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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-09-02 · N° 36. (2.9.1886) · p. Seite 293

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 36. (2.9.1886)
Date
1886-09-02
Page
Seite 293 (sequence 3)
Language
German
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— 293 — Wir sind bemüßigt, aus dem Material dasjenige auszuscheiden, was nicht unbedingt zur Erken ntniß des Juden - thums führt, und dasjenige, was zur Erkenntniß unbedingt nothwcndig ist, einheitlich zusammenzusasscn und nach den Grundsätzen der wissenschaftlichen Pädagogik zu gliedern. Anstatt eine Reform der Methode des Unterrichtes anzubahnen, haben wir eine Reform des Ulitcrrichtsstoffes gestattet mib sind dadurch soweit gekommen, daß ein Kind, nachdem es 3 Jahre bei seinem Religionslehrer Geschichte des jüdischen Volkes gelernt, nicht einmal weiß, daß es Jude ist und seinen christlichen Collegen, den schlimmen Schneiderjungen, „Jude" schimpft. Wem nach solchen Erfolgen nicht die Schuppen von den Augen fallen, mag noch lange auf Erfolge warten. Während wir also die alte Methode, durch den Geist der jüdischen Litteratur die Jugend zu erziehen, ausgegeben, glaubten wir den bessern Ersatz in der Geschichte des jüdischen Volkes gefunden zu haben. Dabei haben wir ganz vergessen, daß das Kind die vaterländische Geschichte ebenfalls studin und für diese sich erwärmt und im hohen Grade intercssirt, indeß es die Geschichte der Juden wie die allgemeine Weltgeschichte behandelt, in der gewisse schöne Charakterbilder auf sein Gemüth bildend wirken, .ohne daß es deßhalb in eines jener Völker aufgehen wollte. Das österreichische Kind will die Geschichte seiner Heimath kennen, während es den andern Theil der Weltgeschichte als die Geschichte des Auslandes behandelt. Wir sehen den Erfolg: das jüdische Kind an unserer Staatsanstalt behandelt die Geschichte des jüdischen Volkes wie die der Griechen und Römer. Es lernt nicht durch die Geschichte dieses Volkes die hohe Bedeutung desselben kennen, es lernt vielmehr dieses Volk verachten; denn es schimpft seinen christlichen Collegen „Jude". Bedarf cs wohl eines bessern Beweises, daß dieser Unterrichtsgang unsere Jugend dem Judenthum ganz entfremdet? Die ganze Generation ist verloren, und wenn wir nicht auf Galizien und Ungarn rechnen dürften, können wir bestimmt erwarten, daß in wenigen Jahren untere Tempel selbst an den hohen Feiertagen leer stehen werden. Unlängst erst erklärte mir eine vornehme Frau, daß ihr Sohn, der bcn maturirt hatte, ihr offen gestand, daß er gerade durch )en Religionsunterricht zur Uebcrzeugung gelangt sei, „es ei ein Unglück Jude zu sein". Und das ist etwa nicht eine Ausnahme, das wissen unsere Religionslehrer am besten. Trotzdem forscht keiner nach dem Grunde dieser Erscheinung- Und doch liegt das psychologische Moment so nahe. Das Kind lernt die Geschichte Israels, lieft einige Kapitel aus den Propheten. Das sind Bruchstücke, aus denen das Kind nur die Schattenseite dieses Volkes erhält, während ihm )ie Lichtseite in der einzelnen Person, dem Propheten, vorgesührt wird. Wir erziehen es demgemäß planmäßig in Haß nnd Erbitterung gegen dieses Volk, für die Erkenntniß des Zudenthums und seiner Mission bietet die Geschichte dieses Volkes nur wenig (?Red.)Momente; der wichtigste erziehendeThcil 'rhält also keinen Platz in unserem Lehrplan. Somit dürfen wir uns nicht wundern, wenn unsere Jugend durch )iesen Unterrichtsgang dem JudenthUm entfreindet wird und ms Volk Israel wie die Griechen und Römer in die Vcr-;angenheit versetzt oder seine Glaubensgenossen nach der beschichte beurtheilt oder nach dem Bilde, das der Prophet Zesaias vom Volke Israel entwirft. Wir erziehen so gewissermaßen den Antisemitismus in unserer eigenen Mitte. Wir müssen zur Bibel selbst zurückkehren, die die Gechichte der sittlich-religiösen Erziehung unseres Volkes uns orführt. In dieser Geschichte werden uns Charakterbilder us dem Leben dieses Volkes gezeichnet, die so ganz berechnet irid, auf das Gemüth zu wirken. Welcher Stoffs aus der Litteratur hcrausgeholt, wie