Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 36. (2.9.1886)
- Date
- 1886-09-02
- Page
- Seite 292 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 292 — fremd; er war edel genug nachzugeben, wenn der Reformelfer nur nicht an den Fundamenten rüttelte; ihn verlangte nicht nach der Befriedigung seines Ehrgeizes, sondern nach der Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Dresdener Gemeinde, die sein Stolz war, wie er ihr Stolz gewesen ist. Er hatte nicht nur auf der Kanzel, sondern auch in der Debatte die Beredtsamkeit, welche nicht durch scharfe Pointen verwundet und verbittert, sondern, welche vereint und versöhnt; ist es es doch zumeist die Leidenschaftlichkeit der Polemik. welche den Gegensatz verschärft, die Kluft erweitert. Als vor Kurzem aus Frankreich die bekannte Broschüre über die Ehescheidung zu uns herüberkam, wies auch Landau in der Unterhaltung über dieses Thema auf einige Artikel eines orthodoxen Blattes hin, die gegen diese Broschüre gerichtet waren; er war über diese Aufsätze tief erregt, und dennoch war er in der Ablehnung dieser französischen Vorschläge mieden deutschen Kritikern ganz einverstanden und brachte auch neue, kräftige Argumente zur Abwehr. Aber ihn erschreckte der böse Ton, den der orthodoxe Kritiker anschlug. Er sagte: da sucht ein Mann redlich und treu in einem Konflikt zwischen dem alten Judenthuin und dem modernen Leben, den wir alle, die wie ein rabbinisches Amt verwalten, schwer genug empfinden, eitlen Ausweg — es ist wahr, auf diesem Wege geht es nicht; aber warum wird dieser Irrthum sogleich zum Verbrechen gestempelt, warum wird die wohlmeinende Absicht verkannt, warum erhebt man gleichsam ein Trumphgeschrei der Schadenfreude darüber, daß diejenigen, die mit der altjüdischen Ehegesetzgebultg nicht brechen wollen, zuweilen in eine Sackgasse gerathen und aus Rücksicht auf die Tradition die Forderungen des menschlichen Gemüthes unerfüllt lassen müssen? Ihm schien dies Streben anerkennenswerth, auch wenn cs den rechten Weg verfehlt habe, und er begriff nicht, daß ein so wackerer Mann noch verlästert und verketzert werden müsse. Und weil Landau so reinen Sinnes war, hatte er Frieden mit aller Welt; selbst die antisemitischen Bätter Dresdens konnten nicht umhin, dem Manne, den die ganze Bürgerschaft verehrte, wegen seine gründlichen Kenntnisse sowohl wie wegen seines über die Schranken des Bekenntnisses hinansrcichenden humanen Wirkens, bei seinem Heimgange Worte der Anerkennung zu weihen. Landau hat nicht nur um seine Gemeinde große Verdienste, sondern er hat auch im ganzen Königreiche Sachsen, als nach der Proklamirung der Freizügigkeit, sich dort überall Juden ansiedelten, für die Konstituirung jüdischer Gemeinden auf's Ersprießlichste gewirkt; er wußte die sächsische Regierung dafür zu interessiren, diese gab den kleinen Gemeinden, die noch kaum flügge waren, Subventionen und ihm gelang es. durch freundliches Zureden den Gemeinsinn unter den Juden, die aus aller Herren Länder nach Chemnitz, Plauen. Zittau u. a. gekommen waren, zu wecken, daß sie die schweren Laster zur Erhaltung des Kultus willig ertrugen. So ist der Heimgang dieses ehrwürdigen Mannes nicht nur ein Verlust für seine Gemeinde, sondern das ganze deutsche Judenthum hat an ihm einen seiner berufensten Führer verloren. Möge die Saat, die er ausgcstreut hat, zur Ehre des Judenthums und zum dauernden Ruhm des Verblichenen blühen und gedeihen! Zur Reform der Methode des Religionsunterrichtes. Die Fortschritte, die das Volkserziehungswesen in den letzten Decennien gemacht, sind nicht ohne Erfolg bei der Ausbildung