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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-09-23 · N° 39. (23.9.1886) · p. Seite 319

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 39. (23.9.1886)
Date
1886-09-23
Page
Seite 319 (sequence 5)
Language
German
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819 — Berichte unk Gorresponkenzen. Deutschland. Hver-IngekHeim, 15. September. (Or.-Corr.) jSchlußs. Täuschen wir uns nicht; cs ist eine furchtbare Krisis, die wir zu bestehen haben. Ob irgend eine der traurigen Krisen des Judenthums von der gleichen Bedeutung war? Der Andlffere»tismirs, der Höfcuranlismus nnd der Antisemitismus beherrschen das Judenthum der Gegenwart; — ein trauriges Kleeblatt gegen das wir nur eine einzige Waffe haben:die Verbreitu ng unserer reine», wahrhaftige« Lehre und dadurch die Kräftigung des stttkilh-retigi-se« Lebens unter allen Gliedern unserer Religionsgemeinschaft — durch den Jugend-Unterricht. Die Wissenschaft, der Gottesdienst können helfen! Jedoch die Feinde besiegen und den Lebcnsbaum von der Wurzel ans wiederbeleben, kann «nr die religiöse Erziehung, der religiöse Unterricht. Und weil es leider wahr ist, daß uns vom Hause wenig Hülfe wird, müssen wir mit um so größerer Energie da w>rkcn, wo cs in unsere Hand gegeben ist — in der Schule! Und da muß ich zum Schlüsse noch der Ansicht des Herrn Correspondenten in einem Hauptpunkte entgegcntreten. Wenn ich mich auch in einzelnen Ausnahmssällen täuschen mag, im Großen und Ganzen wird Er und jeder Einsichtige mir dennoch Recht geben, wenn ich behaupte: Ungünstige Momente mögen bei einzelnen Menschen abnorme Entwicklungszustände schaffen, aber im A «gemeinen ist es ein mit unserem ganzen Sein, mit unserer ganzen Religion übereinstimmender Grundsatz, unsere heiligste Ueberzeugung: Bildung macht frei, wahres Wissen macht fromm! Tüchtiges Wissen ist sittlich-religiöse Macht! Streben nach Wahrheit erhebt den Menschen und giebt ihm die Kraft, festzustehen im Kampfe mit den Mächten der Finsterniß. Nur tüchtiges Wissen schafft Ueberzeugung und nur diese wirkt auch überzeugend. Der Unwissende, der leichtfertig in einen Beruf eingetreten ist, für den er nicht die erforderliche Geistesbildung mitbringt, die zum Weiterstreben ermuthigt; die das Wirken im Berufe zur Freude macht, ist von Anfang an ja schon ein schlechter Mensch, ein schlechter Charakter, denn er betrügt die, denen er das Beste, das Höchste bieten soll! Und der sollte „fromm" sein können in unserem Sinne? Was verstehen wir denn unter dem Worte? KTI TT nx*V H nra na "tidi naan. Darum dürfen wir nicht aufhören in unserem Rufe: Ihr, denen es gegeben ist, sorgt für die Heranbildung, für die Kräftigung eines tüchtigen Lehrerstandes! Haltet die Unwü digen fern von diesem Amte! Das ist Alles! Alles Andere mag gut und schön sein, — aber es sind verhältnißmäßig nur kleine Miltelchen, die nicht zuin Ziele führen. Wir warten auf die Comnussion, die diese Aufgabe hat und wir werden nicht müde werden, sie zu fordern. Was der Herr Correspondent noch von „jüdischer Pädagogik" sagt, wollen wir heute dahingestellt sein lassen. Behauptung gegen Behauptung! Mögen die Herren, die von jüdischer Pädagogik sprechen, einmal nur einen pädagogischen Lehrsatz ausstellen, der nur aus dem Judenthume, d. h. der jüdischen Religionslehre, dem jüdischen Religionsleben entstammt und nur auf Juden Anwendung sinden kann! Dann wollen wir Ihnen glauben. Es scheint mir, die Herren verwechseln: Geschichte der jüdischen Erziehung und des jüdischen Unterrichts mit ..Pädagogik"! Ich glaube, es verhält sich hier etwa, wie mit einer „jüdischen" Heilkunde. Giebts eine solche? Es hat ausgezeichnete jüdische A erzt e gegeben, aus dem jüdischen Leben schöpften und Förderung ihre, Wissenschaft zogen. Giebt es darum eine jüdische Heilkunde?" — Pädagogik entstammt der Anthropologie, der Psychologie, der Erfahrung. Das sind ihre Quellen! — Unser Ziel ist und bleibt das gleiche. Wir leben für unserer Kinder! — W. Danzig. Der