Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 36. (2.9.1886)
- Date
- 1886-09-02
- Page
- Seite 297 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- Kutno 1× ep/1047994
- Obernai 1× ep/1045339
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— 297 — und zwar in der von Frankfurt a. M. nach Jerusalem verlegten Monatschrift „pilDfc"* Jeder, der diese Zeitschrift liest, verfällt dem Banne, der im 10. Kapitel des Traktats Synhcdrin über die „Leser profaner Schriften" ausgesprochen ist. Die eigentlichen Helden dieser inquisitorischen Großthaten sind zwei polnische Rabbiner: R. Israel Jehoschua von Kutno und R. Chaim Eliezer Wachs von Pictruckow. Beide haben zu einem sehr löblichen Zwecke die Reise nach Jerusalem gemacht, aber — ohne Zelotismus gehks nicht. Es scheint, als ob die Spitze dieses „Cherem" sich auch gegen vr. Hildesheimer richtet, der die auf den Index gesetzte Monatsschrift warm protegirt und mit Beiträgen versehen hat. JmdiesemLager ist immerEiner ein größererZelote, als derAndere, und alles „leschcmSchomajim"! — (DasTraurigste bei der Sache ist, daß diese das Judeuthum so sehr verunstaltenden Heldcnthaten zwecklose Spielereien sind, denn auch in Jerusalem ist der „Cherem" schon Rumpelkammer-Waare. Läge doch erst der Zelotismus auch da, wo er hingehört: in der Rumpelkammer!) Jerusalem. Das „Montcfiore-Feld" wurde im Testamente des verewigten Moutefiore vergessen. Einige Rabbiner erklärten es daher für herrenloses Gut (1j7S,1). 100 arme Familien liefen zusammen, um Besitzrecht zu gewinnen. Sie hatten aber die Rechnung ohne den Wirth: Direktor Nissim Behar gemacht. Dieser hat alle gewaltsam entfernen lassen. Run liegt der Fall den höchsten rabbinischen Gerichtshöfen zum Anstrag vor. Schöne Zustände! Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Die Ausschließung jüdischer Einjährig- Freiwilliger von der Beförderung zum Reserveoffizier liegt nach einer Darstellung der „Breslauer Morgenzeitung" in der Hand der Regiinentskommaudeure. Wenn diese die Freiwilligen nach Ablauf einer sechsmonatlichen Dienstzeit nicht zunl Gefreiten befördern, so sind dieselben nach einer kriegsministeriellen Bestiminung vom 11. Dezember 1866 ohne weiteres von der Offiziersprüfung. welche am Ende des Dienstjahres stattfindet, ausgeschlossen. (Es würde interessant sein, über die hier obwaltenden Verhältnisse statistisches Material beizubringen.) Jordan. Der hier schon 17 Jahre wohnende Schneider Rvscnberg ist trotz mehrerer Eingaben an die Behörden mit seiner Frau uub sechs Kindern ausgewicscn worden. Da derselbe in sehr dürftigen Verhältnissen lebte, konnte er das Reisegeld nicht bestreiten. Es wurden ihm daher von der jüdischen Gemeinde 300 M. bewilligt. Chemnitz Die hiesige Gemeiitde ist in stetem Wachsen begriffen und die Zahl ihrer Mitglieder mehrt sich, seit durch die Bemühungen des jetzigen Vorstandes 'und das Interesse des jüngst verstorbenen Dresdner Oberrabbiners vr. W. Landau die Corporation zu Stande gekommeu. An der Religionsschule wirkt neben dem Rabbiner seit Ostern ein zweiter Lehrer für die jüngeren Kinder. Zu den nahen Festtagen ist ein zweiter Betsaal gemiethet, und auch ein zweiter Vorbeter engagirt worden, weil die Raume des alltäglichen Betsaales zu beschränkt sind. Möge die Gemeinde wie äußerlich so auch innerlich immer mehr erstarken! — Vergangenen Freitag Mittag wurde der 8jährige, einzige Lohn einer hiesigen angesehenen jüdischen Familie von einem Pferdebahnwagen umgerissen und so unglücklich überfahren, daß nach wenigen Stunden der Tod eintrat. Bei dem Begräbniß desselben erschienen sowohl der Director der Bürgerschule, welche der Knabe besucht hatte, als auch der Klassenlehrer mit der gesammteu Klasse, deren beide ältesten Schüler mir Palmzweigen voranschrilten. Elsaß. Die Rabbinen Levy aus Obernai und Dreifuß aus Saverue (Elsaß) haben aus Anlaß ihres 50jährigen Amtsjubilüums von dem deutschen Kaiser den Kroneuordeu erhalten- Herrn Dreifuß