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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-09-16 · N° 38. (16.9.1886) · p. Seite 309

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 38. (16.9.1886)
Date
1886-09-16
Page
Seite 309 (sequence 3)
Language
German
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— 809 — auf, daß sie allesammt Kinder dieser Erde sind; und sie Alle flehen Jupiter pluvius an, daß er die Schleusen des Himmels öffne und seine erfrischenden Tropfen herabströmen Asse auf Gute und Böse, auf Semiten und Antisemiten. Ja es herrscht jetzt eine andere Temperatur in der Metropole des Antisemitismus. Wo stecken ihre großen Maul-, Zeitungs- und Säulen-Helden? Wo sind die schönen Sedanfeste, die mit Ball, Freibier und Hetzen gefeiert wurden? Wo sind sie hin, die Stöcker und Pickenbach, Wagener und Liebermann, Förster und Grousselliers? Der Eine schweigt, der Andere sitzt, der dritte schwimmt — über den Qcean. Dieser wirst sich dem Vegetarianismus in die Arme, Jener wandelt unter Palmen! Und alle die guten Männer und Frauen, die einst zur großen Heerschau aufgeboten wurden und unmittelbar vor den Wahlen an den schönen Reden und noch schöneren Getränken ihr patriotisches Ergötzen fanden, sie mußten dieses Jahr am Sedantage für ihre nationale Befriedigung selbst sorgen und selber zahlen! Keine ellenlangen Inserate, keine Verbrüderungswalzer in hundert Sälen. Ist das das Loos des Schönen hier aus Erden? Ist die Hochfluth wirklich so zurückgegangen, daß sie nicht einmal mehr die Urgermanen trägt? Oder verfliegt ihr Patriotismus, sobald die Goldquelle nicht mehr fließt? Vor Jahren, welcher Jubel, welche Begeisterung! Das war zur Zeit vor den Wahlen. Heuer, im wahllosen Jahre, giebt es nichts für das Volk, kein Fest, kein Freibier, keine Musik. Weßhalb? Etwa weil Stöcker an gelähmten Stimmbändern leidet, oder weil Herr Pickenbach, fern vom Gewühl der Welt über die Misere des Lebens nachdenkt? Koheleth hat und behält Recht: Alles hat seine Zeit! Wir aber, die Juden Berlins, haben wahrlich genug mit unserer innern Mission zu thun, hier sieht manches wirklich so aus wie im „Staate Dänemark" nach dem bekannten Ausspruch Hamlets. Doch da erhalte ich die tiefbetrübende Kunde von dem gestern erfolgten Tode eines unserer trefflichsten Vertreter: Ludwig Löwe's. Welch' ein großer Verlust!... Lasker, Straßmann, Löwe! norfrö ratm DniSJ ibs: -p« „Ach gefallen sind die Geistesstarken, die Redegewaltigen, dahin sind die Rüstzeuge des Kampfes für unsere gerechte Sache!" . . . Aerkin, 1. September. (Or.-Corr.) Dieses gesch. Bl. tritt stets den separatistischen Gelüsten entgegen, auch wenn diese angeblich eine DtpS sind. Sie werden daher, gesch. Herr Redacteur, wohl Raum zu einer Entgegnung gewähren, wenn der Ruf »nitt" („theilet") eingestandener Maßen nur wegen der Verweigerung einer höhern Subvention erschallt. In der letzten Nr. dies. Bl. plaidirt ein Charlottenburger für die Lostrennung von der Hauptgemeinde Berlin, weil man 1. Synagoge und Religionsschule in Berlin ihrer Entfernung wegen nicht benutzen kann, und 2. weil Berlin zur Erhaltung dieser eine zu geringe Subvention gewährt. Den ersteren Grund anlangend, liegen die Verhältnisse in Charlottenburg nicht günstiger, als in Berlin. Vom 18. Stadtbezirk, dem steuerkräftigsten Charlottenburgs, ist es näher nach Berlin, als nach dem Mittelpunkte von Charlottenburg. wo die Synagoge und die Religionsschule ist. Noch nie kam von dort Jemand zur Synagoge, fast kein dortiges Kind besucht überhaupt eine Charlottenburger Schule. Vom Thiergartenhvf, Englische Str., Kaiserin-Augusta Allee, Tegeler Weg, Westend, wo überall Juden wohnen, ist eine Entfernung von 30—45 Minuten Weges zur Synagoge und von mehreren dieser Punkte ist der Mittelpunkt Berlins mit Stadt- und Pferdebahn schneller und billiger zu erreichen, als der Mittelpunkt Charlottenburgs. Im Uebrigen wären die Religionsvereine in Berlin, welche auch für Gottesdienst und Religionsunterricht sorgen, froh, wenn sie mehr als die Hälfte ihres Bedarfs von der Hauptgemeinde zugeschossen erhielten, wie es der Charlottenburger schon seil