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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-09-16 · N° 38. (16.9.1886) · p. Seite 312

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 38. (16.9.1886)
Date
1886-09-16
Page
Seite 312 (sequence 6)
Language
German
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— 312 — : m und wie auf Verabredung geben wir fast Alle dem Wunsche Ausdruck, daß doch endlich einmal dieser unästhetische, eines jüdischen Bethauses unwürdige Name „Zitz eu ne rsch ule" aus dem jüdisch-deutschen Sprachschätze eliminirt werde; — Man kann, ohne irgend welchen Mißton herauszuhören, von einer „Zigeunergasse" aber nicht von einer „Zigeuner-Synagoge" die Rede sein lassen, und es muß dem nur ein wenig zartfühlenden Juden der neuen Zeit, der sich schon in seiner Kindheit über die üblich gewesene Zusammenstellung „Juden und Zigeuner" weidlich geärgert, auch der Name „Zigeuner-Synagoge ein gelindes Gruseln verursachen; — Prag ist so reich an historischen ruhmvollen Reminiscenzen, und an findigen Köpfen, daß es durchaus nicht schwer fallen dürfte, für den Namen „Zigeuner-Synagoge" einen anderen, das jüdische Ohr, wie das jüdische Herz nicht gleich beleidigenden, passenden Namen zu finden. Nun weiß ich wohl, man wird diese ganze Bemerkung kleinlich finden, aber wenn sich jener „Schimpfname" nicht noch ferner Jahrzehnte forterben soll, mußte doch einmal darauf hingewiesen werden. P ra vd e cky. In Meilentreblitfch hatte bei der solennen Geburtstagsfeier des Kaisers, der dortige aus christlichen und jüdischen Mitgliedern bestehende Veteranenverein es für gut befunden, sich an dieser patriotischen Feier ea parade und mit der Vereinsfahne zu betheiligen. Niemand hatte daran etwas Anstößiges gefunden, nur der Herr Ortspfarrer war anderer Meinung. S:in katholisch-frommer Sinn ließ ihn in dieser Theilnahme ein Vergehen gegen das Christenthum des Vereines und besonders gegen die christliche Weihe der Vereinsfahne erblicken, und er konnte sich es nicht versagen, seiner Entrüstung in einer geharnischten Epistel an den Obmann des Veterünen-Vereines Ausdruck zu geben, worin dem katholisch-israelitischen Vcteranenvereine kund und zu wissen gethan wird, daß die Fahne die bisher in der katholischen Kirche aufbewahrt wurde, nun nicht eher daselbst zur Aufbewahrung zugelassen werde, als bis dies das Consistorium, dem der Fall sofort angezeigt wurde, darüber entschieden habe. ~ (Was doch die einfache, unschuldige, bloße Anwesenheit bei einer patriotischen Feier im jüdischen Bethause, für die Katholiken für üble Folgen haben kann! Und doch spricht Gott der Herr, dessen Wort doch auch dem Pfarrer von Weitentrebtitsch bekannt sein sollte: „Mein Haus soll ein Bethaus für alle Völker genannt werden.") Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Wenn dieses Blatt unfern Lesern zu Händen kommt, werden sie bereits durch die Tagesblätter der verschiedensten politischen Parteifärbung Ausführliches über die Trauerfeierlichkeiten in der Hauptstadt ob des frühen Todes Ludwig Lowe's gelesen haben. Wenn wir all' das Treffliche und Zutreffende, was von berufener Seite (Rabbiner Dr. May bäum) bei der Trauerfeier in der Synagoge, und von politischen Freunden (Virchow, Träger, Hermes) auf dem Friedhofe an seiner Bahre gesprochen wurde, hier wiedergeben wollten, wir müßten mehr als eine Nr. unseres Bl. damit füllen. Wir beschränken uns — beim Abschluß dieser Nr. — auf das Telegramm der „Magd. Zeit." und einen kurzen Auszug aus den Reden. Das erstere lautet: „Berlin, 14. September. Die Trauerfeier für Ludwig Löwe hat heute Vormittag um 9 Uhr in der Synagoge stattgefunden, wohin der Sarg mit der irdischen Hülle des Verstorbenen gestern Abend überführt worden war. Die Aufbahrung war eine überaus prächtige, die Zahl der Kränze und Palmen eine ganz gewaltige. Vor dem Sarge hielten zwei Chargirte der „freien wissenschaftlichen Vereinigung" die Ehrenwache. Die weiten Räume füllte eine dichtgedrängte Menge. Die beiden städtischen Behörden, die zugleich Kränze' darbrachten, waren mit dem Oberbürgermeister v. Forckenb eck und dem Bürgermeister D u n k e r an der Spitze nahezu vollzählig vertreten. Eben so hatte sich die Fraction der. Fortschrittspartei, so weit ihre Mitglieder in Berlin anwesend sind, ia corpore