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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-09-16 · N° 38. (16.9.1886) · p. Seite 310

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 38. (16.9.1886)
Date
1886-09-16
Page
Seite 310 (sequence 4)
Language
German
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was geschieht? Wenn die s. g. Lehrer diese Prüfung. — eine Art Culturexamen, — das früher kaum das forderte, was jetzt jeder gut ausgebildete Volksschüler wissen und können muß — nicht bestehen können, so stellen sie die Ge« meinden als Cantoren an uud schlagen dem Gesetze ein Schnippchen. Diese lehren dann „oren," — man frage mich nur nicht wie? — Die Rabbinen drücken ein Auge zu, denn was sollen sie machen? — Die Gemeinden sind's zufrieden und die Cantoren bleiben, — bis sie eben unmöglich geworden sind. Dann gehen sie an einen anderen Ort, die Gemeinden bekommen einen ebenso würdigen Nachfolger — und so gehts fort. Isis anderwärts anders? Das kann und darf nicht so fortgehen. Das muß anders werden. Das laisser aller ist in diesem Punkte Vernichtung der Religion in Tausenden unserer Kinder. Ich bin nicht einverstanden mit dem, was Ihr Correspondent R.-A. verlangt; weiß nicht, was er unter „theologischer" Bildung der Lehrer versteht; weiß also eigentlich nicht, was er will. Ich möchte nicht aggressiv sein; aber ich komme immer wieder auf meine alte Rede zurück: Bei aller Achtung vor der Theologie dürfen wir nicht vergessen, daß Theologie und pädagogische Methodik Gegensätze sind. Aber — der Lehrer darf kein Am hoorez sein! (Schluß folgt.) Stettin, den 7. Stptbr. (Or.-Corr.) Im April d. I. waren es 40 Jahre, daß Herr B. L iss er hier Vorsteherder Chewrah kadischa wurde. Nur wer selbst ein ähnliches Amt je bekleidet hat, weiß, was für Mühe und Fleiß dazu gehört, dasselbe voll und ganz auszufüllen, denn es stellt nicht nur Ansprüche an Zeit und Geld, es erfordert oft auch persönliches Eingreifen und zwar gerade in den schwierigsten Verhältnissen. In wahrhaft echt jüdischer Weise hat Herr Lisser sein Amt ausgefüllt, still und geräuschlos, aber mit freudigem Herzen hat er dafür gesorgt, daß der Verein seinen menschenfreundlichen Zwecken und Zielen auch stets ganz gerecht werde; so manche Thläne ist durch ihn getrocknet, so mancher Hungrige gespeist und so manches Weh gestillt worden. Zunehmendes Alter veranlaßt aber Herrn Lisser, sein Amt niederzulegen, resp. eine Neuwahl abzulehnen. Seine Amtscollegen jedoch hielten es für ihre Pflicht, alles Mögliche aufzubieteu, dem Collegium eine so bewährte Kraft zu erhalten und so wurde denn Herr Lisser zum „Ehren-Vorsitzenden" ernannt, wozu die Generalversammlung. Vorstand und Repräsentanten der hiesigen Gemeinde gern ihre Zustimmung gaben. Der Geburtstag des Herrn Lisser im vergangenen Monat, gab Gelegenheit, demselben das betreffende künstlerisch ausgeführte Diplom zu übergeben. Vollzählig erschienen dazu der Vorstand der Chewrah kadischah, die Vertreter des Vorstandes und das Bureau der Repräsentanten-Versammlung und Herr Rabbiner Or. Vogelstein. Letzterer richtete im Namen des Vorstandes der Chewrah an Herrn Lisser zu Herzen gehende Worte. Nach ihm sprach Herr Or. Freund als Vertreter des Vorstandes, der im Namen beider Körperschaften der Gemeinde ebenfalls Herrn Lisser eine Adresse überreichte und nochmals persönlich den Dank für alles Geleistete darbrachte. Herr Lisser, der von allen seinen Angehörigen umgeben war, dankte in bewegten Worten für alle Liebe und Treue und versprach dem Verein auch weiterhin, soweit es ihm eben möglich, seine Dienste zu leihen. Ein längeres Beisammensein der Deputationen erhöhte nachher auch die Gemächlichkeit, so daß das Ganze einem Familienfeste glich. Wir wissen recht gut, daß es dem bescheidenen Sinne des Herrn Lisser abhold ist, seinen Namen öffentlich genannt zu sehen, für dieses Rial muß er solches schon entschuldigen. Wir schließen mit dem Wunsche, daß dem würdigen Manne noch ein heiterer und glücklicher Lebensabend beschieden sein und daß er sein Ehren-Amt recht lange noch bekleiden möge. Thüringen, 2. September. (Or.