mehreren Jahren erhält. Bei den hohen Ansprüchen, welche die Charlottenburger an ihre religiösen Einrichtungen stellen, sie wollen den Berlinern in keiner Weise nachstehen, würde schon der Ankauf, die Einrichtung und Erhaltung eines eigenen Friedhofes die größten Opfer erfordern. Die höher besteuerten Israeliten, welche dann dem Steuerzwange unterworfen wären, würden sich, befragt, wohl kaum für eine Loslösung aussprechen. Auf ein Waisen- und Krankenhaus, auf Altersversorgungs¬ und andere wohlthätige Anstalten, die Berlin bietet, müßte für absehbare Zeiten verzichtet werden. Ist also eine Lostrennung empfehlenswerth, gerecht und — praktisch? HVer-I«gekHeim, 26. August. (Or.-Corr.) Der verehrte Correspondent „aus der Provinz Hannover" in Nr. 30 und 31 d. Bl. der sich mit meinen Artikeln über den Religionsunterricht" beschäftigte, scheint inich für einen sehr grausamen Menschen zu halten, indem er mir kurzweg die Absicht unterschiebt, ich wolle „zu Gunsten der tüchtigen Lehrer die minder tüchtigen „„beseitigen!"" Eine kleine Bosheit des Herrn, „daß die tüchtigeren Lehrer nicht immer die frömmsten sind," will ich nur nebenbei berühren, D"lKrT DT3& PIKT. Ich glaube, daß wir doch auch das Gegentheil nicht behaupten können! Sind die Tüchtigen immer un fromm? — Ich weiß nicht, was sich der geehrte Herr Correspondent bei diesem Prädikate denkt und ob wir uns unter demselben Gleiches vorstellen! Sind die Untüchtigen darum nothwendig immer fromm? Wird er schließen können: Dieser Lehrer ist gewiß fromm; denn er weiß Nichts? Ja, noch mehr! Wird er von einen polnischen Schnorrer, der ein tüchtiger Talmudist zu sein vorgiebt, um deßwillen — von der Tüchtigkeit als Lehrer abgesehen, — überzeugt sein, daß er ihn als einen frommen Lehrer — in seinem und meinem Sinne bezeichnen kann? Nicht zu Gunsten der tüchtigen Lehrer. — denn nur der Stand, nicht der Einzelne würde gewinnen, — sondern zu Gunsten, zum Heile des Religionsunterrichts, des Judenthums, des jüdischen Lehrerstandes die über den Personen stehen, will ich die unlauteren Elemente, die sich in den Lehrberuf einschleichen, ohne irgend welche Vorbildung und Befähigung mitzubringen — nicht überhaupt „beseitigen"; dies Wort klingt doch zu hart, — sondern aus dem Lehrerberufe und Lehrerstande entfernen; oder, besser gesagt, für die Zukunft fern halten. Legt mir darum der Herr Corr. etwa die Meinung unter, ich wollte die bereits angestellten Männer nach bekanntem Muster austreiben? Hält er mich für einen solchen Roscho, daß ich von etwa jenen Vorkommnissen an unserer Ostgrenze anderwärts Gebrauch machen, gleiche Maßregeln unterstützen wollte? Was wir wollen, ist eine Prüfungs-Commission, ausgerüstet mit der höchsten Autorität, welche ein Prüfungsreglement für jüdische Religionslehrer entwirft; und, mehrere Commissionen in Deutschland, welche von jener ersten Commission autorisirt, auf Grund jenes Reglements jeden ins Amt tretenden Lehrer und jeden, der sein Amt wechselt und noch kein, legales vollwerthiges Prüfungszeugniß hat, gewissenhaft prüft und ihm ein Diplom giebt, das zum Ertheilen von Religionsunterricht berechtigt und etwa dieselbe Bedeutung für den Lehrer hat, wie die .Hattoras Haurooh" für den Rabbinen. wie die „Kabboloh" für den Schochet. — Sind denn diese Aemter wichtiger als das Lehramt? Niemand wird einen Rabbiner ohne Hattorah, einen Schochet ohne Kaboloh aufnehmen, und zum Lehramte sollte jeder Hergelaufene tauglich und berufen sein? Wo gleichwerthige Prüfungen von Staatswegen bereits eingeführt sind, wie wahrscheinlich in Hannover, hat man wohl von den Zuständen in anderen Gegenden keinen Begriff. Das preußische Gesetz fordert meines Wissens für den Religionslehrer das Examen eines Elementarlehrers. Ist ein solches eine Gewähr für genügende Fachkenntniß als jüdischer Religion sichrer? Aehnlich verhält es sich in anderen Ländern. Nur selten wird man fachgemäße Vorbildung in den jüdischen Fächern fordern. In dieser Beziehung genügen die staatlichen Anordnungen selten. Auch in Hessen ist eine Prüfung für Religionslehrer angeordnet. Allein,

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