Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 40. (1.10.1886)
- Date
- 1886-10-01
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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326 Die orientalische Frage und die Inden. Eine Rück- und Vorschau. Beim Schlüsse des religiösen Jahres ist wohl ein Blick auf das Geburtsland unsrcrerReligion amPlatze. Es vollziehen sich im Orient Ereignisse, die unsere Aufmerksamkeit auf die bevorstehenden Geschicke unserer dortigen Brüder lenken. Wir wollen keine hohe Politik treiben, — das kommt uns nicht zu — aber auf unserer Warte stehen wir, und was wir sehen, berichten wir: hier heraufziehcndcs schwarzes Gewölk, dort die durchbrechenden warmen Sonnenstrahlen — hier Schatten, dort Licht, — Trauriges. Freudiges — wie es der Zeiten Wechsel bringt und wie es der über allen Wechsel Erhabene verhängt. Da die Juden über der ganzen Welt zerstreut leben, so werden sie und ihre Geschicke von jeder Frage berührt, welche geeignet ist. den politischen Frieden zu stören. Nicht am wenigsten ist dies bei der orientalischen Frage der Fall, welche schon so lange als drohende Gewitterwolke am politischen Horizonte Europa's schwebt. Der Orient ist nicht nur die Wiege des Judenthums, er beherbergt auch noch zur Zeit eine sehr erhebliche Zahl unserer Glaubensgenossen, welche mit bangen Blicken in die Zukunft schauen mögen. Die Ereignisse in Bulgarien haben die Blicke Europas wieder einmal nach Osten gewendet. Die Vertreibung des edeln deutschen Fürsten von seinem ihn von den europäischen Großmächten gewährleisteten Throne und die schinähliche Verleugnung dieser Gewährleistung — haben die Gemüther aller ernstlich denkenden Menschen, vor Allem in Deutschland, mit Recht erbittert. Für uns Juden tritt aber noch ein besonderer Grund für die Theilnahme an dem Sch'cksale dieses tapfern und hochgemutheten Mannes hinzu. Fürst Alexander hat sich während seiner ganzen Regierung den bulgarischen Juden gegenüber als ei» gerechter und wohlwollender Herrscher gezeigt, er hat, so weit es an ihm lag, die humanen und toleranten B.slimmungen des berliner Friedens für die Juden seines Landes zu einer Wahrheit gemacht. Die bulgarische Regierung hat den Inden ihre Rechte niemals verkümmert, sie hat ihre Fürsorge auch diesem Theile der bulgarischen Nation zugewandt, sie hat sogar die jüdischen Schüler mit Geldmitteln unterstützt. In seinen» persönlichen Verkehre m>t den Juden hat Fürst Alexander niemals seine wohlwollende Liebenswürdigkeit verleugnet. Die bulgarischen Juden werden ihm sicherlich ein treues und gutes Andenken bewahren. Was ihnen die Zukunft bringen wird, weiß niemand. Die Aussichten sind eben nicht unbedenklich, namentlich das Ueberwiegen des russischen Einflusses. Rußland ist seit dem Tode Alexanders II. den Juden übelgesinnt, ein russischer Fürst unter directem russischen Einflüsse in Sofia wird sich schwerlich durch die Bestimmungen des berliner Friedens hindern lassen, wenn er die Juden seines Landes unterdrücken will. Vertrauen wir indessen auf die göttliche Vorsehung, welche ihre schützende Hand über die Juden Bulgariens halten möge. Ob es richtig ist, was in der jüngsten Zeit wiederholt angedcutet wurde, daß die Kaiser Mächte, namentlich Rußland und Oesterreich, über die Thellung der Türkei einig sind, mag dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall dienen die neusten Ereignisse dazu, den Zersetzungsprozeß, in welchem sich die Türkei schon seit lange befindet, zu beschleun gen, und ist es leicht möglich, daß bald genug die Russen am Bosporus, die Oesterrcicher in Salonichi herrschen. Da drängt sich sofort die Frage aus: was wird dann aus der asiatischen Türkei, vor Allem aus Palästina? Der letztere Theil der Frage dürfte leicht zu beantworten sein. England geht aus Egypten nicht heraus, das ihm jetzt für die Sicherung Indiens nothwendiger ist als jemals, und zur Sicherung