Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 36. (2.9.1886)
- Date
- 1886-09-02
- Page
- Seite 296 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9585330-9585636--6340-9585642- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 296 — durch angestclltc Schlächter ausgeführt werden dürfen." Die erste Forderung betrifft das rituelle Schächten der Thiere zum Genuß für die Bekenner der jüdischen Religion. Es steht zu erwarten, daß hier die interessirten Kreise alle Mittel in Bewegung setzen werden, um zu vermeiden, daß jemals dieser Forderung Rechnung getragen wird; im Uebrigen hat Sr. Durchlaucht Fürst Bismarck sich ja auch hierüber derartig ausgesprochen und durch Geh. Reg.-Rath vr. Rattenburg kundgegeben: „daß die Reichsregierung dem Verlangen der Thicrschutz-Vereine, das einen Eingriff in die religiösen Satzungen des Judenthums bedeute, niemals ihre Zustimmung geben werden." Die zweite Forderung der Thierschutz-Vereine, das Schlachten nur durch geprüfte, lizensirte Personen vornehmen zu lassen, ist unsererseits entschieden zurückzuweisen; cs ist vor dieser Versammlung nicht nöthig, die Gründe dafür einzeln anzuführen — wohin sollte cs führen, wenn für jedes Stück Vieh, für jeden Hammel, Kalb rc. erst der „Tödter" herbeigerufen werden müßte. Gerade in den öffentlichen Schlachthäusern werden die Thiere am sichersten und schnellsten getödtet rc. Ich bitte daher, dem Anträge zuzustimmen: „Gegen die Petition der vereinigten Thierschutz- Vereine einen Protest bei Sr. Durchlaucht dem Fürst von Bismarck einzureichen, ferner eine Gcgenpetition beim Deutschen Reichstag, dahingehend, daß das Tödtcn der Thiere jedem gelernten Fleischer oder jedem das Fleischergewerbe Lernenden, letzterem unter Aufsicht sachverständiger Meister oder Gesellen, zustehen müsse. Wir alle verwahren uns gewiß dagegen, nicht ebenso human gegen die Thiere zu sein, wie alle Mitglieder der Thierschutz-Vereine zusammengenoinmen; in Folge dessen erheben wir gegen einen Erfolg Protest, den die Bestrebungen eines derartigen Vereins schon errungen haben. In Frankfurt a. M. ist ein Mann angestellt, welcher sämmtliche Rinder, die auf dem dortigen Schlachthof geschlachtet werden, tödten muß. Dieser angestelltc „Schläger,," ist links, muß also mit der linken Hand das Beil beim Schlagen leiten, mithin muß jedes Thier nach solchem Schlage auf die rechte Seite fallen, es kann also ein Stechen des Thieres nicht in üblicher Weife vor sich gehen. Dies beweist, daß bei solcher Wahl von Beamten eher die Thierquälerei begünstigt als vermieden wird. Der Antrag des Referenten wird einstimmig angenommen. Inowrazkaw, 27. Aug. (Or.-Corr.) Ein tiefschmerzliches Ereigniß hat eine hiesige, jüdische Familie und mit ihr die ganze Gemeinde in große Trauer versetzt. Die 21jährige Ehefrau des Grundbesitzers Cohn war im Begriff, Geflügel zu sengen, wobei sie unvorsichtiger Weise Spiritus benutzte, den sie in einer Schale zum Brennen gebracht. Diese Schale war jedoch durch irgend eine unvorsichtige Bewegung der unglücklichen Frau umgeworfen woroen, und augenblicklich hatte sich der Inhalt über deren Kleider ergossen, und zugleich ward die Unglückliche von der Flamme erfaßt, die sie im Nu ganz einhüllten. Zn ihrer Angst und Verzweiflung lief sie zum Ueberfluß die Treppe hinab Hier versuchte ein Mitbewohner die Flamme zu ersticken, was ihm auch gelang, indem er die brennenden Kleider vom Körper riß, wobei derselbe sich auch die'-Hände verbrannte. Die unglückliche Frau war schwer zugerichtet worden, da den ganzen Körper eine Brandwunde bedeckte. Sie hatte nun die gräßlichsten Schmerzen zu erdulden, denen sie auch schon am anderen Morgen erlag. Gestern Nachmittag hat die Beerdigung unter großer Betheiligung stattgesunden. Vor dem Friedhose sprach Herr Rabb. Or. Kohn tiefergreifende Worte, die kein Auge thränenleer ließen. Möge dieser Unglücksfall unseren Hausfrauen eine Warnung sein! Hleiwitz.(Or.