Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 39. (23.9.1886)
- Date
- 1886-09-23
- Page
- Seite 318 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 318 Maybaum s Rede an Löwe's Bahre.*) „Zu Dir breite ich meine Hände aus, Ewiger! Wie die Erde nach Regen, so schmachtet meine Seele nach Deinem Tröste! Selah! — Was sollte uns denn erheben aus unserer Trauer, was uns wieder aufrichten an dieser Bahre, wenn nicht der Aufblick zu Dir. der Du unser Vater bist, ob Du giebst oder nimmst. O, so verleihe uns die Kraft, in demüthiger Ergebung die schwere Prüfung zu ertragen, lehre uns unsere Tage zählen, auf daß wir ein weises Herz gewinnen, auf daß wir heute so leben, als stürben wir morgen, daß wir auskaufen die Zeit, wie dieser Edle, dessen frühen Hintritt wir so tief betrauern! Dann wird der Segen für uns erblühen aus dieser Trauerfeier und die Lücke sich wieder schließen, die der Tod uns gerissen. Amen!" Hochgeehrte Trauerversammlung! Nicht wie der alte Prophet dürfen wir an dieser Bahre klagen, daß der Gerechte stirbt, ohne daß es Jemand der Beachtung werth hielte; die heutige Trauerfeier giebt von dem Gegentheil Zeugniß, daß in unserer Zeit der Hintritt des wahrhaft Gerechten in weitesten Kreisen der innigsten Theilnahme begegnet. Mit den bekümmerten Leidtragenden, mit den früh verwaisten Kindern, mit den schwergeprüften Geschwistern klagt hier unsere Glaubensgemeinde, eine Mutter in Israel, über den Hintritt ihres großen Sohnes, dessen Leben und Wirken ihr zum Segen und zum Ruhme gereicht. Und siehe da: Israel ist hier nicht vereinsamt in seinem Schmerz, zu ihm gesellen sich Häupter und Väter dieser Stadt, Boten des Landes und des Reiches, und sie allesammt beklagen den schweren Verlust, den in dem Tode dieses Edlen mit seiner Glaubensgemeinde zugleich Stadt und Vaterland erlitten. Uebcrall begegnen wir der aufrichtigen Trauer über den Hintritt dieses Mannes, der mit den Besten seiner Zeit für die Verwirklichung seiner Ideale gestrebt und gestritten, der für Wahrheit, Freiheit und Recht gekämpft und gelitten, so lange der Hauch des Allmächtigen ihn beseelte. So offenbart sich uns hier im Tode, was uns im Leben so oft verborgen bleibt, daß das Wirken des wahrhaft Edlen und Gerechten messianische Erfolge erzielt, daß die Glaubensschranken und die gesellschaftlichen Unterschiede schwinden, wo reines Menschenthum sich offenbart, daß alle Guten und Edlen sich vereinen und den Verlust als einen ureignen empfinden, wenn einer jener Kämpfer dahingeht, deren Waffen Liebe und Gerechtigkeit und deren Schild Treue und Wahrhaftigkeit genannt wird. Darum glaube ich der erhabenen Stimmung, die uns allesammt hier trotz aller Trauer erfüllt, am besten gerecht zu werden, wenn ich auf den verewigten Genossen anwende eine jener Seligpreisungen des Psalmdichters, in denen das Wirken der Edlen und Gerechten auf Erden gekennzeichnet wird, jene Seligpreisung, die da lautet: „Selig ist der Mann, der auf den Ewigen sein Vertrauen setzt und sich nicht kümmert um die Uebermüthigen und die Anhänger der Lüge." Meine Andächtigen! Vielleicht dürfte es Manchem befremdend erscheinen, daß ich auf den Verewigten in erster Reihe anwende das Wort des Psalmisten: „Selig ist der Mann, der sein Vertrauen auf den Ewigen setzt", zumal in einem jener Nachrufe, die in den letzten Tagen veröffentlicht wurden, von dem Verblichenen gesagt ward, daß er dem sogenannten religiösen Dogma fernstand. Dieses Urtheil aber zeugt von einer ebenso geringen Kenntniß des Judenthums, um das es sich hier handelt, wie des Verewigten selbst. Von dem echt religiösen Empfinden des Verewigten könnte ich zahlreiche Beweise anführen, wenn die offenkundige Thatsache allein nicht schon genügte, daß er an der Verwaltung unserer Glaubensgemeinde betheiligt war, daß er besonders im Schulvorstande derselben, dem die Pflege der religiösen Erziehung unserer Jugend in erster Reihe obliegt, eine hervorragende Thätigkeit entfaltete, daß er seine Kraft dem Judenthum zu einer Zeit zur