eingefunden. Von sonstigen Parlamentariern bemerkten wir Herrn v. B enda; auch Professor Mommsen: so wie der Staatsminister a. D. v. Bernuth waren erschienen. Der Gemeindechor leitete die Feier nach einem Orgel-- Präludium mit dem Gesänge: „Der Mensch, wie Gras sind seine Tage" ein. Dann nahm der Rabbiner Dr. Maybaum das Wort zur Trauerrede, in welcher er den Dahingeschiedenen feierte als den religiösen Mann, der mit den Besten, seiner Zeit für die Verwirklichung hoher Ideale gestritten. Nachdem der Gesang „Herrliches ist ihm gelungen" die Feier geschlossen, trugen 12 Arbeiter der Löwe'schen Fabrik den Sarg hinaus, wo sich inzwischen schon der Trauerzug geordnet, hatte. Verschiedene Musikkorps waren in dem langen Zuge cingereiht, welcher sich durch die Oranienburger Straße nach^ nach dem Begräbnißplatze in der Schönhauser Allee begab. Dort wurde der Sarg unter Trauerklängcn in die schwarz, ausgeschlagcue und mit Blumen geschmückte Gebcthalle getragen und hier auf hohem K'tafalk aufgebahrt, während der Trauerzug alle Gänge des Platzes füllte. Die Feier in der Gebethalle selbst begann um 11 Uhr mit dem Gesänge des Mendelssohn'schen „Es ist bestimmt in Gottes Rath". Dann nahm Prof. Virchow das Wort zur ersten Rede, in der er. die Treue des Verstorbenen, seine Menschenfreundlichkeit und seine Versöhnlichkeit schilderte und mit dem Wunsche schloß, daß es Berlin gelingen möge, die Erinnerung an den Sodten. wach zu erhalten. Der zweite Redner, Albert Träger^, feierte Ludwig Löwe vor Allem als Menschen. Nmiens des 1. Berliner Wahlkreises, den Löwe vertreten, legte dann noch mit kurzer Ansprache Dr. Hermes einen Kranz nieder- Mit Abschiedsworten, Geb.t und Segen des Rabbiners Dr.. Ungerleider und dem Gesänge: „Was vom Staub, kehrt, heim zum Staube" schloß die Feier in der Halle." Professor Dr. Virchow begann seine Gedächtnißrede mit folgenden allgemeinen, das Judenthum und besonders die Berliner jüd. Gemeinde ehrenden, Sätzen: „Hochverehrte Trauerversammlung! Wer daran gewöhnt ist, die Geschichte des Menschengeschlechts in großen Zügen zu studircn, der weiß, daß es auch in dem Sterben ein gewisses Gesetz giebt, eine Ordnung. eine zeitliche Absterbeordnung, welcher jedes Alter, jedes Geschlecht, jede Race unterworfen und sich bewußt ist, jährlich rhr Kontingent stellen zu müssen zu den Todtcn. Wenn ich nrich hier in dieser großen Versammlung umblicke, so berührt mich kein Gedanke mehr, als die Frage: Wie geschieht es, daß kein anderer Kirchhof dieser Stadt in so kurzem Zeitraum so große Trauerversammlungen in sich vereinigt gesehen, als der Begräbnißplatz der jüdischen Gemeinde? Ist es der Umstand, daß die jüdische Gemeinde eine höhere Abstcrbeordnung hat, als die christliche? oder ist es der Umstand, daß die Mitglieder dieser Gemeinde in höherem Maße ihre Kräfte erschöpfen, um sie zum Tode zu führen? Wir wissen es, die jüdische Race hat von jeher sich ausgezeichnet durch eine große Lebenszähigkeit, welche sie befähigt, sich hohe Altersstufen zu erhalten. Es kann also nur die Art der persönlichen Thätigkeit sein, welche eine so' hervorragende Zahl von Personen dieser Gemeinde in der kurzen Zeit dem Tode zugeführt hat, und in der That ist von den Zeiten von Moses Mendelssohn ab die Stadt Berlin gewohnt, in ihren jüdischen Mitbürgern die treuesten Helferin allen guten Werken zu sehen, die thätigstcn und aufopferndsten Theilnchmcr am allen Aufgaben der öffentlichen Wohlfahrt zu erblicken, llnd wenn wir in so kurzer Zeit Laster, Magnus, Straß mann begraben haben, und wenn wir jetzt unfern besten Mann hierherbringen, so ist das ein sichtbares Zcugniß dafür, in welchem Maße die jüdische Gemeinde ihre Männer in den öffentlichen Dienst stellt. Die große Versammlung ist hier, um Ehre und Anerkennung dem Todtcn zu beweisen, sie ist aber auch zugleich ein Ansdruck dankbarer Anerkennung für das, was die jüdische Gemeinde in und für Berlin geleistet." Rcchtsamvalt Träger's poetisch durchhauchte, blumenreiche Rede knüpfte an die Scgensworte Löwe's an, mit denen er von dieser Erde schied: Gott segne alle guten Menschen! und legte dar, wie Löwe segensreich in der Familie, in Arbeitskreisen, in der Commune und im Parlamente gewirkt. Besonders hob er seinen Wvhlthütigkeitssilln hervor:.

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