Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 37. (9.9.1886)
- Date
- 1886-09-09
- Page
- Seite 303 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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303 — mußte also zur Neuwahl des Vorstandes geschritten werden und wurde Herr Prediger Facken he im mit Stimmeneinheit zum Vorsitzenden, Herr Vr. Salzer zum Stellvertreter und Herr Lehrer Baumgart zum Schriftführer gewählt. (Herr F. hat die Wahl nnr auf 1 Jahr angenommen.) Die Referate, welche die HH. vr. Krön er-Hannover (Systematischer Religionsunterricht) und Jacobsohn (über Einrichtung von Jugend-Gottesdienst) übernommen hatten, mußten, weil die Herren Referenten nicht erschienen waren, ihre Referate auch sticht Vorlagen, ausfallen. Einen Zuschuß zu den Reisekosten, wie ihn der D.-J. G.-B. bisher stets gezahlt, und auch in diesem Jahre an die anderen Lehrer-Vereine gezahlt hat, hat derselbe unserem Vereine diesmal zu zahlen verweigert, weil unser Verein im vor. Jahre den Muth hatte, die Maßregeln des D.-J. G.-B. betreffs der Beamlen-Pcusionskasse an der Hand der Statistik etwas näher zu beleuchten. Dafür diese kleinliche Maßregelung, die den durchsichtigen Zweck, die Lehrer zu Handlangern und „Werbern" des D.-J. G.-B., wie jüngst ein Deligirter sagte, zu machen, wohl verfehlen dürfte. Für 100 Mk. .Zuschuß verkauft unser Verein seine Selbstständigkeit nicht. Einen ausführlichen Bericht über das interessante Referat des Herrn Rabb. Or. Salzer (die pädagogische Behandlung der Wundererzählungen), sowie über den Gang der Verhandlungen werden wir in der nächsten Nr. bringen.) Worn Wein. (Or.-Corr.) Am 29. Aug. waren es 25 Jahre, seitdem in der jüdischen Gemeinde zu Lauten, deren schorr die jüd. Chronisten des Mittelalters ermähnen, Herr L. Ellmann als Religionslehrer und Cantor amtirte. Obschon der Herr Jubilar sich jede Ovation zu dieser Feier verbeten hatte, wollten es sich die Gemeiudeglieder doch nicht nehmen lassen, den Ehrentag ihres verdienten Cultusbeamten in schöner und erhebender Weise zu begehen. Zu diesem Zwecke versaminelterl sich morgens 8 Uhr die Schüler und Schülerinnen, von den Eltern begleitet, in dem festlich geschmückten Schulzimmer und brachten unter Vortrag eines Festliedes und passender Gedichte ihre Glückwünsche dar. Hierauf überreichte eine Deputation der Gemeinde daS von derselben gewidmete prachtvolle Ehrengeschelik. Tief gerührt dankte der Gefeierte und betonte besonders, daß er eine solche Anerkennung nicht verdient habe; sein Wille und seine Absichten seien stets die Besten gewesen, seine Leistungen aber hätten das erwünschte Ziel nicht erreicht. In seiner Wohnung zurückgekehrt, empfing er die zahlreichen Geschenke der einzelnen Gemeindemitgtieder und deren Glückwünsche. Die Masse der cinlausenden Telegramme und Glückwunschschreiben .zeigte so recht, welcher Liebe und Achtung sich der Gefeierte auch über die-Grenzen seines engeren Wirknngskreises hinaus zu erfreuen hat. Ganz besvildcrs hervorhebcnswerth ist der Umstand, daß auch die christliche Nachbarschaft ihre Liebe und Verehrung durch Ueberrcichung kostbarer Geschenke an den Tag legte. — Möge es der Gemeinde, welche sich rühmen darf, daß von ihren Mitgliedern auch nicht ein einziges je durch Entweihung des Sabbaths Aergeruiß gegeben, noch recht lange beschicden sein, den in ihrem Geist und Sinne wirkenden Beamten den ihrigen nennen, und letzterem, rüstig au Körper und Geist auch einst das goldene Amtsjubiläum feiern zu können. Aus dem hannoverschen) 1. September. (Or.-Corr.) Der zweite Theel des Berichtes über die jüngste Lehrer- Cvnfereuz in Halinover (Nr. 35) veranlaßt mich zu einigen Berichtigungen. Zunächst betreffs des liturgischen Gemeindegesanges. Herr Seminardirector vr. Krön er hat meines Wissens beit Werth und die Bedeutung des Gcsangunterrichts, auch des liturgischen, keineswegs bemängelt.