Verfügung stellte, in welcher es unter mannig- *) Nach stenographischer Niederschrift. facher Verkennung und Verleumdung so unsäglich leiden mußte. Wahrlich, nicht das Mitleid mit den Unterdrückten war es, was ihn, der sich schon im Dienste unserer Stadt und unseres Vaterlandes einen klangvollen Namen erworben hatte, in die Reihen der Vertheidiger des Judenthums führte — solch immerhin schwächliches Empfinden hatte der strengen Wahrhaftigkeitt eines Ludwig Löwe widerstrebt — nein, tut Gegentheil, es war sein liebender Sinn für Wahrheit und Gerechtigkeit! Ec kannte sein Judenthum besser, er wußte einerseits, daß eS das Denken des Menschen nicht in die starre Form eines Bekenntnisses zwängen will, und er kannte andererseits das Gebot unseres Propheten Micha, der den Kern des Judenlhums also ausdrückt: „Es ist Dir gesagt worden, o Mensch, was gut ist — und was fordert denn der Ewige von Dir Anderes, als: Gerechtigkeit üben,Liebe bethätigen und in Demuth wandeln vor Deinem Gort." Und je mehr er sich daher bewußt war, daß er auch mit seiner öffentlichen Thätigkeit im Dienste und zum Heile seiner Mitbürger das Grundgebot seiner Religion erfüllt, um so eifriger war er bestrebt, der Verkennung und Verleugnung der jüdischen Sittenlehre entgegen zu treten und ihre volle Üebereinstimmung mit den edlen und großen Zielen der Menschheit aufrecht zu erhalten. Ja, weil er den Ewigen als den Inbegriff des Guten, Wahren und Edlen erkannt hatte, war auch sein Wirken auf Erden überall von Segen und Erfolg begleitet. Sein Glaube war der Glaube des Judenthums, und wie in seinem Gemüthe alles Gute und Edle lebte, so erfaßte er mit warmer Begeisterung einen Glauben, der ihn nicht nur zum wirkungsvollen Redner, sondern noch mehr zum Manne der sittlichen That machte. So wurde aus dem armeu Lehrerssohne der hochbedeutende und einflußreiche Mann. So kam es. daß der noch nicht 50jährige mehr als zwei Jahrzehnte der Verwaltung unserer Stadt und fast einJchrzchnt der Vertretung unseres Landes angehörte une überall zum Segen und Herl seiner Mitbürger wirkte.*) Das Alles aber war das Ecgebniß seines Gottvertrauens. Das war der Erfolg einer Religion, die nicht Lehre, sondern Leben und That ist, d>e aus dem innersten Bewußtsein, aus dem Mittelpunkt der sittlichen Persönlichkeit hervorgeht und Alles mit dem warmen Herzblut der Liebe zu durchdringen sucht. Für den Verewigten selbst aber bleibt seine unerschütterliche Zuversicht, sein Vertrauen auf den gesunden Sinn seiner Mitbürger ein unvergängliches Ehrendenkmal, denn es zeigt uns, daß sein Vertrauen aus Gott sich paarte mit dem Vertrauen aus die edlen Regungen des menschlichen Herzens. Sein politisches Bekenntniß berührt sich hier mir dem religiösen, mit dem Glauben an die in allem Guten und Edlen fortschreitende Menschheit, an eine Zeit der Gerechtigkeit und des Friedens, wo das freie Menschenthum über den dumpfen Kastengeist den Sieg errungen hat. Die Guten fördern uns auch durch ihren Tod. Ihr Tod zeigt uns, was wir an ihnen besessen und fordert uns auf, für die Ideale zu kämpfen, deren Verkörperung sie gewesen. Und so möge denn das Bild des Verklärten, das jetzt den tiefbekümmerten Kindern und Geichwistern leuchtend vor die Seele tritt, nimmermehr weichen ans ihren Herzen Möge es für alle Zeiten ausrusen zur Nachfolge in allen Tugenden des verklärten Vaters. Dann werden sie den Trost des Psalmisten erfahren: Wenn Vater und Mutrer Dich verlassen dann nimmt der Ewige Dich in seinen Schutz. Wir Anderen aber, ferne Freunde und Verehrer, seine Mitstreiter und Gesinnungsgenossen, wir wollen uns die Hände reichen und die Lücke schließen, um ungeschwächt, wie bisher, für Wahrheit und Freiheit, für Liebe und Gerechtigkeit zu kämpfen und zu dulden. So tröste uns und helfe uns denn, ewiger, einziger Gott! *) Löwe war am 27. November 1837 in Hciligenstadt geboren. Seit 1864 gehörte er der Berliner Stadtverordnetenversammlung, seit 1877 dem preuß. Abgeordnctenhause, seit 1878 dem deutschen Reichstage an.