erselbe nach der Herbartischen Methode gegliedert werden mß, das wollen wir demnächst ausführlich behandeln. Einstweilen mag es genügen, an der Hand der vorliegenden Thatsachen auf die ganz verfehlte Richtung des sittlich-religiösen Unterrichtsganges hingewiesen zu haben. Wien, am 26. Juli 1886. W. Unsere Cirltusbea»iten. Rabbiner und Lehrer haben ein gleichartiges Amt, beide unterrichten Religion; der Lehrer unterrichtet Kinder, der Rabbiner Erwachsene. So war es ehedem; das Verhältniß hat sich geändert. Der Rabbiner ist hernutergestiegen und unterrichtet auch Kinder, der Lehrer ist hinaufgestiegen _ und unterrichtet auch Erwachsene. Al? Unterricht,der Erwachsenen gilt jetzt der religiöse Vortrag, die Predigt, denn erweiterter Religivns-(Thora-)Unterricht und Talmudstudium wird nicht mehr gesucht. Religiöse Entscheidungen, Beantwortung rabbi nischer Fragen (Schaalot) werden immer seltener; eventuell übernimnrt auch diese der Lehrer, muß sie oft wider Willen übernehmen. Selbst die Predigt ist nicht mehr wie ehedem integrirender Theil des Gottesdienstes. Gar manche Synagoge entbehrt der Predigt überhaupt, in anderen ist nicht jeder Gottesdienst von der Predigt begleitet. Und doch ist die Predigt, d. h. Schriftvorlcsung mit Forschung und Erklärung darüber eigentlich und ursprünglich Hcmpttheil des jüdischen Gottesdienstes; das Gebet legt sich um die Predigt, wie der Rahmen um das Bild. Indeß glauben sich heute die Erwachsenen dem weitern und fortbildenden Religionsunterrichte entwachsen, man läßt sich nicht durch die Predigt belehren und erheben, man glaubt sich darüber erhaben. Aller Religionsunterricht ist jetzt auf den Unterricht der Kinder beschränkt, man begnügt sich Zeitlebens mit den Elementen des religiösen Wissens. Selbst aber wo die Lehrer predigen, so ihnen Kenntnisse und Geschick nicht fehlen, fehlt ihnen doch meistens die freie und würdige Stellung, welche auch erforderlich ist, um dem gelehrten und gesprochenen Wort Nachdruck zu geben und Einfluß zu verschaffen. Der Rabbiner unterrichtet und der Lehrer predigt; beides nach dein Vorbilde von Moses, der „unser Lehrer" heißt und den Wunsch ausspricht: „Möchten doch Alle Prediger sein!" Der Wunsch freilich gicbt zu erkennen, daß nicht Alle den Beruf dazu in sich tragen. Wo dieser aber fehlt, ist es seitens der Gemeinden Unrecht unb Verkehrtheit, denjenigen, welcher nicht Prediger sein will und kann, das Predigeramt und den Predigerberuf aufzunöthigen. Ehemals standen gar oft besondere Prediger neben dem Rabbiner, als Volkslehrer, wie der Lehrer für den Kinderunterricht bestimmt war. Der Rabbiner war durch den Prediger nicht überflüssig gemacht; des Rabbiners Wirksamkeit war auf Förderung, Erforschung und Verbreitung der Wissenschaft und Lehre, auf Entwickelung und Vertheidigung des Judenthums gerichtet. Leider haben heute nur Wenige einen Begriff von der Rothwendigkeit und Wichtigkeit dieser rabbinischen Thätigkeit für den Bestand und Erfolg des Judenthums. Man weiß nichts von einer besonder» jüdischen Wissenschaft und erkennt deren Nothwendigkeit und Pflege nicht an. Ehedem wurde diese von Jedem im Volke, auch dem Nichtgelehrten, unterstützt, heute findet man außerhalb des Fachkreises kaum noch Förderer, wohl aber Hinderet'. — Eine direktere Beziehung zum Gottesdienste hat der Vorbeter, auch Vorsänger (Cantor) genannt. Die hebräische und eigentliche Bezeichnung desselben ist ",122c rrbv (pW; diese führte er ursprünglich als „Abgesandter," Betrauter und Vertreter der Gemeinde. Vielfach herrscht unter den Borbetern (Cantoren) die Meinung, daß sie die Amts-Nachfolgcr der ehemaligen Tempel-Priester und somit heute die eigentlichen Vertreter der Synagoge und des Gottesdienstes, die eigentlichen Cultusbeamten seien. Die Priester haben geopfert und geräuchert, denn der ehemalige Tempeldienst bestand im Opfern und Räuchern; an die Stelle der Opfer und des Räucherwerkes seien die Gebete getreten, welche von den Cantoren vorgetragen werden; somu seien diese die eigentlichen Nachfolger der Priester und heutigen

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