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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-10-01 · N° 40. (1.10.1886) · p. Seite 327

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 40. (1.10.1886)
Date
1886-10-01
Page
Seite 327 (sequence 3)
Language
German
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— 827 — Aber mit dieser Eventualität, daß die Krakehlcr der Gemeinden zur „freien Vereinigung" kommen werden, hat sich diese nicht begnügt. Sie will „Nr. Sicher" gehen: der kluge Prophet wartet nicht, bis der Berg zum Propheten kommt, er kommt dem Berge entgegen. — Hören wir 8 5: „Organe des Vereins sind: a) der Vcreinstag, b) der Vorstand, c) der geschäftsführende Ausschuß, d) die Delegirten." — Wir haben hier eine regressive Klimax, wie wir noch sehen worden: was die „freie Vereinigung" an die Spitze stellt — (z. B. das Wörtchen: „freie") — das ist, dessen kann man sicher sein, das 5. Rad am Wagen, und was diese Herren als Schwanzstück zur Schau stellen, das ist. .. der Kopf. — „Die Delegirten" hat sich die „freie Vereinigung" auf zuletzt aufgehoben: sie sind „das Beste" in der Organisation. Ueber ihren Charakter giebt § 20 Aufschluß: „Zu Delegirten sind solche Männer zu wählen, welche durch bewährte Gesinnung und Thütigkeit, sowie nach ihrer sozialen Stellung als geeignet erscheinen, für die Zwecke der Vereinigung in ihren Kreisen thätig zu sein." — Hört es all' Ihr deutschen Gemeinden und all Ihr Männer, denen der Frieden der Gemeinden kein Spielball ist: Lest diesen § 20 noch einmal, und zum 3. Male und machet Euch klar, was er bedeutet! Er sagt Euch klar und ungeschminkt: wo in irgend einem Winkel einer deutschen Gemeinde ein orthodoxer Krakehlcr von einiger Reputation sich befindet, der wird, als „nach seiner sozialen Srellung geeignet, für die Zwecke der Vereinigung in seinem Kreise thätig zu sein", als Delegirter, der „freien Vereinigung" gewählt werden, und er wird den Pol bilden, der die bestehenden Verbindungen löst und die so frei gewordenen Atome zu einem Aggregat vereinigt, welches als ein stets anwachsender Keil in das Gefüge der Gemeinden immer weitere Risse und Spaltungen zerren wird. „Die Wahl der Delegirten erfolgt durch den Vorstand auf Vorschlag des Ausschusses". — Der Ausschuß, welcher aus 5—7 Mitgliedern besteht, die sämmtlich ihren Wohnsitz am Vororte (Frankfurt a. M.) haben müssen", wird sich schon seine Leute heraussucheu! Frankfurt a. M., die Metropole der Orthodoxie, die Mutter-Colonie aller bestehenden deutschen Separat-Gemein den, ist Vorort; das Vorstands-Contingcnt dieses Vorortes, ist „geschäftsführender Ausschuß" — und dieser, der Alles bestimmt, schlägt die Delegirten vor und nur die vom Ausschuß Vorgeschlagenen hat der Vorstand ein Recht zu wählen: die Wahl wird also immer auf die rechten Männer fallen! Was ist die spezialisirte Aufgabe der Delegirten? § 21: „Die Delegirten haben die Aufgabe, der Vereinigung Mitglieder und Belträge zuzuführen, sowie je nach Bedürfuiß Locarvereiuiguugen zu bilden, welche, die gleichen Zwecke anstrebend, in steter Verbindung mit der freien Vereinigung zu bleiben haben"- sind das nicht orthodoxe Separat-Gemeinde-Embryonen in allen Gemeinden? Werden diese Embryonen nicht blos auf günstige Umstände warten, um als fertige Gemeinde-Organismen sich auszuwachsen und auszuspielen? Und werden diese günstigen Umstände auf sich warten lassen, da — die „freie Vereinigung" besteht, ihre „Delegirten" in den Gemeinden hat, Männer „von bewährter Gesinnung und Thütigkeit", um „für die Zwecke der Vereinigung in ihren Kreisen thätig zu sein", der Vereinigung Mitglieder rc. zuzuführen,... Localvereinigungeu zu bilden . . . welche die gleichen Zwecke anstrebend mit der freien Vereinigung in steter Verbindung zn bleiben haben"? Was hat die Jesuiten aus Deutschland verjagt? Weil sie einen „Staat im Staate" bilden wollten! Was wollen unsere