wurden die Insignien des Ordens durch den Kreisdirektor beim Festgottesdienste überreicht. Wie« Edler v. Küffner lJsr.) hat 600 000 fl. für die. Wiener Sternwarte gespendet. Oger (Böhmen). Wegen antisemitischer Huldigungen für den Fürsten Bismarck in einer Adresse des hiesigen deutsch-nationalen (antisemitischen) Vereins wurde die „Egerer Zeitung" kovsiszirt und der Verein vorläufig geschloffen. Pest. Die „Jüdische Pester Zeitung", die berüchtigte Ausbrüterin der Ente von dem freiwilligen Corps jüdischer Bulgaren während des bulgarisch-serbischen Krieges, und so mancher für die Juden günstiger Aeußerungen hochstehender Personen, colportirt wieder eine Aeußerung der Königin von Serbien, die sich gegen die Antisemiten richtet: Sie freue sich, daß der Antisemitismus nicht nach Serbien gedrungen, bedaure, daß die Juden Serbiens in Sephardim und Aschkenasim zerfallen, hoffe aber, daß mit der Wahl des aschkenasischen Rabbiners vr. Berenfeld seitens der Sephardim eine Einigung erfolgen werde. — (Wenn's nur nicht wieder eine Ente ist! Uebrigens sollten jüdische Blätter vor Uebertrcibungen sich sehr hüten. Die Wahrheit brauchen wir nie zu fürchten, die Lüge müssen wir immer fürchten, auch wenn sie uns günstig ist. Red.) Prag, 30. August. Vom Giebel des israelitischen Tempels in der Geistgasse, sowie vom jüdischen Rathhause weht seit drei Tagen eine schwarze Fahne als stumme Verkünderin der Trauer um den allzu früh verblichenen ehemaligen Vorsteher unserer Cultgemeinde, vr. Tcdesco, über dessen sterbliche Reste sich heut das Grab geschlossen, dessen Angedenken jedoch in den Herzen aller biederen und charaktervollen Mitbürger beider Confessionen in der böhmischen Hauptstadt noch lange, lange fortleben wird. Es lebte ein Stück antiken, edlen, äußerst selbstlosen Charakters in dem nun Hingeschiedenen, dessen unbegrenzte Bescheidenheit allein schon ihn bew un derns w er t h machte; man kann in der Thal bei all' den hohen Ehrenstellen, die dev Verewigte einuahm, bei all' den hohen Auszeichnungen, die ihm von unserem gütigen Monarchen zu Theil geworden, nicht bescheidener, einfacher uno anspruchsloser auftreteu, als er. — mr Worn Durch Niederreißung des Ghetto sind die durchgängig armen Bewohner desselben ihrer billigen Wohnungen beraubt worden. Um ihnen die Ansiedelung in andern Stadttheilen zu erleichtern, hat die Stadt 5000 Lire bewillig. zu welchen noch 10 000 fl. freiwillige Spenden kamen. Pom. Für das im Ghetto uiedergcrissenc jüdische Krankenhaus hat die Regierung der isr. Gemeinde das vor einigen Jahren säcularisirte Kloster St. Barthele.ny de L'Jsle eingeräunll. Petersburg. Am 3. Ellul begeht der verdienstvolle Redakteur des „Hameliz", Herr Alexander Zederbaum, seinen 76. Geburtstag. Seine Freunde — und er besitzt deren nicht blos iu sehr großer Zahl unter nnsern Glaubesgenossen in Rußland, für welche er in so ersprießlicher, rastloser Thätigkeit gewirkt hat, sondern in allen Ländern, wo mau sein in klassischem Hebräisch geschriebenes, jetzt „täglich" erscheinendes Blatt mit Interesse liest — sind bemüht, ihm an diesem Tage den Zoll der Dankbarkeit darzubringen. (Auch wir sendendem unermüdlichen Kämpfer für die Emancipation und die Kultur seiner russ. Glaubensbrüder, dem Förderer u. Verbreiter der hebr. Sprache u. Litteratur, unsere herz lichen Glückwünsche:?THP 112 ITT« HS 71121 Red.) Hier steht die „große Schul", eine alte Syna-' goge, die dem Verfalle nahe, seit Jahren nicht mehr benutzt wird. Einige Gemeinde-Mitglieder wollten sie restauriren lassen, aber .. die Zeloten widersetzten sich dem und erklärten: „Die Synagoge werfe mit Steinen nach Jedem, der ihr nahe!" — Kein Arbeiter wagte darauf, ihr nahe zu treten. Vor kurzem aber faßte ein Mitglied des Gemeiude-Bor. standes Muth und machte sich au die Restaurirung des altehrwürdigen Gebäudes. Es ist unglaublich, wie bei den Juden Rußlands und Polens der Aberglaube spuckt. _ 08et den Orthodoxen Deutschlands ist es nicht viel besser).