Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 35. (26.8.1886)
- Date
- 1886-08-26
- Page
- Seite 286 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 286 — Ungunst der Witterung oder sonstige Unbequemlichkeit scheuen, den Gang zur Kirche zu unternehmen", steht mit den Thatsachen, wenigstens in städtischen Verhältnissen, im Widerspruch. Auf den Dörfern allerdings werden fast alle Taufen, mit nur wenigen Ausnahmen, in der Kirche vollzogen, weil der Bauer gewöhnlich.keine „gute Stube" hat. In der Stadt, auch der kleinern, ist das Verbältniß gerade umgekehrt: die meisten Taufen werden im Hause und die wenigsten in der Kirche vollzogen. — Doch warum auch immer die Praxis anderer Confessionen als Muster anführen: eine häßliche Sitte wird nicht schöner dadurch, daß sie von den andern Confessionen befolgt wird, und eine schöne Sitte dadurch nicht häßlicher, weil sie bei andern Confessionen keinen Eingang gefunden. Ich glaube aber oben bewiesen zu haben, daß die bei uns übliche Praxis, die Trauungen — und was für diese gilt, gilt ja auch für die andern religiösen Acte — nicht ausschließlich in der Synagoge zu vollziehen, unter allen Umständen ebenso ihre schönen, wie ihre häßlichen Seiten hat. Kaunover. (Schluß.) Den Hauptgegenstand der zweiten Sitzung, welche von 2l/2—6 Uhr Nachmittags währte, bildete der Vortrag des Lehrer Selig-Gleidingen über den liturgischen Gesang. Die Pflege und allgemeine Verbreitung des liturgischen Gesanges sei ein Hauptsaktor nicht nur zur Hebung, sondern auch zur Neubelebung unseres Gottesdienstes. Es sei leider eine allzubestätigte Thatsache, daß der Jndifferentismus auf Seiten unserer Religion alle Gebiete und fast alle Schichten unserer Glaubensgenossen okkupiert, daß er unheilbringend selbst die Grenzen unserer Gotteshäuser überschritten habe. Selbst wenn man zugeben wollte, daß namentlich in kleinern Gemeinden, die eines mit guten Stimmmitteln begabten Vorbeters und am meisten eines Rabbiners entbehren, die ganze Handhabung und Leitung des Gottesdienstes nicht im stände sei, die Andacht der Mitglieder während der ganzen Dauer des Gottesdienstes rege zu halten, wodurch eine unliebsame Langeweile, die zu einem gemüthlichen Plauderstündchen oder dem allbekannten Laufen führe, entsteht, so seien aber auch ähnliche Zustände in großen Gemeinden, die sich eines geregelten Gottesdienstes erfreuen, zu finden. Heraus sei zu schließen, daß sowohl in kleinern wie in größer» Gemeinden die Handhabung des Gottesdienstes noch an verschiedenen Gebrechen leiden muß. Es sei zwar nicht zu leugnen, daß seit dem Beginne dieses Jahrhunderts oder wenigstens seit den letzten 4 Jahrzehnten vielfache Anstrengungen gemacht worden seien, durch Einführung besserer synogogaler Gesänge, deutscher Predigten, den Gottesdienst soviel wie möglich zu verschönern. Es habe sich aber herausgestellt, daß diese Bestrebungen nicht ganz von gehörigem (Äfolge gekrönt waren. Wohl nicht ganz mit unrecht wurde zwar das laute Durcheinanderbeten in sehr vielen Gemeinden untersagt, man bot aber keinen Ersatz für die früher doch einigermaßen vorhanden gewesene Theilnahme. Anstatt andächtiger Beter erhielt man stumme Zuhörer, die sich wohl an dem Gesänge des Vorbeters und des Chors ergötzten, aber nicht erbauten. Dies mußte den Jndifferentismus zur Folge haben. Um diesem Uebel abzuhelfen, muß ein wohlgeordneter, gut eingeübter Gemeindegesang eingeführt werden, der die Gemeinde in Aktivität versetzt und wodurch alles Fremdartige ferngehalten wird. Die Einführung desselben kann aber nur durch seine Pflege bei unserer Jugend geschehen, denn von der ältern Generation sei ein Theil durch Berufsgeschäfte, ein anderer Theil durch Jndifferentismus und der dritte Theil durch die strenge Stabilität nicht hierzu geeignet. Deshalb soll in der Schule in mindestens 1 Stunde wöchentlich von Knaben und Mädchen der Gemeindegesang gepflegt werden. Es empfehle sich, daß für ganz Deutschland, mindestens aber