worden. Diese ursprünglich für die Gemeinde Königsberg gegründete Anstalt hat sich iin Laufe der Jahre zu einer Provinzialanstalt erweitert, in der zur Zeit 25 Zöglinge erzogen werden. Die Mitbegründer, die Herren Or. A. Friedländer, Geheimer Kommerzienrath Simon und Stadtrath Theodor, haben während dieser ganzen Zeit dem Vorstände angehört, dasselbe gilt von Frau Cäcilie Gerber, die fünfundzwanzig Jahre hindnrch ihres Amtes als Ehrenmutter waltete. Nächst der Festpredigt wirkte besonders das eigens vom Obercantor Birnbaum hierzu componirte und von ihm mit Orgelbegleitung vorgetragene LI mole rachamim recht erhebend auf die Festversamnalung. Von ergreifender Wirkung war das G bet eines Waisenknaben. Herr Geh. Kommerzienrath Simon, welcher stets ein hervorragender Wohlthäter der Anstalt war, hat auch diesen festlichen Gedenktag nicht ohne erneute Wohlthrt vorübergehen lassen und dem segensreich wirkenden Institut wiederum große Zuwendungen gemacht. Derselbe hat der Anstalt 10.000 Mk. und jedem Waisenkinde ein Sparkassenbuch über 50 Mk. zum Geschenk gemacht. Zwei Waisen wurden außerdem durch Sparkassenbücher in Höhe von je 100 Mk. ausgezeichnet. Möge die Anstalt fortgesetzt reichen Segen in Stadt und Provinz verbreiten! Aus Sachsen. Ein Act der lobenswerthesten Toleranz vollzog sich dieser Tage in Groitzsch. Daselbst verstarb jüngst nach langem Leiden ein israelitischer Arbeiter in dürftigen Verhältnissen. Da der Begrübnißort der genannten Stadt evangelisch geweiht und der Fall, daß ein Jude daselbst starb, noch nie vorgekommen ht, entstanden bezüglich der Beerdigung einige Bedenken und obwohl sich die israelitische Cultusgemeinde in Leipzig auf Verwendung eines Bekannten des Verstorbenen tu überaus bereitwilliger Weise erbot, die Leiche kostenfrei nach dem jüdischen Friedhof zu Leipzig zu überführen, sollte die Bestattung auf Wunsch der Wittwe dennoch m Groitzsch, wo der mit allen Tugenden ausgezeichnete und allgemein beliebte Mann so gerne lebte, stattfinden. Nicht nur. daß der Kirchenvorstand in wirklich anerkenneuswerther Weise bereitwilligst eine Begräbnißstelle innerhalb des evangelischen Gottesackers einräumte, sondern es war auch die Leipziger israelitische Religionsgemeinde durch Beschluß des Vorstandes, Herrn Alex Wcrthauer, sofort erbötig zwei ihrer Beamten, nämlich die Herreu Cantor Jacobsohn, sowie Synagogeu-Jnspektor Wasserstrom unter Assistenz mehrerer Glaubensgenossen nach hier zu entbieteii, wodurch eine Beerdigullg mit religiöser Feierlichkeit ermöglicht wurde. — Ohne jede Einrede konnten die Herren am Grabe die üblichen Gebete in hebräischer und deutscher Sprache verrichten und unter ungemein zahlreicher Betheiligung von Seiten seiner Freunde, der freiwilligen Feuerwehr, des Mititärvereins — der Verstorbene war Feldzugssvldat — wurde der Sarg der Erde übergeben. L. Dresden Ende Sept. (Or.-Corr.) Dieser Tage tritt Herr Or. Jakob Winter, Rabbinatscaudidat des Breslauer Seminars, seine provisorische, vorläufig bis zum 1. April k. I., fixirte Stellung als „Rabbinatsverweser" uud gleichzeitig Dirigent der Religiousschule ai». Ein geborener Ungar (bei Preßburg) hat Herr Or. W. nach daheim genossenen talmudischen Vorstudien, die Berliner Hochschule, sowie das Breslauer Seminar, auf welchem er im December sein Studium abschließt, besucht. — Im Wettiner Gymnasium hat am Sedantag Paul Ringer, der sich dem Rabbinerberuf zu widmen beabsichtigt, und in dem entschlafenen Oberrabb. vr. Landau den schweren

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