-Corr.) Nachdem in vor. Nr. bereits über die am 23. und 24. v. Mts. in Eisenach abgehaltene Jahresversammlung des „Vereins jüdischer Cultusbeamten Mitteldeutschlands" kurz berichtet worden, jedoch mehr das Formale berührend, sei nunmehr ergänzend über den Inhalt der Verhandlungen referirt. Dieselben eröffnete Herr Landrabbiner Or. Salzer mit einem Vortrage, welcher sich mit der Beantwortung der Frage beschäftigte: „Wie sind die Wundergeschichten der Bibel didaktisch in der Schule zu behandeln? Der geehrte Redner schickte seinem inhaltreichen und fesselnden Vortrage die Bemerkung voraus, daß bei der Beantwortung der zur Aufgabe gestellten Frage die Stellung, welche die Anhänger der naturalistischen Anschauung zu der Wunderfrage einnehmen, hier außer Betracht bleiben müsse, da sie mit der Bibel und daher mit der Lehre des Judenthums nicht in Einklang zu bringen sei. Darauf entwickelte er in fast einstündigcr Rede sein Thema dessen Hauptgedanken in Folgendem gipfelten: Die Wunder, in der Schrift mit IHK und NSD bezeichnet, werden in der Bibel als Schöpfungsthaten Gottes hingestellt, als welche wir sie aufzufassen haben. Als solche sei ihre Möglichkeit außer Zweifel. Das höhere Wesen, welches das größte aller Wunder, die Schöpfung des großen Weltalls aus Nichts vollbracht habe, müsse ja auch im Besitze der Macht sein, die eingesetzten Naturgesetze zeitweilig und örtlich ändern zu können, wenn Seine Weisheit dieses zur Erreichung großer Heilzwecke für nothwendig erachtet. Der Einwurf, es sei der Gottheit nicht angemessen, zu Gunsten eines einzelnen Volkes außerordentliche, mit den Naturgesetzen im Widerspruche stehende Wunder zu üben, sei leicht zu widerlegen, da ja die Wunder der Bibel nicht blos diesem einzelnen Volke gelten, sondern die Erziehung des ganzen Menschengeschlechtes dadurch erzielt werden sollte. Die Wunder, mit Ausnahme des Wunders der Offenbarung am Sinai, seien übrigens nicht als Beweisstücke zur Begründung ewiger Wahrheiten und als zu diesem Zwecke vollbracht anzusehen, da die Bibel stets nur die Offenbarung am Sinai als solches anführt, die übrigen aber als von der augenblicklichen Lage bedingt hinstellt. Die Wunder der Bibel zerfallen in drei Gruppen. Zur ersten Gruppe gehören diejenigen Wunder, welche absolut natürlich nicht zu erklären seien, bei welchen sich daher jeder Versuch natürlicher Erklärung hinfällig erwiesen hat und erweiset. Diese müssen eben in der Schule einfach als Wunder, als Schöpfungsthaten Gottes, dargestellt werden, als Wirkungen der göttlichen Machtvollkommenheit, Weisheit und Güte, so z. B. die Spaltung des Meeres, die Offenbarung am Sinai, das Manna rc. Zur zweiten Gruppe gehören diejenigen Wunder, welche an und für sich eigentlich Wunder nicht zu nennen wären, es aber erst dadurch geworden seien, daß sie zur bestimmten Zeit und am bestimmten Orte eingetreten sind, wie z. B. die Wachteln. Zur dritten Gruppe gehören diejenigen, welche eine allegorische Deutung zulassen, wie z. B. die kupferne Schlange. In der Unterklasse müssen die Wunder der Bibel einfach erzählt und auch die der zweiten und dritten Gruppe ohne Erklärung gegeben werden, da gerade in diesem Alter alles Wunderbare mächtig auf das kindliche Gemüth einwirke. Dieser Ansicht huldige auch Kehr. Diesem Pädagogen entgegen aber müssen die Wunder auch in den Oberklassen Gegenstand des Unterrichtes sein und zwar die der ersten Gruppe als absolute Wunder und die der zweiten und dritten mit den ihrer Natur nach zulässigen Erklärungen. Dieses Letztere sei durchaus nochwendig, um später auftretenden Zweifeln zu begegnen und der Schädigung des Glaubens vorzubeugen. Am Schluffe führte der Redner noch die Worte Diesterweg's an: „Mag der Lehrer zu den Wundern stehen, wie er wolle, in keinem Falle darf er bei der Erzählung der bibl. Geschichte Kritik anweuden, das hieße zerstören, anstatt aufbauen, das hieße den göttlichen Funken im Herzen des Kindes auslöschen, allstatt ihn zu einer erwärmenden und belebenden Flamme anzufachen".

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