seit 36 Jahren in Preußen wohnhafte, seit 22 Jahren in Lautenberg verheirathetc Handelsmann Jakob Lew in aus Lautenburg erhielt im Anfänge des Sommers gleich vielen Anderen die Ordre, mit seiner Ehefrau und seinen sechs Kindern (das jüngste 2 Jahre alt) das preußische Staatsgebiet zu verlassen. Lewin begab sich demgemäß nach seinem Geburtslande Rußland, wurde von dort aber nach Preußen zurückgewiesen, weil sich aus den russischen Registern seine dortige Staatsangehörigkeit nicht ermitteln ließ. Da er völlig mittellos war, blieb chm nichts übrig, als nach seiner bisherigen Heimath Lautenberg zurückzukehren. Dort erhielt er eine voin Landrath des Straßburger Kreises unterm 21. Juli gegen ihn erlassene Verfügung. nach welcher ihm der fernere Aufenthalt in Preußen untersagt und ihm eine Geldstrafe von 150 M., eoent. eine Haststrafe von 2 Wochen an gedroht wurde, wenn er nicht binnen drei Wochen mit seiner Familie das preußische Staatsgebiet verlassen habe. Lewin konnte dieser Weisung nicht Nachkommen, da die russischen Behörden ihn nicht über die Grenze lassen und er zur Reise nach einem Seehafen resp. zur Ueberfahrt in ein fremdes Land keine Mittel besaß. Unterm 16. August wandte Lewin sich nun an den Regierungspräsidenten ut Marienwerder, erklärte sich bereit, der Ausweisungsordre zu folgen, bat aber um Anweisung der erforderlichen Mittel zur Reise, da er dieselben aufzubriugen außer Stande sei. Eine Antwort auf die Eingabe ist ihm angeblich nicht zugegangeu. Inzwischen aber hat unterm 21. August der Strasburger Landrath die angedrohte Geld- resp. Haftstrafe für vollstreckbar erklärt und die Polizei Verwaltung zu Lautenburg mit der Vollstreckung beauftragt. Gleichzeitig wurde gegen Leivin eine neue Geld- resp. Haftstrafe festgesetzt, wenn er nach Verbüßung der 2 Wochen Haft nicht binnen 8 Tagen mit seiner Familie abreise. Wie L. dies möglich machen soll, darüber enthalten die Strafverfügungen allerdings keine Andeutung. Werden die Haftstrafen an ihm vollstreckt, so fallen unterdessen seine Ehefrau und Kinder der öffentlichen Armenpflege der Stadt Lautenburg zur Last, nnd wenn die Strafe verbüßt ist, dann ist man mit ihm gerade so weit wie jetzt und die Tragödie kann sich auf diese Weise bis an sein Lebensende stets wiederholen. Einstweilen hat sich der unglückliche Mann mit der Bitte um Rath und Hilfe in seiner trostlosen Lage an die hies. Gemeinde — hoffentlich nicht vergeblich — gewand'. Wenn man bedenkt, wie viele Tausende, ja Hunderttauseude nach Palästina gesendet, oft verschwendet, werden, so fragt man sich, ob jene Challahgelder, nicht eine bessere Verwendung im Lande fänden! Aus dem Kannoversche«. (Or.-Corr.) Während man in Süddcutschland der Schule und besonders dem Religionsuuterrichtc mehr Sorge zuwendet, scheint es bei uns beim Allln geblieben zu sem. Obgleich schon im vorigen Jahre in den Spalten dieses Blattes über den gänzlichen Mangel einer guten Lehrprobe in Religion geklagt wurde, geht cs jetzt dennoch im alten Geleise weiter. Wenn auch andere Unterrichtszweige, sehr viel Zeit und Geld kosten, so wäre hier das Wort am Platze: Das Eine thun und vom Anderen nicht lassen. Anders ist es im Seminar zu Cassel. Während hier wöchentlich 2 Lehrproben in Religion abgehalten werden, ist jetzt auch dafür gesorgt, daß auch die im Amte befindlichen Lehrer dies Gebiet nicht vernachlässigen. So schreibt mir ein befreundeter College: „Wir bekommen hier jetzt amtliche Conferenzcn für Religionsunterricht. Vor kurzem waren die Lehrer des T'schen Rabbinats auf Einladung des Or. 36. in Z. zusammengekommen, um von demselben die Eröffnung entgegenzunehmen, daß seitens der diversen Rabbinate die Einführung amtlicher Konferenzen für uns als Religionslehrer geplant sei, und daß die Regierung dieses Projekt nicht nur gut geheißen hat, sondern auch einen Beitrag zu den Kosten der alljährlich zweimal abzuhaltenden Konferenzen in Aussicht gestellt habe. Or. X. meinte, wir

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