für mehrere benachbarte Provinzen ein einheitliches Melodienbuch eingeführt werde, damit, wenn das Kind hier die Gesänge geübt hat, es dieselben Gesänge und Melodien auch dort hört, wo es dereinst seinen Wohnsitz aufschlägt. Dieser Umstand gerade kann eine weihevolle Stimmung Hervorrufen. Was die Einübung beträfe, so seien hierfür dieselben Grundsätze maßgebend, die beim Gesangunterricht überhaupt in Betracht kommen. Es sei zugleich zweckmäßig, wenn der Text in der Uebersetzungsstundc übersetzt und erläutert werde. Referent erntete lauten Beifall für die fleißige Arbeit und der Vorsitzende sprach im Namen der Versainmlung den Dank derselben aus. Rosen bäum-Hameln glaubt, die Wurzel des Uebels liege in der verbreiteten Irreligiosität. Die Jugend müsse mit mehr Verständniß für den Gottesdienst erfüllt werden. Er schlage deshalb vor, für die Kinder am Sabbat und Festtagen einen Separatgottesdienst einzurichten. Die Einführung eines gemeinschaftlichen Melodienbuches halte er bei der Verschiedenheit der Ansichten für unmöglich. (Der Schlußsatz ist ganz unbegreiflich. Was hat das Melodienbuch mit der Verschiedenheit der Ansichten zu thun? Wir halten dre Sohire beth Jacob üoit Liebling-Jacobsohn für sehr geeignet zur Einführung in Schulen und Gemeinden. Red.) Or. Krön er meinte, die Einführung des Gemeindegesanges werde die Indifferenten nicht in die Synagoge führen, wie die Erfahrung dies bereits gelehrt habe. (Wo? Red.) Besondere Stunden zur Pflege des Gemeiudegesanges halte er nicht für nothwendig, da diese Gesänge gleich den Chorälen in christlichen Schulen auch in der Gesangstunde der jüd. Elementarschulen geübt werden können. (H. Or. Kroner war früher — auf den Conferenzen der jüd. Cultusbeamten Mittel- Deutschlands — anderer Ansicht über Werth und Bedeutung des Gemeindegesanges, auch über den Einfluß der Orgel auf die Hebung des Tempelbesuches sprach er sich im vorigen Jahre — mit Bezug aus die Einführung des Orgelgottesdienstes in Erfurt — sehr günstig aus. Red.) Als Resultat wird folgende These angenommen: Der Unterricht im liturgischen Gemeindegesange ist al» Vorbereitung zur würdigen Gestaltung des Gottesdienstes von großer Wichtigkeit und seine Einführung sowohl in den jüdischen Volksals Religionsschulen zu empfehlen. (Bravo!) Weinberg-Bodenfelde stellt hierauf den Antrag, daß die Themata zur Konferenz nicht allein aus dem Religionsunterrichte, sondern auch aus den allgemeinen Fächern genommen werden sollen. — Es wird dies zugesagt. Nach der üblichen Dankeserhebung und Feststellung des demnächstigenZusammenkunftsortes (Hameln) wird dieConferenz geschloffen. Anorvrazkarv, 16. August. (Or.-Corr.) Ein eigenthümlicher Vorfall macht jetzt hier viel von sich reden. Seit etwa vier Monaten ist in unserer Gemeinde ein Synagvgenchor unter der Leitung des ersten Cantors, Herrn Jaretzki in der Bildung begriffen. In demselben wirken zum größtentheile Schüler der hiesigen Simultanschule mit, die jedoch zu diesem Behufe nur alle vier Wochen Dispens vom Unterricht während des Gottesdienstes erlangen konnten. Infolge dessen konnte bisher der Gesang auch nur alle vier Wochen, und zwar am Sabbat der Neumondsverkündigung stattfinden. Zum größten Befremden Aller ist jetzt aber auch dieser Dispens den mitwirkenden Knaben infolge Verfügung der Königl. Negierung zu Bro nbcrg entzogen worden, und ist somit diese neue Institution, die den, wegen der schon trefflichen Leistungen, ungetheilten Beifall der Tempelbesucher gefunden, völlig lahm gelegt worden, Wie wir hören, hat der Gemeindevorstand diese Sache nun in die Hand genommen und ein von den betreffenden Eltern der mitwirkenden Schulkinder unterschriebenes Gesuch auf Grund einer vorhandenen ministeriellen Verfügung au die hiesige Schulinspektion gerichtet, die Kinder während des Go:tesdienstes zu dispensiren, ob mit Erfolg, ist abzuwarten. Es ist diese Thatsache abermals ein Zeichen der Zeit. Während die evangelischen Schulkinder noch viel öfter