Jesuiten anderes, als überall eine „Gemeinde in der Gemeinde" bilden? — Unb sollen die Gemeinden da ruhig zusehen und diese Vereinigung sich als Schmarozer-Pflanze an ihrem Stamme ausbreiten und kräftigen lassen, bis sie ihnen die besten Kräfte ausgesaugt und die Lebensfähigkeit geraubt hat? — Ja, sollte es da nicht die Pflicht des Gemeinde-Bundes sein, die Initiative zu ergreifen, um die Gemeinden vor dieser „freien Vereinignng" zu warnen, welche den Angriff der Orthodoxie auf den Frieden der Gemeinden organisirt hat und das jüdische Gemeinde-Leben zu einem Monopol der Orthodoxie machen will? — Wie will der Gemeinde-Bund auf die, wenn auch nur äußere, Gestaltung des Gemeinde-Lebens einen gedeihlichen Einfluß geltend machen, wenn der Frieden der Gemeinden in die Brüche geht? — Sieht der verehrl. Ansschuß des D.-J. G.-B. auch jetzt noch nicht ein. auf welch' schiefer Ebene er sich bewegt, ja, daß er einen Selbstmord begeht, die Lebenswurzelu des Deutsch-israelitischen Gemei idebundes untergräbt, wenn er mit Separatbündlern Hand in Hand geht?! Eine größere Gefahr für den Frieden der jüdischen Gemeinden des deutschen Vaterlandes ist niemals in Szene gesetzt worden, als durch die orthodoxe „freie Vereinigung", und jede Betheiligung an diesem Verein, jede Unterstützung desselben ist Verrath am Heiligthum des Gemeinde-Friedens. — Der Leser wird sagen: das ist doch grau in grau gemalt! Es ist überall „dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen", und wenn erst viele freisinnige Männer Mitglieder der Vereinigung wären, dann müßte deren Einfluß auf die Thütigkeit der Vereinigung von selbst der Gefahr für den Frieden der Gemeinden die Spitze abbrechen. Lieber Leser, du hast Recht: „es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen", d. h. die Bäume des Einflusses der etwaigen freisinnigen Mitglieder! Nicht etwa dadurch, daß die „freie Vereinigung" die Aufnahme freisinniger Mitglieder verweigert: so unpraktisch-consequent sind unsere Jesuiten nicht, unsere Jesuiten wissen das Nützliche mit dem.Nützlichen zu verbinden. Nützlich ist es, recht viele Mitglieder zu bekommen, denn das füllt die Kasse mit dem nsrvus rsruna. Da es aber recht viele Orthodoxe. Gott sei's gedankt, nicht giebt, so ist es nützlich, auch freisinnigen Mitgliedern die Aufnahme zu gewähren. Nützlich im Sinne der Orthodoxie ist es aber auch, den etwaigen freisinnigen Mitgliedern allen Einfluß auf die Thütigkeit der Vereinigung zn entziehen, und es ist ihnen statutenmäßig aller eventuelle Einfluß entzogen. Ihr Geld wird ihnen abgenommen, sonst sind sie das fünfte Rad am Wagen.-Ehrlich wäre es gewesen, alle Freisinnigen auszuschließen, dann wäre die Betheiligung an der „freien Vereinigung" ein zuverlässiges Plebiscit über die Orthodoxie gewesen. Oder, wenn man das Geld der religiös- Freisinmgen brauchte, dann mußte in einem § gesagt werden: „Aktives Mitglied kann nur jeder werden, wer in Gesinnung und Leben der Orthodoxie angehört; bei wem dies nicht zutriflt, wer Sabbath- und Speisegesetze rc. nicht nach orthodoxem Zuschnitt hält, kann nur passives Mitglied werden, d. h. der kann die Ehre haben, uns einen Beitrag zu geben, hat aber sonst den Mund zu halten". So ehrlich rst nun unsere orthodoxe „freie Bereinigung" nicht, sie nimmt Alle, ohne Unterschied der religiösen Richtung als aktive Mitglieder auf, aber sie hat auf Hinterwegen dafür gesorgt, daß die religiös Freisinnigen nicht unbequem werden können. Durch welche Mittel? Das soll in kurzer Beleuchtung der Verwaltung der „freien Vereinigung" gezeigt werden. Berichte nnd Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg. Der Antisemitismus will sich reformiren, er will anständiger werden. Bis jetzt hat er. das wird damit zugestanden, sein Werk ohne jeden Anstand getrieben. Das „Kasseler Journal" veröffentlicht ein „Manifest" aus

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