Egyptens ist der Besitz Palästinas, gegen welches Egypten ganz offen liegt, unentbehrlich, wie dies die Geschichte zu allen Zeiten bewiesen hat. So würde denn Palästina wahrscheinlich unter englische Herrschaft gerathen, eine Aussicht, die für die palästinensischen Juden nur eine erfreuliche sein kann. Mit der Frage der politischen Zukunft Palästina's hängt aber die Angelegenheit der Kolonisation dieses Landes eng zusammen. Die jüdische Kolonisation hat bisher nur schwache, noch wenig versprechende Anfänge gezeigt, während man von christlicher Seite mit größerer Energie und namentlich mit praktischer,, Mitteln vorzugehen scheint. Nicht nur hat die schwäbische Templcrgemeinde schon seit längerer Zeit vier jetzt blühenden Kolsnien in Jaffa, Kaifa, Sarona und Rephaim bei Jerusalem gegründet, welche jetzt zusammen über 1200 Einwohner zählen, die im Ganzen schon ziemlich gut acclimatisirt sind und einen tüchtigen Ackerbau treiben, sondern cs ist auch auf dem jüngst in Breslau tagenden Katholikcncongreß der Beschluß gefaßt worden, daß die deutschen Katholiken auch ihrerseits sich thatkräftig an der Kolonisation Palästina's betheiligen sollen, und dieser Beschluß wird sicherlich kein leeres Wort bleiöen/ Das größte Hinderniß für das Gedeihen der jüdischen Kolonisation besteht wohl darin, daß dieselbe nur von den Armen und Schwachen ausgeht und meist von unpraktischen Menschen, Rabbinern, Zeitungsredacteuren u. a. geleitet wird. Einige Angesehene und Wohlhabende geben zwar Geld her, aber sie betheiligen sich nicht persönlich, man überläßt das Werk cingewanderten russischen Führern! Man glaubt genug gethan zu haben, wenn n,an nur Geld hinsendet; wie es verwendet wird, darum kümmert man sich nicht. Praktisch gebildete Kaufleute, erfahrene Fabrikanten und andere angesehene oder gut situirte Personen müßten das Kolonisationswerk thalsüchlich in die Hand nehmen und sich persönlich mit Rath und That an die Spitze stellen. So lange dieses nicht geschieht, werden wir ein wirkliches Aufblühen der Kolonien schwerlich erivarten dürfen, die Entwickelung wird da nur eine sehr fiangjame und kümmerliche bleiben. Soll aus der jüdischen Kolonisation etwas werden, so müssen Vertrauen erweckende, praktische Männer auch die Finanzangelegenhciten über die Geldsammlungen comrolliren, muß genaue Rechenschaft gelegt werden, die Verwendung derselden darf nicht der Willkühr einzelner gntmuthiger Personen überlassen sein. Eine wohlgeordnete Organisation thut dringend noth, — sonst ist's schade um all' das schöne Geld, das zu diesem Zwecke hinausge—sandt wird. Wir weroen aus diese Forderung einer festgegliederten Organisation, auf die wir wiederholt hingewiesen haben, und auf die Mangel der gegenwärtigen, über welche uns haarsträubende Berichte von einem Augenzeugen in Palästina zugegangen, in nächster Zeit zurückkommen — J9D1? rnrris. „Um Zions willen dürfen wir nicht schweigen . . . bis daß das Recht wie Helles Tageslicht aufgeht" . . . NQ2N mnö -J rD'TK'l dann wird die Heilung bald hervorsprießen!" — Dazu verhelfe uns Gott im neuen Jahre! Eine Gefahr für das jüdische Gemeindeleben Deutschlands. in.*) Wir haben gesehen, wie die „freie Vereinigung" ein Zentral-Büreau für die krakehlsüchtigen Elemente aller Gemeinden des deutschen Vaterlandes bedeutet. Jedes Separations-Gelüstchen wird in der „freien Vereinigung" eine mächtige Protectrice finden, __ und wenn keine andere Eventualität als diese vorläge, so müßte schon jedes charaktervolle und anständige Mitglied einer Gemen,de, das denjFrjeden der Gemeinden für ein unveräußerliches Gut des modernen Judenthums hält, bei Empfang eines directen oder indirecten — denn 1000 Wege führen nach Rom — Bettelbriefes für die freie Vereinigung sich sagen: jeder Pfennig Beitrag für die „freie Vereinigung" ist eine verrätherische That gegen den Frieden der Gemeinden! — *) Art. I. und II. siehe in Nr. 35 und 37.