der gesammten Staatserziehung geblieben. Selbst die Mitttelschulen. die auf der festen Grundlage ihrer mittelalterlichen Einrichtung ruhen, müssen diese aufgeben und der modernen Pädagogik freie Hand lassen. Nur der Religionsunterricht schließt sich noch ab gegen die Anforderungen der wissenschaftlichen Pädagogik. Die Schule Zillers hat freilich auch auf diesem Gebiete aufzuräumen begonnen und der Herbartischen Richtung den Weg frei gemacht. Bei der bedeutenden Anzahl von Schülern, die dieser Lehrer ausgebildet, welche heute das mühevolle Werk, den Religionsunterricht nach den Grundsätzen ihres Meisters auszubilden, fortsetzen, ist es anzunehmen, daß in beit protestantischen Schulen ein besserer Geist einziehen und die sittlich-religiöse Erziehung den ihr in der Schule zugewieseneu Platz aussüllen werde. Nur in den jüdischen und katholischen Schulen herrscht noch die alte Methode. Es ist ein Vorurtheil gegen die neue pädagogische Richtung, die man, weil sie von Seiten protestantischer Pädagogen ausgegangen, zurückweist. Wir fragen jedoch: Giebt uns die Methode das Material für den Unterricht? In dem Unterrichtsmaterial kann nur der Einfluß liegen, den wir fürchten; und eine Reform des Unterrichtsmaterials würde wohl die Befürchtung rechtfertigen; niemals aber darf eine Reform der Methode zurückgewicsen werden?" Herbart war kein Lehrer; er hat nicht unterrichtet und seine Verdienste um' die Reform des Unterrichtes gehören mehr auf das Gebiet der Psychologie, der er den rein pädagogischen Charakter zurückgegeben. Seine Psychologie ist Pädagogik, und seine Pädagogik ist Psychologie. Wenn wir einmal auf den Satz gestoßen sind: „Der Gedanke repräsentirt eine Kraft, Gedanken oder Veränderungen unseres Zustandes hervorzurufen," dann sind wir ans dem Wege zur wissenschaftlichen Pädagogik. Wir fragen uns: „Wie müssen wir Gedanken wirken lassen, wenn wir ein Gedankenbild in der Seele wachrufen oder einen bestimmten Zustand wecken oder erziehen wollen. Nachdem uns in unserer Litteratur das Material für die sittlich-religiöse Erziehung geboten ist. muß erst unsere erste und heiligste Ausgabe sein, irach dem Herbartischen Grundsatz, zu untersuchen, wie wir dieses Material Herrichten müssen, um dasselbe in eine bewegende Kraft umzuwandeln, das Wesen des Kindes durchzubilden. Mit dieser Frage wollen wir uns leider noch immer nicht beschäftigen, weil die ungebildete Masse diese wissenschaftliche Reform der M ethode des Unterrichtes als Reform der religiösen Anschauung perhorrcszirt und unsere Lehrer leider allzuoft kein Berständniß für diese Reform haben und vor der großen Schwierigkeit bei der Anwendung derselben zurückschrecken, denn es ist gewiß leichter, unbekümmert um die Individualität des Kindes' und um die Grundsätze der wissenschaftlichen Methode einfach nach einem beliebigen Buch^ vorzugehen.il einen Absatz lesen zu lassen und dann den Inhalt vorzu-; tragen. , . j Solange die Inden abgeschlossen im Ghetto lebten j und ihre ganze Zeit dem Studium der jüdischen Litteratur,; widmen konnten, fand man es nicht nöthlg. an eine Reform, | der Methode, an eine Ausscheidung des zur Erkenntniß des; Judenthums und des Geistes seiner Litteratur unbedingt nothwendigen Materials zu Unterrichtszwecken zu denken. Man begann mit der Bibel, kümmerte sich gar mch^um die j Geschichte des Judcnthums und ging über zum Studium! des Talmuds und seiner Commcntatoren. Das hat das Judenthum erhalten, die Litteratur fortgesetzt. Wie wollen wir jedoch heute das Kind, an das das Leben so viele Ansprüche stellt, mit diesem Ricsenstoff ver- > traut machen? $