-Corr.)VorKurzem waren nach ziemlich langer Pause einige Ausweisungen erfolgt, und glaubte man, daß damit bie Liste derer geschlossen ist, deren Wiege nicht in Preußen stand; leider war die Ansicht eine irrige, denn vor wenigen Togen ereilte 28 zum größten Thei! Familienvätern mit mehreren Kindern, deren Frauen sämntlich Preußinnen sind, das gleiche Schicksal. Dreiviertel dieser Ausweisungsbefehle wurden Glaubensgenossen zugestellt, mit der Anweisung, in. kürzester Zeit Stadt und Land zu verlassen. Zum größteit Bedauern der Mitbürger sind es achtbare Familien, Kaufleute, Handwerker und Kommis, deren Existenz mit einem Schlage vernichtet ist, und die kaum wissen, wo sie in nächster Zeit ihr Haupt werden niederlegen können; wenn auch einige in der Lage sind, Unterstützungen abzulehnen, sind doch Einzelnen von den verschiedenen Wohlthütigkeils-Vereinen nahmhafte Beträge zugestellt worden, damit sie die Stadt, ivo sie jahrelang gelebt und sich anständig ernährt, nicht leer zu verlassen brauchen. Oesterreich-Ungarn. Zfreßvurg, 25. Aug. (Or.-Corr.) Der Bischof und Superintendent der hiesigen protestantischen Gemeinde feierte gestern sein Priester-Jubiläum, aus welchem Anlässe auch die israelitische Religionsgemeinde eine Deputation unter Führung des Herrn Rabb. Dr. David entsendete, um dem Jubilar zu gratnliren. In seiner Ansprache bemerkte der Prediger, daß die jüdische Gemeinde sich hierdurch nicht nur der allgemeinen Anerkennung, anschließe, die den ersten Priester infolge seiner langjährigen verdienstvollen Leistungeir auf dem Gebiete der Seelsorge,, der Humanität und des Patriotismus zu Theil werde, sondern sic gebe auch der vollen, friedfertigen Hochachtung Ausdruck, die sie gegen jede andere Confession und deren hervorragende Vertreter hege. Der Bischof erwiderte freundlich und dankend die Gratulation, und betonte unter Anderem,, daß es stets seine Aufgabe war und sein werde, Frieden und Duldung unter den Confessionen zu fördern und der jüdischen Religion Achtung zu verschaffen, und zwar schon aus Dank gegen das Judenthum; die Katholiken und Protestanten müssen ja anerkennen, daß sie blos Zweige Eines Stammes,, der jüdischen Religion, sind, der sie ihren Grund und ihre Wahrheiten verdanken. Zu dem Rabbiner gewendet, sagte er dann, daß sie ja Beide denselben geistlichen Beruf haben und daher auch das Freundschaftsgefühl sie verbinden müsse. Der Jubilar erinnerte auch daran, daß ec zu jener unseligen Zeit, da die antisemitische Wuth hier fürchterlich raste, allen ihm unterstehenden Geistlichen in 98 Gemeinden den Auftrag - gegeben, das Volk vor Ausschreitungen zu warnen und Friedensliebe und Toleranz zu predigen. — Ich glaube, so mancher protestantische Seelenhnt in Deutschland dürfte sich an den Worten dieses greisen ungarischen Bischofs ein. Muster nehmen und sie selbst beherzigen. Neutra (Or.-Corr.) In der hiesigen Gemeinde, einer dergrößten Ungarns, dürfte es in kürzerer Zeit zu einer Spaltung kommen. Die Unzufriedenheit eines beträchtlichen Theiles der einige Tausend Seelen zählenden Gemeinde nimmt solche Dimensionen an, daß eine große Anzahl der Gemeindemitglieder den herrschenden Uebeln nur in der Weise abhelfen, zu können vermeint, wenn sie aus dem Verbände der Gemeinde austrete und eine neue gründe. Es bildete sich eim Agitationscomits, welches eine sehr stark besuchte Versammlung einberief, in welcher nach vielen erregten Debatten der Vermittlungsantrag angenommen wurde, wonach vorerst ein Memorandum an den gegenwärtigen Vorstand zu richten sei,, in welchem der allgemeinen Mißstimntung Ausdruck gegeben und die Unzufriedenheit mit dein Cultus — die Gemeinde trägt den Namen „autonom-orthodox" — und besonders mit der überaus mißlichen Verwaltung motivirt dargestellt werde. Dem Vorstande wird bis zum 1. September Bedenkzeit gelassen; wenn bis dahin keine befriedigende, den Forderungen, genügende Antwort eintrifft, wird die Loslosung zur Thatsache. — Palästina. Jerusalem. Wir leben hier noch in den schrecklichsten Nebeln des Mittelalters. Excommunicatioit und Bannfluchstehen in üppigster Blüthe. Kaum sind die Töne des Bannfluchs verhallt, der über den „Zewi" ausgesprochen wurde, und schon wieder hat der Zelotismus ein Opfer gefnuden.