*) Was die diesbezügliche allgenommene These anlangt, so verhielt sich die Sache wie folgt: Der Referent hatte ursprünglich mehrere Thesen in anderer Fassung aufgestellt. Wie das denn aber *) Aus dem uns zugegangeueu gedruckten Protokoll ging dies allerdings hervor. (Red.) gewöhnlich geht: beim Parlamentiren vergeht zuviel Zeit. Jeder will eine andere Fassung, obgleich im Grunde genonlmen Alle dasselbe wollen. Daher stellte Herr vr. Kroner den Vermittelungsvorschlag, wonach der Referent seine Thesen zurückzog und die von vr. K. redigirte angenommen wurde, die im Grunde genommen, dasselbe sagt. Sie ersehen daraus, daß Herr K. durchaus keine Scheidung zwischen Elementar- und Religionsschule will. — Wo der Lehrer befähigt ist und die Stundenzahl es gestattet, da gehört die Gesangstunde in den Lcctionsplan der Religionsschule. Dagegen hat der Lehrer das Synagogenwesen nicht so unbedingt unter seiner Leitung, und die Lehrer-Conferenz hat über Cultussachen nur mit Einschränkung zu beschließen. Man kann doch die ortsüblichen Melodien, die vielleicht 10—20 Jahre eingebürgert sind, nicht durch andere Chormclodicen verdrängen, namentlich dann nicht, wenn man beschränkte musikalische Begabung hat. Da nun andererseits die Schule sich dem Leben anpasseu soll, so kann wegen Verschiedenheit der Geschmacksrichtung und wegen Festhalten des Hergebrachten (nicht wegen Verschiedenheit der „Ansichten", wie Herr Rosenbaum sich ausdrückt) ein einheitliches Gesangbuch nicht eingeführt werden. Die Schlußnotiz in Betreff des Weinberg'schen Antrages ist ebenfalls vomBerichterstatter nicht ganz genau wiedergegeben.*) Statutengemäß hat die Lehrer-Conferenz über alle das Schulwesen betreffende und zur Hebung der Schule und des Lehrerstandes beitragende Gegenstände zu verhandeln. Wenn nun die Praxis in den letzten Jahren sich der Behandlung religionsunterrichtlicher Fragen zugewcndet hat, so ist das nicht dem Wortlaute der Statuten entgegen, wohl aber dem Geiste derselben, da allgemeine Fächer jedenfalls zur bessern Behandlung ebenfalls einer Besprechung seitens des Lehrervereins unterzogen werden könnten. Darauf war Weinberg's Verlangen bei Feststellung der nächstjährigen Lehrer-Conferenz Themata gerichtet. Herr vr. David-Hannover widersprach, weil wir eine jüdische Lehrer-Conferenz seien, und die allgemeinen Fächer auch in pädagogischen Zeitschriften, sowie in christl. Lehrer-Couferenzen genugsam behandelt würden. Dies ist eine ganz und gar statutenmidrige Auffassung, sowohl des Hannoverischen jüd. Lehrer-Vereins, als auch der Lehrer-Vereine überhaupt. Alles was unsere Schulen interessirt, nicht weil sie jüdisch sind, sondern weil sie unsere Schulen sind, gehört zum Ressort der Lehrer-Conferenz. Der Verein hat auch nicht seine Gründung dem Streben nach Vertretung des Judenthums als solchem zu verdanken, sondern weil die jüdischen Lehrer und Schulen gemeinsame Interessen haben, die eben anders geartet sind, als die Interessen christl. Lehrer und Schulen. Wir haben also einen confessioncllcn Verein ohne aber ausgesprochener Weise die Confession als solche zu vertreten. So ist es ja auch mit den christl. Vereine»!. — Päd. Zeitschriften und Bücher aber können ebensowenig die jüd. als die nichtjüd. Lehrer-Conferenzen überflüssig inachen. Oesterreich-Ungarn. Hfrag, 1. September. (Or.-Corr.) In einer vom vorigen Monate aus „Prag" datirten Correspondenz wird von einem „Draußigeu" über die gesundheitsschädliche Beschaffenheit der Luft in der böhmischen Hauptstadt und die Pflichtvergessen heit der Religionslehrer an den dortigen Mittelschulen in Einem Klage geführt. — Der Causalnexus zwischen diesen beiden heterogenen Klageobjccten dürfte vielleicht aus dem bekannten talmudischen Spruche „Die palästinensische Luft macht weise" zu erklären sein. Wenn die reine Gebirgsluft Palästinas weise macht, warum sollte die dumpfe, übelriechende Luft der Prager Judeustadt nicht träge urrd pflichtvergessen mache»!! — Die Religionslehrer sind pflichtvergessen, weil die zum Eintritte in's Gymnasium angemeldereu jüd. Schüler bei der zu dem Behufe vorgenommenen Aufnahmeprüfung nicht auch *) Wir haben nach dem Protvkvtt refcrirt, das für uns doch maßgebend sein mußte. (Red.)